13.05.2026
Draft-Strategie der 49ers
Es gibt Sätze, die sich im NFL-Diskurs verselbstständigen, bis niemand mehr fragt, ob sie eigentlich stimmen. Einer davon: John Lynch kann nicht draften. Der General Manager der San Francisco 49ers ist seit 2017 im Amt und mit jedem missglückten First-Round-Pick wird die These lauter und die Diskussion über die Draft-Strategie der 49ers intensiver. Trey Lance, Solomon Thomas, Reuben Foster - die Liste der Premium-Picks, die nicht eingeschlagen haben, ist lang genug, um den Vorwurf plausibel klingen zu lassen. Wer sich allerdings die Draft-Bilanz der 49ers über den gesamten Zeitraum der Shanahan und Lynch-Ära anschaut, kommt zu einem vielschichtigeren Ergebnis.

Schon der Zeitraum selbst verdient eine Vorbemerkung. Insgesamt neun Drafts der 49ers fanden nun unter Lynchs Regie statt, was ihn zu einem der dienstältesten General Manager der Liga macht. Wer eine solche Amtsdauer bewertet, kann einzelne Klassen nicht isoliert betrachten. Front Offices entwickeln sich, sie ändern Philosophien, sie reagieren auf Erfolge und Fehlschläge.
Die schwache Phase nach dem Lance-Trade ist real und umfasst mit den Jahrgängen 2021 bis 2023 immerhin drei zumindest enttäuschende Drafts in Folge. Trotzdem bleibt die Frage, ob diese Phase die gesamte Lynch-Ära definiert oder ob sie eingebettet ist in eine längere Linie, die andere Akzente setzt. Genau diese Differenzierung verschwindet im aktuellen Lynch-Diskurs zu oft.
Beginnen wir zunächst mit dem, was funktioniert hat. In den späten Runden des Drafts sind die 49ers eines der erfolgreichsten Teams der Liga. George Kittle in Runde fünf, Fred Warner in Runde drei, Talanoa Hufanga und Dre Greenlaw in Runde fünf, Jauan Jennings in Runde sieben, Brock Purdy am Ende von Runde sieben als 262. und letzter Pick. Dazu kommen Day-3-Funde wie D.J. Jones oder D.J. Reed, die sich als langjährige Starter in der Liga etabliert haben. Wenn ein Team über fast eine Dekade hinweg in den hinteren Runden überdurchschnittlich oft trifft, liegt die Vermutung nahe, dass dahinter ein System stecken muss.
Ein Erklärungsansatz liegt in der Spezifik des Schemes unter Head Coach Kyle Shanahan. Seine vielmals im öffentlichen Diskurs hervorgehobenen Outside-Zone-Konzepte verlangen bestimmte Athletik-Profile bei den Running Backs, die Receiver benötigen Route-Präzision statt reiner Geschwindigkeit, die Tight Ends müssen blocken und fangen können. Diese Anforderungen sind eng, aber lehrbar - und sie ermöglichen es dem Scouting-Department, in den späten Runden Spieler zu identifizieren, die in anderen Systemen unterbewertet sind. George Kittle galt vielen Teams als reiner Blocker, Fred Warner war College-Safety, Dre Greenlaw zu langsam für gängige Scouting-Boards. Für Shanahan und den damaligen Defensive Coordinator Robert Saleh: ideale Bausteine.
Etwa seit 2024 lässt sich eine zusätzliche Verschiebung beobachten. Die 49ers schauen verstärkt auf den RAS-Score und auf athletische Profile, die zum System passen und kombinieren das mit ihrem klassischen Need-Denken. Sie draften weniger den vermeintlich besten verfügbaren Spieler, als den Spieler, der ein bestimmtes Anforderungsprofil am genauesten erfüllt. Das hat zu Reaches geführt, die in jeder Draft-Analyse auftauchen und auch beim aktuellen Jahrgang wieder diskutiert werden. Hier muss man ehrlich sein: Statistisch produzieren Reaches in der NFL weniger Hits als Steals, das ist seit Jahren gut belegt. Wer regelmäßig über dem Konsens-Wert greift, riskiert mehr, als er gewinnt.
Interessanterweise haben die 49ers genau diese Statistik zumindest vereinzelt widerlegt (Ausnahmen bestätigen die Regel...?). Fred Warner war auf den meisten Big Boards ein Reach in Runde drei - heute ist er der beste Middle Linebacker der Liga. Auch Hufanga und Greenlaw galten als sportliche Außenseiter und wurden zu Stützen der Defense. Die Methode produziert systematisch Spieler, die anderswo nicht so hoch eingeschätzt wurden. Manchmal liegt das daran, dass die anderen falsch liegen. Manchmal aber auch daran, dass die 49ers in ihre eigenen Profile verliebt sind. Genau hier liegt das Risiko: Wenn Lynch und sein Scouting-Team an einer Herangehensweise festhalten, die statistisch eigentlich schlechter performt, müssen sie tatsächlich schlauer sein als der Rest der Liga. Andernfalls bezahlen sie für ihre Sturheit - mit verpassten Talenten insbesondere in der zweiten und dritten Runde.

