vor 9 Stunden
Deutscher Tight End
Der Weg in die NFL schien vorgezeichnet für den Deutschen Alexander Honig, doch entgegen aller Erwartungen entschied sich der Tight End gegen den Draft und für ein weiteres Jahr am College. Was ihn zum Wechsel in die Big Ten bewogen hat und welchen Einfluss Chip Kelly an seiner Entscheidung hatte, erklärt er im exklusiven Interview.

Herr Honig, Ihr Ziel war eigentlich klar vorgezeichnet - der Draft 2026. Warum jetzt doch der Weg über die Northwestern Wildcats und nicht direkt in die NFL?
Alexander Honig (23): Es war natürlich eine riesige Entscheidung. Aber die habe ich ziemlich schnell getroffen innerhalb von ein paar Wochen. Ich habe mit ein paar Coaches gesprochen bei UConn, als die Saison vorbei war und man ein bisschen zur Ruhe gekommen ist. Darüber nachgedacht, was hier das Potenzial ist nach der Saison, wo ich landen würde und allgemein, wie meine College-Karriere gelaufen ist. Dadurch, dass ich bei UConn nicht die Competition und die Gegner hatte wie in der Big Ten oder der SEC wäre der Schritt in die NFL schwerer gewesen. Ich wäre beim Draft vermutlich als Sechst- oder Siebtrundenpick gegangen, aber das ist ja oft ein Coin Flip. Man kann auch als Undraftet Free Agent enden. Durch meine Verletzung hatte ich die Möglichkeit ein Jahr im College dranzuhängen. Und ich muss ganz ehrlich gestehen, dadurch, dass man jetzt im College auch bezahlt werden kann, war die Entscheidung nicht schwer, die NFL liegen zu lassen.
Sind Sie jetzt glücklich mit Ihrer Entscheidung?
In langfristiger Hinsicht ist ein weiteres Jahr am College besser für mich, als auf einer Practice Squad zu sitzen und mich zu versuchen, da zu etablieren. Jetzt hab ich die Möglichkeit, hier in der Big Ten zu spielen. Anscheinend haben wir das schwerste Schedule im College Football hier bei Northwestern, da wir bei allen Top-3-Teams auswärts spielen dieses Jahr, Oregon, Ohio State und Indiana.
Genau das hab ich gesucht. So kann ich nicht nur zeigen, dass ich in der Big Ten mithalten kann, sondern mich wirklich als einer der besten Tight Ends etablieren und die NFL-Scouts sehen, wie mein Level ist. Nächstes Jahr ist natürlich das Ziel, nicht in der sechsten oder siebten Runde gepickt zu werden, sondern früher im Draft zu gehen und dann eine Möglichkeit haben, auch in meinem NFL-Team durchzustarten, anstatt einfach nur Backup zu sein.
University of Conneticut vs Nothwestern: Wo bemerken Sie den größten Unterschied?
Ein kleiner Unterschied, den ich bemerke, ist, dass es auf allen 11 Positionen keine Schwachstellen gibt. Bei niedrigeren College-Ligen, da gibt es diese entweder im Spiel oder im Scouting. Aber hier in der Big Ten oder zumindest bei Northwestern ist es grundsätzlich so, dass die Backups schon deutlich etablierter sind, deutlich mehr Spielerfahrung haben und auch genauso kräftig sind, genauso athletisch. Ich erwarte dann auch ab Saisonstart, dass es keine einfachen Gegner mehr gibt.
Mit Chip Kelly haben Sie seit kurzem einen OC vor der Nase mit ordentlich NFL-Erfahrung. Bereitet er Sie nochmal anders auf den Einstige in die Profi-Liga vor?
Auf jeden Fall. Unsere Offense bei Connecticut war schon sehr NFL-nahe und eine Pro-Style-Offense, aber mit Chip Kelly kommt jemand, der gerade in der NFL war und praktisch das komplette Playbook aus der NFL mitgebracht hat. Und wenn man Chip Kellys Geschichte anschaut mit seinen erfolgreichen Offenses, da gibt es kaum einen Besseren, unter dem du spielen kannst.

Er benutzt viel 12-Personnel, hat zwei Tight Ends auf dem Platz. Der TE ist ein super wichtiger Spieler in seiner Offense und ich muss ganz ehrlich gestehen, das war einer der Hauptgründe, warum ich jetzt hier bei Northwestern bin. Die Defense bei Northwestern war schon mehrere Jahre sehr gut und jetzt ist die Hoffnung mit Chip Kelly einen Aufschwung in der Offense zu schaffen und in der Big Ten bisschen für Unruhe zu sorgen, wo man letztes Jahres gesehen hat, dass Teams wie Indiana, plötzlich was erreichen können.
Wie schwierig ist es den Fokus auf eine weitere College-Saison zu legen, wenn man gedanklich schon beim NFL-Draft war?
Natürlich haben alle meine Freunde den Schritt in die NFL gemacht und sind jetzt gerade bei Minicamps und haben andere Erfahrungen, während ich hier meine Summer Workouts mache, wie die letzten fünf Jahre schon. Der größte Unterschied ist natürlich, dass ich hier einer der Älteren bin, anstelle ein junger Rookie in der NFL zu sein.
Ich wollte aber nicht egoistisch sein und nur an mich denken. Deshalb hab ich aktiv versucht, neue Freundschaften zu bilden und diese Chemie im Team aufzubauen. Das ist heutzutage im College echt schwierig, es gibt so viele Transfers und es ist praktisch wie in der Profiliga, dass Leute in der Offseason dazukommen und dann das Team neu geformt wird jedes Jahr.
Der Locker Room, die Jungs, da ist wirklich unglaubliche Chemie im Team. Das hat mir geholfen, mich voll auf die Saison zu fokussieren und mit dem Team was erreichen zu wollen. Obwohl ich hier nur eine Saison spielen werden, wird die Zeit mich ewig prägen, weil ich jetzt schon so viele gute Erfahrungen gemacht habe.

