24.06.2026
Fan-Kolumne
Sechs und elf. Zahlen, die den New England Patriots Angst machen könnten. Vielleicht sogar sollten - wenn selbst der (nicht mehr ganz so) neue König der NFL den Absturz nicht verhindern kann. 6-11 ist Patrick Mahomes' Record mit den Kansas City Chiefs in der vergangenen Saison. Nach einer Niederlage im Super Bowl. Genau wie bei den San Francisco 49ers im Jahr davor. Der Geist des Hangovers wabert durch Foxborough. Oder?

Der, auf den es ankommt, hat in der langen Offseason jedenfalls nichts vergessen. "Klar schaust du dir das noch mal an." Quarterback Drake Maye, nur eine Stimme davon entfernt, der wertvollste Spieler der NFL zu sein, will auch gar nichts vergessen von dem, was am 8. Februar in Santa Clara passiert ist. Der Durchstarter der vergangenen Saison stellt in einem Interview nach dem Trainingsauftakt klar, wie sehr ihn das vernichtende 13:29 gegen die Seattle Seahawks noch beschäftigt. "Ich habe mir das auf jeden Fall noch mal angeschaut - gerade in so einem frühen Stadium meiner Karriere, in dem ich noch so viel lernen kann."
Auf Konfrontationskurs mit den Geistern, die er sah. Maye stellt sich und will sich verbessern. "Für mich persönlich gilt: Auf der größten Bühne, in so einem wichtigen Spiel hatte ich einfach eine Menge Aktionen, die ich gern anders gemacht hätte." Er findet: "Man kann aus solchen Erfahrungen viel mitnehmen und das Spiel noch mal ganz anders verstehen. Es gibt sicher Szenen, Würfe, bei denen ich mir denke: Die lasse ich vielleicht aus - oder: Die schaue ich mir jetzt erst recht noch mal an. Aus so einem Spiel lernst du extrem viel, vor allem aus den Fehlern, die du selbst machst." Erfahrung, Selbstkritik, Lernwille - Reife: Mayes' Hangover-Reparier-Elixier?
Sicher gute Zutaten, reichen wird ein (noch) besserer Maye aber nicht. "Uns war klar, dass er ihr ganzes Team ist", zitiert Jeremy Fowler unmittelbar nach dem Super Bowl Uchenna Nwosu. Die Aussage des Pass Rushers der Seahawks lässt tief blicken. "Wir wussten: Wenn wir ihn aus dem Spiel nehmen, ist ihr kompletter Gameplan hinfällig." Nwosu versenkte mit seinem Pick Six den finalen Nagel im Sarg. Es war einer von drei Turnovern, Maye kassierte sechs Sacks und zehn Hits.
Es lohnt sich also ein Blick auf die wohl größte Schwachstelle der Patriots zu werfen: Die Offensive Line. Das dachte sich auch Kaderplaner Eliot Wolf. Free Agent Guard Alijah Vera-Tucker gibt Sophomore Jared Wilson die Freiheit, auf seine Stammposition als Center zu wechseln und auch Caleb Lomu scheint ein Upgrade zu sein. Der Erstrundenpick habe eine "großartige Einstellung", schwärmt Offensive Coordinator Josh McDaniels bei einer Pressekonferenz Anfang Juni, nachdem er Lomu im Training auf jeder Position in der Offensive Line - außer Center - gesehen hat: "Ein toller Junge. Ich liebe seine Art. Er rackert sich im Training jeden Tag ab. Ein Schwamm." Haken dran.

Thema Training: Dort hat noch jemand überzeugt, sogar mehr als das - A.J. Brown. "Das war eine starke Verpflichtung", sagt Kayshon Boutte am Rande der OTAs. Ausgerechnet Boutte, der dem Trade für den Star-Receiver zum Opfer fallen könnte: "Er ist ein super Typ. Wenn du ihn dir anschaust, siehst du, wie er dominiert. Ein großartiger X-Receiver. Dominant. Egal ob tiefer Ball oder kurze Route, er fängt alles; Slant und bis in die Endzone. Großer Körper. Contested Catches. Wir schauen uns solche Jungs genau an." Da kommt Free Agent Romeo Doubs fast ein bisschen zu kurz. Inklusive Rookie Tight End Eli Raridon ist das die beste Passempfänger-Gruppe, die New England seit Langem gesehen hat.
Ermöglicht hat den Einzug in den Super Bowl aber überhaupt erst die in den Playoffs herausragend aufgelegte Defense. Konstanz scheint der Schlüssel zu sein. Safety Kevin Byard ersetzt Jaylinn Hawkins eins-zu-eins, Dre'Mont Jones übernimmt den Edge-Posten von K'Lavon Chaisson. Vorausgesetzt, Christian Gonzalez kehrt als künftig bestbezahlter Cornerback der NFL ins Training zurück, bleibt der Rest unverändert. Milton Williams findet das gut. "Wir standen letztes Jahr ja praktisch schon auf der Schwelle", sagt der Defensive Tackle nach dem Training in einer Medienrunde. "Ich glaube nicht, dass wir viel verändern müssen. Klar, bei vielen jüngeren Spielern geht es darum, Erfahrung zu sammeln, aus den Fehlern der vergangenen Saison zu lernen und daran zu wachsen. Ich habe das Gefühl, dass sich jeder weiter verbessern kann - und wenn wir alle ein Stück besser werden, dann eliminieren wir genau diese ein, zwei Spielzüge, die uns wehgetan haben."
Zurück in die Zukunft Super Bowl also? Das Team macht's möglich - der Schedule auch? Es ist die zweite Seite der Medaille, die der AFC Champion umgehängt bekommt. Schaut man auf die Statistik der Gegner 2026, haben die Patriots das sechsthärteste Programm - ein Jahr zuvor war es noch das dritteinfachste. Skepsis ist also durchaus angebracht. Vorbehalte gab es allerdings schon vor der vergangenen Saison. Die Situation wirkt vertraut, nur hat sich der Anspruch inzwischen verändert.
Das dürften sie aber blind unterschreiben in New England, wahrscheinlich sogar breit grinsend. Endlich wieder da, wo sie sich selbst sehen. Seit den legendären vier Niederlagen der Buffalo Bills (1991 bis '94) ist nur ein Super-Bowl-Verlierer direkt zurückgekehrt: Nach einer Niederlage gegen die Eagles 2018 folgte 2019 Tom Bradys sechster Triumph - mit den New England Patriots.
Felix Schlickmann