vor 13 Stunden
Reaches mit System?
Der NFL Draft 2026 liegt erst wenige Tage zurück, doch schon jetzt liefern zahlreiche Interviews spannende Einblicke in die Entscheidungsprozesse der Teams. Besonders die Aussagen von Kyle Shanahan zum Draft der San Francisco 49ers sorgen für Aufmerksamkeit und werfen gleichzeitig neue Fragen auf.

Nach dem Draft sprach Shanahan in der The Rich Eisen Show über die Herangehensweise der 49ers. Das Team ging mit sechs Picks ins Wochenende und verließ den Draft mit acht neuen Spielern sowie zusätzlichem Kapital für zukünftige Jahre. Gedraftet wurden unter anderem De'Zhaun Stribling, Romello Height, Kaelon Black und mehrere weitere Prospects.
Seit Jahren zählen die 49ers zu den erfolgreichsten Teams der NFL. Unter Shanahan und General Manager John Lynch erreichte das Franchise mehrere NFC Championship Games und stand zweimal im Super Bowl.
Doch hinter diesen Erfolgen wächst die Kritik. Vor allem die Draft-Strategie steht im Fokus. Viele Klassen der vergangenen Jahre gelten als enttäuschend, was zwangsläufig die Frage aufwirft, wie lange dieses Modell noch funktionieren kann.
Ein wiederkehrendes Muster ist dabei der Umgang der 49ers mit dem sogenannten Konsens. Immer wieder wählt das Team Spieler deutlich früher aus, als es öffentliche Rankings erwarten lassen.
Ein Beispiel ist Running Back Kaelon Black, der an Position 90 ausgewählt wurde, obwohl er auf dem Consensus Board vor dem Draft auf Position 214 gelistet war.
Shanahan erklärte in der The Rich Eisen Show, dass sein persönlicher Draft-Prozess erst nach der Saison im Februar beginnt und stark auf Zusammenarbeit im Coaching Staff basiert.
"Wir geben allen Positionscoaches die Aufgabe, Highlight-Tapes zu erstellen", sagte Shanahan. "Sie schauen sich dafür viel Game Tape an. Ich nutze diese Highlights, um mir einen Überblick über etwa 200 Spieler zu verschaffen."
Dieser Ansatz soll es ihm ermöglichen, eine große Anzahl an Prospects effizient zu bewerten, ohne jedes Spiel selbst in voller Länge sehen zu müssen. Dabei verfolgt er eine klare Philosophie: "Wenn mir ihr Highlight-Tape nicht gefällt, schaue ich mir danach nichts mehr an."
Besonders deutlich wird dieser Ansatz bei der Auswahl von De'Zhaun Stribling. Intern stieg seine Bewertung im Laufe des Prozesses immer weiter, obwohl externe Einschätzungen ihn meist später sahen.
"Am Anfang wurde er eher als Late-Second-Round-Pick gesehen", erklärte Shanahan. "Aber je mehr wir ihn gesehen haben, desto mehr mochten wir ihn. (…) Wir mochten ihn sogar mehr als einige Spieler, die am Ende der ersten Runde gehen sollen."

Die Entscheidung, ihn an Position 33 zu draften, basierte letztlich auf Überzeugung. "Du musst entscheiden, ob du das Risiko eingehen willst, ihn noch auf dem Board zu lassen oder nicht", sagte er. "Wir werden nicht warten und zusehen, wie er an Position 38 geht und wir uns danach ärgern. Dann nehmen wir ihn lieber schon an 33 und leben damit."
Auch beim Pick von Kaelon Black folgten die 49ers diesem Ansatz. Intern wurde er deutlich höher bewertet als öffentlich.
"Du hast da einen Spieler, der nicht zum Combine eingeladen ist. Was heißt das also?", sagte Shanahan. "Vielleicht heißt das, dass er in der sechsten Runde gedraftet wird. Aber dann schaust du ihn dir genauer an und denkst dir: Mann, ich glaube, das ist eigentlich ein Running Back für die dritte Runde."
Kurz vor dem Draft hatte das Team zudem das Gefühl, dass auch andere Teams verstärkt Interesse zeigten.
"Als der Draft dann kam, hatten wir das Gefühl, dass alle ihn eher als Viertrunden-Pick sehen", sagte der Head Coach. "Wenn alle ihn als Viertrunden-Pick sehen und wir ihn haben wollen, dann nehme ich ihn eben schon an Position 90 in der dritten Runde."
Shanahan betonte, dass er in seiner Karriere oft erlebt habe, wie Teams zu lange warten und Wunschspieler kurz vorher vom Board verschwinden. "Und dann geht er zwei Picks vor dir vom Board und du denkst dir: Mann, warum haben wir versucht, schlauer zu sein als alle anderen?"
Die Aussagen von Kyle Shanahan liefern einen seltenen Einblick in die Denkweise der 49ers. Der Fokus liegt klar auf der eigenen Bewertung, selbst wenn diese stark vom Markt abweicht.
Genau darin liegt jedoch auch das Risiko. Während andere Teams versuchen, den Markt zu nutzen und Value zu maximieren, setzen die 49ers konsequent auf ihre interne Überzeugung.
Ob dieser Ansatz langfristig aufgeht, bleibt offen. Klar ist jedoch: Der Draft 2026 wird ein weiterer Gradmesser dafür sein, ob die 49ers mit ihrer Strategie richtig liegen oder ob genau dieser Prozess zum Problem wird.
>> Cleveland dominiert den Draft: Warum dieser Prozess kaum zu schlagen ist
>> Reaches ohne Ende: Jaguars sorgen für den umstrittensten Draft des Jahre
>> Wackelt John Lynch? Warum die Draft-Strategie der 49ers zum Problem wird
>> Alle 32 Teams im Check: Picks und Noten zum NFL Draft
>> Die Gewinner und Verlierer des NFL Draft
>> Alle Schlagzeilen der NFL
val