27.01.2026
Entgegen aller Erwartungen
Manchmal schreibt die NFL Geschichten, die sie selbst nicht planen kann. Die des Super Bowl LX ist genau so eine. Die Seattle Seahawks gegen die New England Patriots - zwei Teams, die im Sommer kaum jemand ernsthaft auf dem Zettel hatte. Und doch stehen sie jetzt im größten Spiel des Jahres. Nicht als Favoriten. Sondern als größte Außenseiter-Paarung seit Jahrzehnten.

Vor der Saison galt Seattle mit einer Quote von 60:1 als Außenseiter auf den Titel, New England sogar mit 80:1. Dass beide Teams nun im Finale stehen, macht dieses Duell zu einem der unwahrscheinlichsten Super-Bowl-Matchups der modernen NFL-Geschichte, sogar unwahrscheinlicher als das legendäre Rams-Titans-Finale von 1999.
Im Zentrum dieser Geschichte steht passenderweise ein Quarterback, den viele längst abgeschrieben hatten: Sam Darnold. Einst als gescheitert abgestempelt, schlägt er nun erst Matthew Stafford im NFC Championship Game - und trifft im Super Bowl auf Drake Maye, den nächsten MVP-Kandidaten.
Darnolds Leistung gegen die Rams war dabei mehr als nur solide. Sie war historisch gut für Seahawks-Verhältnisse - effizient, mutig, stabil unter Druck. Besonders bei Third Downs dominierte er das Spiel, trotz harter Hits von Jared Verse und Kobie Turner. Für Seattle ist er der Beweis, dass Karrieren in dieser Liga nicht linear verlaufen müssen.
Für Minnesota dagegen wird die Super-Bowl-Woche schmerzhaft. Die Vikings ließen Darnold ziehen, um auf J.J. McCarthy zu setzen - der war jedoch deutlich weniger bereit, als man intern glaubte. Diese Entscheidung wird noch lange nachhallen.
Auf der anderen Seite steht Drake Maye, dessen Super-Bowl-Einzug ebenfalls historisch einzuordnen ist. Zweitjahres-Quarterbacks im Super Bowl sind selten - und fast immer besonders.
Maye reiht sich ein neben Dan Marino, Joe Burrow, Russell Wilson, Brock Purdy und einen gewissen Tom Brady. Doch sein Weg ist einer der schwierigsten: weniger strukturelle Hilfe als Brady, weniger Systemkomfort als Purdy - dafür umso mehr Verantwortung. Ja, der Spielplan war günstig. Doch Maye überstand am Ende trotzdem jede Herausforderung mit einer bemerkenswerten Zuverlässigkeit - unabhängig davon, was im Spielverlauf funktionierte oder eben nicht.
Im AFC Championship Game überlebte New England einen Schneesturm in Denver, weil Maye improvisierte, scrambelte, Entscheidungen traf. Nicht spektakulär - aber entscheidend. Genau diese Qualität trägt Teams im Januar.
Dieser Super Bowl ist auch ein Spiegel für die Teams, die nicht dabei sind. 'Allen' voran: Buffalo. Die Bills hatten ein seltenes Zeitfenster - ohne Mahomes, ohne Burrow, ohne Lamar Jackson im Weg. Und doch scheiterten sie erneut. Sean McDermott brachte zwar Stabilität, Kontinuität, Erfolg. Aber am Ende einfach nicht den letzten Schritt. Wie einst John Madden vor seinem Durchbruch standen die Bills jahrelang vor der Tür - und gingen diesmal leer aus. Das Resultat: ein radikaler Neuanfang.
Die Philadelphia Eagles, als Titelverteidiger mit einem der tiefsten Kader der Liga gestartet, kämpften monatelang mit offensiver Inkonstanz und Chaos - und scheiterten früh in der Wild Card Round. Die Kansas City Chiefs zahlten nach Jahren des Erfolgs erstmals spürbar ihren Preis und verpassten die Playoffs zum ersten Mal seit 2014 - deutlich.
In Baltimore verschliefen die Ravens den Saisonstart, ehe Jacksons Verletzung und ein verpasstes Field Goal eines Rookies schließlich alle Hoffnungen begruben. Die Bengals mussten ohne den verletzten Burrow dabei zusehen, wie ihre Bilanz immer hoffnungsloser wurde. Und die Detroit Lions, nach einer 15-2-Saison als logischer Titelkandidat gehandelt, zerbrachen an einem komplett veränderten Coaching Staff und einer Welle an Verletzungen.
Seattle gegen New England ist kein erwartetes Duell. Aber vielleicht das ehrlichste Bild dieser NFL-Saison: Eine Liga, in der Karrieren wiederbelebt werden. In der Favoriten fallen und Geduld belohnt wird. Es war eine Saison der Umbrüche, der Fehleinschätzungen und der verpassten Chancen. Eine wirklich irre Saison. Da ist es nur schlüssig, dass sie am Ende auf nur eines hinauslaufen kann:
Den unwahrscheinlichsten Super Bowl aller Zeiten.
mhh