vor 1 Tag
Start der Preseason
Das Training Camp ist jedes Jahr eine Zeit der Hoffnung. Rookies präsentieren sich erstmals im NFL-Alltag, Positionskämpfe sorgen für Spannung und Fans versuchen zwischen den täglichen Berichten herauszulesen, welche Spieler den nächsten Schritt machen könnten. Gleichzeitig erinnert das Training Camp aber auch jedes Jahr daran, wie schmal der Grat zwischen Euphorie und Ernüchterung ist.

Genau das erleben die Carolina Panthers aktuell. Bevor am 13. September gegen die Chicago Bears die neue Saison beginnt, stehen nach dem Hall of Fame Game noch drei weitere Preseason-Spiele auf dem Programm. Die Kaderplanung wird jedoch schon jetzt nicht mehr ausschließlich von Leistungen auf dem Trainingsplatz bestimmt. Mehrere Verletzungen zwingen die Panthers dazu, ihre Planungen anzupassen und Rollen neu zu verteilen. Für einen amtierenden Division-Sieger, der seinen Erfolg bestätigen möchte, ist das alles andere als ideal.
Besonders bitter ist der Ausfall von Chris Brazell. Der Rookie hätte dem Receiver-Corps vor allem ein zusätzliches Speed-Element gegeben und wäre sicherlich in Konkurrenz mit David Moore und Xavier Legette um Snaps gegangen.
Man muss allerdings fairerweise festhalten, dass Brazell seine erste NFL-Saison gespielt hätte. Ihm bereits eine tragende Rolle zuzuschreiben, wäre den Erwartungen an einen Rookie kaum gerecht geworden. Dennoch verlieren die Panthers einen Spieler, der dem Receiver Room mehr Tiefe und Variabilität verliehen hätte.
David Moore genießt durch seine gemeinsame Vergangenheit mit Head Coach Dave Canales sicherlich besonderes Vertrauen. Ob er diese Rolle auch dauerhaft mit Leistung rechtfertigen kann, bleibt abzuwarten.
Ein besonderes Augenmerk liegt dagegen auf Xavier Legette. Der sympathische Receiver mit seinem markanten Südstaaten-Slang kommt aus einer Saison, die hinter den Erwartungen zurückblieb. Während des Training Camps waren über ihn viele positive Berichte zu lesen. Allerdings gehört es fast schon zur NFL-Sommerpause, dass Spieler plötzlich als "in der Form ihres Lebens" beschrieben werden. Ob Legette den nächsten Schritt wirklich gemacht hat, wird erst die Regular Season zeigen.
Für einen kurzen Schreckmoment sorgte er in dieser Woche dennoch. Nach einem Play schlug Legette hart mit Rücken und Hinterkopf auf dem Boden auf und musste vom Trainingsplatz gebracht werden. Glücklicherweise scheint er keine schwerwiegende Verletzung erlitten zu haben.
Hinter den gesetzten Receivern Tetairoa McMillan, Jalen Coker, Xavier Legette und David Moore kämpfen Jimmy Horn Jr., Ja'Seem Reed, Brycen Tremaine und John Metchie um die verbliebenen Plätze im 53-Mann-Kader.
Insbesondere Reed gilt bei vielen Reportern als Überraschungskanditat.
Auch die Offensive Line blieb von Verletzungen nicht verschont. Sowohl Taylor Moton als auch Ikem Ekwonu fallen derzeit aus. Besonders bei Moton sorgt das diagnostizierte Blutgerinnsel in der Lunge für Unsicherheit. Moton zumindest könnte eventuell zu einem späteren Zeitpunk in der Saison wieder auflaufen. Bei Ekwonu ist es aufgrund seiner schweren Knieverletzung fraglich.
Mit Rasheed Walker verfügen die Panthers zwar über eine solide Alternative auf Left Tackle. Gleichzeitig bedeutet die Situation aber auch, dass First-Round-Pick Monroe Freeling vermutlich früher als geplant wichtige Snaps übernehmen muss. Genau darin liegt die Herausforderung: Junge Spieler sollen Verantwortung übernehmen - allerdings nicht, weil sie müssen.
