26.05.2026
Der unterschätzte Star
Er ist einer der besten Center der NFL, spielt zuverlässig wie eine Maschine und verdient dabei erschreckend wenig im Vergleich zu seiner direkten Konkurrenz. Aaron Brewer ist womöglich der am schlechtesten bezahlte Topspieler der gesamten Liga. Doch wie genau passiert so etwas? Eine Geschichte über Ungerechtigkeit, fehlende Schlagzeilen und das gnadenlose Business der NFL.

Sieben Millionen Dollar pro Jahr. Das ist das Gehalt, das Aaron Brewer als Center der Miami Dolphins aktuell verdient. Zum Vergleich: Tyler Linderbaum, der kürzlich als neuer Center der Las Vegas Raiders einen historischen Vertrag unterschrieben und damit den Markt neu definiert hat, kassiert 20 Millionen Dollar mehr pro Saison. Nicht 20 Millionen insgesamt, 20 Millionen mehr (!) als Brewer. Wer jetzt denkt, Linderbaum müsse den Center der Dolphins sportlich also um Längen überragen, der irrt. Die Zahlen erzählen eine völlig andere Geschichte.
Brewers Weg in die NFL war alles andere als glamourös. Ungedraftet kam er 2020 in die Liga, kämpfte sich bei den Tennessee Titans durch und wechselte 2024 nach Miami. Seitdem gehört er still und leise zu einem der verlässlichsten Interior-Linemen der gesamten Liga.
In jedem der vergangenen vier Spieljahre absolvierte er mindestens 900 Snaps, in drei der vier Saisons sogar mehr als 1000. Kontinuität auf höchstem Niveau, Woche für Woche, Saison für Saison.
Wer die Leistungsdaten von Pro Football Focus (PFF) heranzieht, bekommt ein klares Bild. In den vergangenen zwei Spielzeiten bei den Dolphins ließ Brewer zusammen gerade einmal drei Quarterback-Sacks zu. Die Saison 2025 schloss er mit einer Gesamtnote von 87,4 als zweitbester Center der gesamten NFL ab, nur übertroffen von Creed Humphrey (Kansas City Chiefs), der seit dem Rücktritt von Jason Kelce als bester Mann auf dieser Position gilt.
Linderbaum hingegen, der für sein Rekordgehalt gefeierte Neuzugang in Las Vegas, landete im selben Ranking lediglich auf Platz 5 mit einer Note von 80,2. Und auch er ließ in zwei Jahren kombiniert zwei Sacks zu, was auf den ersten Blick ähnlich klingt, bei näherer Betrachtung aber eine andere Dimension bekommt.
Wer tiefer in die Statistiken eintaucht und weg von Sacks hin zu erlaubten Quarterback-Pressures geht, stößt auf eine noch deutlichere Diskrepanz. Brewer ließ in den vergangenen zwei Spielzeiten insgesamt 26 Pressures zu. Linderbaum kam im selben Zeitraum auf 45. Das ist kein kleiner Unterschied, das ist ein anderes Leistungsniveau. Und das bei fast viermal so hohem Gehalt zugunsten des Raiders-Centers. Selbst wenn man bis in die Saison 2024 zurückgeht, findet man Brewer unter den acht bestbewerteten Centern der Liga.

Was die nackten Zahlen dabei noch gar nicht vollständig abbilden: Brewers größte Stärke liegt nicht einmal im Pass-Blocking, sondern im Run-Blocking. Genau dort, wo einige Center ihre Schwächen haben, glänzt der Dolphins-Profi am meisten. Ein vollständiges Leistungsprofil, das in dieser Form in der Liga nur selten zu finden ist.
Wie kann es sein, dass ein Spieler dieser Klasse nur auf Platz 10 im Center-Gehaltsvergleich landet? Die Antwort liegt im System. Brewer kam ungedraftet in die Liga, trägt kein Erstrundensiegel, das Franchises oder Agenten bei zukünftigen Vertragsgesprächen als Rechtfertigung für große Zahlen heranziehen können. Spieler wie Linderbaum, an Position 25 der ersten Runde im Draft 2022 von den Ravens ausgewählt, bringen dieses Label mit.
Ein Draftpick-Label dieser Art beeinflusst nicht nur die Gehaltsentwicklung, sondern in manchen Fällen sogar die bloße Chance, in der Liga zu bleiben. Zudem ist Center eine Position, die in der öffentlichen Wahrnehmung kaum Schlagzeilen produziert. Kein Highlight-Reel, keine Touchdown-Jubel, kein Social-Media-Buzz.
Aaron Brewer ist kein Einzelfall, aber er ist das vielleicht deutlichste Beispiel dafür, wie ungerecht das Gehaltsgefüge der NFL sein kann. Man könnte ein überzeugendes Argument dafür aufbauen, dass er in den vergangenen zwei Jahren zu den fünf, vielleicht sogar drei besten Centern der gesamten Liga gehört hat.
Und trotzdem verdient der drittbestverdienende Center, Cam Jurgens von den Philadelphia Eagles, mit 17 Millionen Dollar pro Jahr mehr als doppelt so viel wie er. Das ist kein sportliches Urteil, das ist das Ergebnis von Draft-Positionen, Marktwert-Narrativen und einer Öffentlichkeit, die Linemen schlicht zu selten die Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdienen.
Man kann sicherlich auch argumentieren, dass Linderbaum im Vakuum betrachtet der komplettere und vielleicht sogar bessere Spieler ist, aber selbst wenn man zu diesem Schluss kommt, rechtfertigt das in keinem Fall, dass Linderbaum fast viermal so viel Geld bekommt wie Brewer.
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