Bleibt die Frage nach der ersten Runde und hier wird das Bild deutlich unschöner. Solomon Thomas an Position 3 im Draft 2017, sieben Picks vor Patrick Mahomes. Reuben Foster mit erkennbaren Character Concerns, die sich schnell materialisierten. Trey Lance als Trade-Up auf Pick 3, finanziert mit drei First-Round-Picks und einem Third-Rounder. Drei Premium-Picks, von denen kein einziger zum langfristigen Starter wurde.
Der Lance-Pick wiegt dabei doppelt. Er hat nicht nur das eingesetzte Kapital vernichtet, sondern auch das Pick-Inventar der folgenden Jahre dauerhaft reduziert. Die 49ers gingen in die Drafts 2022 und 2023 jeweils ohne First-Round-Pick. Ein Front Office, das mit weniger Munition arbeiten muss, hat strukturell weniger Chancen auf Treffer. Trotzdem gehört der Lance-Trade zu den teuersten Fehlentscheidungen der jüngeren NFL-Geschichte, und Lynch trägt dafür die operative Verantwortung.
Die Phase ab 2022 zeigt, wie sich dieser Schatten in der Praxis auswirkt. Die 49ers waren in diesen Jahren ein hochkompetitives Team mit zwei NFC-Championship-Auftritten und einem Super Bowl in Reichweite. Mit eingespieltem, hochbezahltem Roster blieb wenig Platz für Entwicklungsspieler. Lynch und Shanahan stellten ihre Draft-Philosophie um: Nicht mehr Best Player Available, sondern gezieltes Füllen klar definierter Rollen. Danny Gray als Deep Threat, Tyrion Davis-Price als physischer Runner, Jake Moody als günstiger Kicker. Die kurzfristige Roster-Logik kam auf Kosten langfristiger Draft-Qualität. Rückblickend war das ein strategischer Fehler, den Lynch öffentlich eingeräumt hat. Hinzu kommen klassische Scouting-Fehlgriffe wie Drake Jackson in Runde zwei oder Cameron Latu in Runde drei. Ohne den Glücksgriff Purdy stünden die 49ers in dieser Phase ligaweit am unteren Tabellenrand, wenn es um den Draft-Erfolg geht.
Dass solche Phasen passieren, ist in der NFL allerdings kein Lynch-spezifisches Phänomen. John Schneider, der General Manager der Seattle Seahawks und in Fachkreisen als einer der besten Drafter der Liga geltend, hatte zwischen 2017 und 2021 ebenfalls eine deutlich unterdurchschnittliche Phase. Niemand zweifelt deshalb grundsätzlich an seiner Kompetenz. Front Offices durchlaufen Zyklen, abhängig von Roster-Konstellation, Pick-Inventar, College-Klassen-Stärke und nicht zuletzt vom Glück, das jeder Draft mit sich bringt.

Die jüngsten Klassen deuten bei den 49ers auf eine Korrektur hin. Von den 19 Picks der Jahre 2024 und 2025 sind 18 weiterhin auf dem Roster. Die Klasse 2026 mit De’Zhaun Stribling in Runde zwei und sieben weiteren Picks setzt wieder klarer auf Talent statt auf reines Roster-Filling. Einzig der Running-Back-Pick Kaelon Black in Runde drei wirkt fragwürdig - sowohl wegen der Position, als auch wegen des bereits gut besetzten Backfields.
Die wirtschaftliche Dimension verschärft den Druck zusätzlich. Die 49ers haben aktuell knapp 70 Millionen Dollar Salary-Cap-Space und können durch einen möglichen Cut von Wide Receiver Brandon Aiyuk weiter Luft schaffen. Das Front Office hat damit vorgebaut, um die teuren Verträge der Cornerstone-Spieler - Nick Bosa, Fred Warner, Brock Purdy - langfristig stemmen zu können. Trotzdem bleibt das ein gefährliches Unterfangen, denn jeder dieser Verträge frisst Cap, der an anderer Stelle fehlt.
Genau hier liegt der eigentliche Auftrag der kommenden Drafts. Es reicht nicht mehr, solide Role Player auf günstigen Rookie-Deals zu produzieren. Aus den Klassen 2024 bis 2026 müssen neue Cornerstones hervorgehen - Spieler, die die Lücke füllen, wenn die Generation um Bosa und Warner irgendwann auf dem Zenit angekommen ist. Day-3-Steals und Backup-Linebacker reichen dafür nicht.
Ob aus der Neuausrichtung tatsächlich ein neuer Aufschwung wird, entscheiden am Ende die Karrieren dieser Spieler. Genau deshalb stehen die Klassen 2024, 2025 und 2026 unter besonders genauer Beobachtung.
Was bleibt also? Ein Front Office mit einer klaren Schwäche in der ersten Runde, einem teuer bezahlten Fehlgriff im Lance-Trade und einer Phase strategischer Roster-Picks, die nicht aufgegangen ist. Auf der anderen Seite ein Day-3-Scouting, das in der jüngeren NFL-Geschichte kaum Vergleichswerte hat, zwei Super-Bowl-Teilnahmen, sieben Playoff-Teilnahmen seit Lynchs Amtsantritt. Lynch ist kein Elite-Drafter, dafür sind die Fehler in der ersten Runde zu offensichtlich und zu teuer. Aber er ist auch kein Versager, dafür sind die Erfolge in den späten Runden zu zahlreich und zu systematisch. Ob die nun eingeleitete Kurskorrektur trägt - und ob aus den jüngsten Klassen die nötigen Cornerstones erwachsen - werden die kommenden Saisons zeigen.
Lars Riedenklau, Christian Pracher