Luke Fortner scheint als Starting Center gesetzt zu sein. Dahinter kämpfen Sam Hecht und Nick Samac um ihre Plätze in der Rotation. Mit Brady Christensen steht den Panthers außerdem ein wertvoller Allrounder zur Verfügung, der nach seiner schweren Verletzung wieder verschiedene Positionen in der Offensive Line abdecken kann.
Grundsätzlich gilt jedoch für die gesamte Offense: Weitere Ausfälle können sich die Panthers kaum leisten. Jalen Coker und Ja'Tavion Sanders sollen in dieser Saison tragende Rollen übernehmen, verpassten allerdings bereits im vergangenen Jahr mehrere Spiele.
Der wohl schwerste Rückschlag betrifft jedoch die Defense. Nic Scourton sollte als Zweitrundenpick aus dem Draft 2025 gemeinsam mit Jalean Phillips den Pass Rush auf ein neues Niveau heben. Nach seinem Kreuzbandriss wird daraus in dieser Saison nichts. Gerade deshalb wiegt dieser Ausfall so schwer. Der Aufbau einer aggressiveren Defense war eines der zentralen Ziele dieser Offseason. Mit Scourton verliert Carolina einen Spieler, der dabei eine wichtige Rolle hätte übernehmen sollen.
Damit rückt Pat Jones noch stärker in den Fokus. Bereits in der vergangenen Saison zeigte er vielversprechende Ansätze, ehe ihn eine Verletzung lange außer Gefecht setzte. Nun dürfte er als Early-Down-Spieler gegenüber von Phillips starten und sich die Snaps unter anderem mit Princely Umanmielen teilen. Umanmielen, ein Drittrundenpick aus 2025, muss nun auch einen Schritt nach vorne machen.
Für Pat Jones geht es außerdem m seine sportliche Zukunft. Er spielt im letzten Jahr seines Vertrags und kann sich mit einer starken Saison sowohl für Carolina als auch für andere Teams empfehlen. Mit Thomas Incoom und Travis Gipson stehen weitere Spieler bereit, die bislang vor allem im Special Team eingesetzt wurden, nun aber defensiv größere Aufgaben übernehmen könnten. Eine weitere Überraschung war dagegen der Rücktritt von LaBryan Ray. Im Alter von nur 28 Jahren beendete er nach einer Trainingseinheit seine Karriere.
Dadurch könnte sich eine Chance für Undrafted Free Agent Aaron Hall ergeben. Dass die Panthers bei UDFAs zuletzt durchaus ein gutes Händchen bewiesen haben, zeigen Spieler wie Jalen Coker, Demani Richardson oder Quarterback Haynes King, der im Hall of Fame Game gegen die Arizona Cardinals einen starken Eindruck hinterließ.
Auch Cam Gill könnte in seinem dritten Jahr bei den Panthers erstmals eine größere Rolle übernehmen. Da die Verstärkung des Pass Rushs und der gesamten Defense eine der größten Prioritäten dieser Offseason war, erscheint es zudem durchaus realistisch, dass Carolina nach den finalen Roster Cuts oder dem Ende der Preseason noch einmal einen erfahrenen Pass Rusher verpflichtet.
Das Training Camp hat gezeigt, dass der Kader der Panthers durchaus Qualität besitzt. Gleichzeitig hat es aber auch offengelegt, wie schnell sich Planungen in der NFL ändern können.
Spieler, die ursprünglich als Ergänzung eingeplant waren, könnten plötzlich wichtige Rollen übernehmen. Rookies müssen früher Verantwortung tragen als vorgesehen und die Kadertiefe wird bereits vor Woche eins auf die Probe gestellt.
Die Preseason wird damit mehr als nur die Generalprobe für den Saisonstart. Sie entscheidet darüber, welche Spieler den Sprung in den endgültigen Kader schaffen und wer das Vertrauen des Trainerstabs erhält, verletzte Leistungsträger zu ersetzen. Denn wenn Carolina den Divisionstitel verteidigen möchte, wird nicht nur die Qualität der ersten Elf beziehungsweise der Starter entscheidend sein - sondern vor allem die Tiefe des gesamten Kaders.
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Moritz Haist