vor 1 Tag
Komplett gegen den Markt
Die Jacksonville Jaguars sorgen nach dem NFL Draft 2026 für Diskussionen - und das nicht im positiven Sinne. Viele Experten bewerten ihr Draftresultat als eines der schwächsten der gesamten Liga. Doch warum fällt das Urteil so deutlich aus?

Die Kritik richtet sich weniger gegen einzelne Spieler, sondern vielmehr gegen den Prozess hinter den Entscheidungen. Mehrere ungewöhnliche Picks, ein auffälliges Abweichen vom Konsens und eine bereits kontroverse Ausgangslage aus dem Vorjahr machen diesen Draft zu einem der meistdiskutierten der gesamten Klasse.
Die Jaguars gingen ohne Erstrundenpick in den Draft. Dieser war bereits im Jahr zuvor in einem aggressiven Uptrade investiert worden, um Travis Hunter als Second Overall Pick nach Florida zu holen.
Damals wurde Hunter als potenzieller Two-Way-Spieler geholt, der sowohl in der Offense als auch in der Defense eine Rolle spielen sollte. Nach seiner verletzungsbedingt verkürzten ersten Saison mit überschaubarem Impact steht dieses Konzept bereits wieder zur Diskussion. Aktuell deutet vieles darauf hin, dass er künftig nur noch als Cornerback eingesetzt wird.
Mit dieser Ausgangslage starteten die Jaguars in Runde zwei und sorgten schnell für Aufmerksamkeit. Insgesamt tätigte das Team zehn Picks, doch ein Großteil davon wich deutlich vom sogenannten Konsens ab.
Das sogenannte Consensus Board, eine Kombination aus über 100 Big Boards, dient als Marktindikator für die Bewertung von Prospects. Genau hier wird die Problematik sichtbar. Die Jaguars haben bei der Mehrheit ihrer Picks Spieler deutlich früher ausgewählt, als es der Markt erwartet hatte.
| Spieler | Erwartete Position | Tatsächlicher Pick | Unterschied |
|---|---|---|---|
| Nate Boerkircher | 163 | 56 | +107 |
| Albert Regis | 150 | 81 | +69 |
| Emmanuel Pregnon | 41 | 88 | -47 |
| Jalen Huskey | 187 | 100 | +87 |
| Wesley Williams | 236 | 119 | +117 |
| Tanner Koziol | 153 | 164 | -11 |
| Josh Cameron | 159 | 191 | -32 |
| C.J. Williams | 678 | 203 | +475 |
| Zach Durfee | 412 | 233 | +179 |
| Parker Hughes | 679 | 240 | +439 |
Nur drei der insgesamt zehn ausgewählten Spieler entsprachen ihrem erwarteten Draftwert oder wurden sogar später ausgewählt, als es der Markt prognostiziert hatte. Diese Spieler sind Emmanuel Pregnon, Tanner Koziol und Josh Cameron.
Alle anderen oben aufgeführten Spieler waren sogenannte Reaches, teilweise mit Abweichungen von über 100+ Positionen.
Trotz der Kritik zeigt sich General Manager James Gladstone zufrieden mit dem Verlauf. Auf der Pressekonferenz nach dem Draft erklärte er:
"Man kann sagen, dass wir am Tag vor dem Draft elf Spieler auf alle elf Picks verteilt hatten. Und tatsächlich können wir sagen, dass wir zehn dieser elf Spieler bekommen haben, obwohl wir nur zehn Picks hatten. Das war ein ziemlich cooles Ergebnis. Ich glaube nicht, dass das nur mit Können zu tun hatte, vielleicht war auch etwas Glück dabei, aber es war auf jeden Fall sehr spannend."
Für die Organisation zählt also vor allem, dass sie ihre intern priorisierten Spieler bekommen hat.

Genau hier liegt der Kern der Kritik. Teams arbeiten zwar immer mit eigenen Bewertungen, doch ein nahezu vollständiges Ignorieren des Marktes erhöht das Risiko deutlich.
Analysen und Studien haben in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass Spieler, die weit vor ihrem erwarteten Bereich ausgewählt werden, eine geringere Trefferwahrscheinlichkeit haben. Der Grund ist einfach: Der Konsens bildet die Einschätzung vieler unabhängiger Evaluatoren ab und liefert damit einen relativ stabilen Referenzwert.
Die Jaguars haben sich bewusst dagegen entschieden und konsequent ihr eigenes Board durchgezogen. Sie haben ihre Wunschspieler bekommen, allerdings zu einem Preis, der ihre Chancen auf erfolgreiche Picks rein statistisch gesehen zumindest reduziert.
Der Draft der Jaguars wird in den kommenden Jahren genau beobachtet werden. Die Organisation hat kompromisslos ihren eigenen Ansatz verfolgt und dabei bewusst gegen die marktübliche Bewertung gearbeitet. Und nur die Zeit wird zeigen, ob sie am Ende mit ihrem internen Prozess wirklich schlauer und besser als alle anderen sind, oder ob genau die Überzeugung, schlauer und besser als alle anderen zu sein, am Ende eine der unklügsten Entscheidungen des Drafts war.
Klar ist aber schon jetzt, dass Jacksonville einen der ungewöhnlichsten Drafts dieses Jahres hingelegt hat.
val