Wie nehmen Sie die steigende Begeisterung für College Football in Deutschland wahr?
Ich glaube, das ist der nächste Schritt, den wir hoffentlich im deutschen Football-Fandom sehen werden, dass Leute auch College Football gucken können. Als jüngerer Spieler in Deutschland hab ich immer gerne College Football geguckt, weil es Samstag war, man konnte danach spät ins Bett gehen. Sonntag war es immer schwer, die späten Spiele anzugucken.
Mit Blick auf den Draft 2027: Wie hoch ist die Konkurrenz auf Tight End in der kommenden Klasse?
Ich vergleiche mich nur mit Leuten, die schon in der NFL sind oder eine erfolgreiche NFL-Karriere haben und gucke, wo die gelandet sind und wie ihre College-Karriere abgelaufen ist. Aber man sieht ja wie wichtig die TE-Position dieses Jahr im Draft war. Ich hoffe natürlich, egoistisch gesehen, für mich nächstes Jahr, dass das genauso nochmal passiert, weil dann kann es schnell passieren, dass man plötzlich nach vorne rutscht. Das macht natürlich einen riesigen Unterschied vom Gehalt und auch von der Möglichkeit zu sagen, 'hey, ich wurde in der dritten Runde gedraftet'.
Verfolgen Sie den Weg von Marlin Klein und anderen deutschen Spielern in der NFL?
Marlin kenne ich schon seit seinen Highschool Tagen. Ich hab früher gegen ihn gespielt in den Landesauswahlen. Aber ich bin genauso ein Fan wie jeder andere. Obwohl ich genau das Gleiche mache, bin ich Fan von jedem Deutschen in der NFL und ich verfolge genauso Jakob Johnson, wie er wieder versucht in einen Kader zu kommen und in welches Minicamp er jetzt geht. Das macht für mich keinen Unterschied, auch wenn ich ab und zu mit denen in Kontakt sein darf.
Sie haben uns 2025 verraten, Sie würden gerne für die San Francisco 49ers und Kyle Shanahan spielen. Gibt es inzwischen neue potentielle Favoriten im Draft?
Die Rams, Detroit Lions und Chicago Bears, ich glaube, die wissen, was sie mit den Tight Ends tun. Richtig gut gefallen mir auch die Green Bay Packers. Wisconsin ist eine coole Gegend und die Packers haben wahrscheinlich die besten Fans im Land.

Stellen Sie sich manchmal vor, wie der Moment sein wird, wenn Sie beim Draft den entscheidenden Anruf erhalten?
Ja, schon. Aber am Ende des Tages sind meine Ziele oft unabhängig vom Draft. Und es fühlt sich noch so weit weg an. Meine Karriere war nicht die gradlinigste mit meinem Hintergrund als Quarterback aus Deutschland, überhaupt in einem Team zu landen war ein Riesending. Dann die Verletzung direkt, das war hart. Natürlich, es ist ein Riesenmoment in der Karriere, der natürlich sehr emotional und bedeutend ist.
Sie sind selbst Patriots-Fan: Wie besonders ist es, dass ihr Team nun in München spielt? Irgendeine Chance, dass Sie selbst vor Ort sein können?
Ich bin als Patriots-Fan aufgewachsen. Der erste NFL-Eindruck, den ich hatte, war eine Dokumentation auf einer DVD von dem 2004 Superbowl, Tom Bradys zweitem Super Bowl. Seitdem bin ich ein riesiger Brady-Fan. Patriots vs. Lions ist natürlich ein krasses Top-Spiel, leider hab ich aber im November gar keine Zeit. Aber wer weiß, vielleicht darf ich irgendwann auch mal in München spielen.
Wie groß wäre es für Sie als NFL-Profi eines Tages vor deutschem Publikum zu spielen?
Das ist so ein Ding, das kann man sich gar nicht vorstellen. Es ist so, wie würdest du dich fühlen, wenn du ein Super Bowl gewinnen würdest? Sowas will ich mir gar nicht erträumen, weil ich nicht die Enttäuschung haben will. Aber das wäre so ein Ding, was dich dein Leben lang begleitet und wahrscheinlich der beste Moment im Leben sein wird. In Deutschland selbst mal zu spielen, habe ich mir noch nie erhofft, bis Sie es gerade erwähnt haben. Jetzt steht es auf meiner Bucket-List.
Hat sich die Wahrnehmung von Football in Deutschland verändert?
Jedes Mal, wenn ich Interviews hier in Deutsch führe, merke ich, wie das Wissen enorm gestiegen ist und es Leute gibt, die komplett investiert sind in den Sport. Das ist etwas, was ich als Kind nicht mitbekommen habe, weil ich hatte das Gefühl, wenn ich selbst im Gymnasium über Football gesprochen habe, haben viele Leute nichts davon gewusst. Heutzutage verfolgen das so viele Menschen. Ich denke immer noch an das erste Spiel von den Tampa Bay Buccaneers mit Tom Brady und wie er über die deutsche Kulisse gesprochen hat. Das macht mich sehr, sehr stolz.
Sie wohnen in Chicago, verfolgen Sie denn auch die Fußball-WM?
Ich war ein Bastian-Schweinsteiger-Fan, habe selbst viele Jahre Fußball gespielt. Aber der einzige Spieler, den ich heute noch verfolge ist Manuel Neuer. Schon witzig, dass er es kurzfristig nochmal in den Kader geschafft hat. Aber die WM 2014 war der Höhepunkt in meinem Fußballfanleben (lacht).
Tiziana Höll