09.03.2026
NFL vor dem QB-Beben?
Nach jeder Saison der National Football League beginnt sie wieder, die große Quarterback-Frage. Vor allem Teams außerhalb der Playoffs stellen sie sich: Sind wir gut genug auf der wichtigsten Position im Sport? Haben wir einen Quarterback, der uns zum Super Bowl führen kann? Normalerweise beginnt dann das bekannte QB-Karussell. Doch zum Start der Free Agency wirkt die Dynamik besonders ungewöhnlich.

Mehrere Teams stehen vor einer offenen oder zumindest heiklen Quarterback-Entscheidung. Doch das Angebot ist begrenzt und voller Fragezeichen, teilweise sogar mit großen Risiken behaftet. Gleichzeitig ist die Draft-Klasse schwach und der Trade-Markt kompliziert. Das sorgt für eine Situation, in der Angebot und Nachfrage so stark auseinanderklaffen wie selten zuvor. Genau deshalb könnte dieses Quarterback-Karussell eines der spannendsten der letzten Jahre werden.
Aktuell stehen theoretisch neun Teams vor einer Quarterback-Entscheidung: Dolphins, Jets, Steelers, Browns, Colts, Raiders, Vikings, Falcons und Cardinals. Bei manchen ist die Position offen, bei anderen geht es um die Frage, ob man wirklich mit dem aktuellen Starter weitermachen will.
Neun potenziell offene Stellen klingen nach Bewegung. Doch hier beginnt das Problem. Der Markt gibt schlicht nicht genug verlässliche Lösungen her.
Ein Blick auf die Free Agents zeigt einige große Namen, aber kaum klare Antworten. Tua Tagovailoa, Malik Willis, Kyler Murray, Geno Smith, Aaron Rodgers, Russell Wilson und Marcus Mariota stehen im Raum.
Der Release von Kyler Murray vor einigen Tagen hat den Quarterback-Markt fundamental verändert. Aus einem Markt mit wenigen Optionen wird plötzlich einer mit einer potenziellen Jackpot-Chance. Ein ehemaliger First Overall Pick mit außergewöhnlichem Talent, der zum Minimum-Preis verfügbar ist, kommt in der National Football League nur äußerst selten vor. Normalerweise würde ein Quarterback mit Murrays Fähigkeiten auf dem offenen Markt zwischen 25 und 35 Millionen Dollar pro Jahr verdienen, wenn nicht sogar mehr. Nun könnte ein Team ihn für den minimalen Veteranenvertrag verpflichten.
Für rund 1,3 Millionen Dollar bekäme ein Team einen Quarterback mit möglicher Top-10-Qualität, während sein Gehalt lediglich etwa 0,4 Prozent des gesamten Salary Caps ausmachen würde. Genau deshalb könnte Murray in dieser Offseason weit mehr sein als nur ein weiterer Free Agent. Er könnte der Spieler sein, der das gesamte Quarterback-Karussell in Bewegung setzt und von Beginn an prägt.
Neben Murray ist einer der spannendsten Namen ist Malik Willis. In seinen wenigen Starts für die Packers sah er überragend aus und bringt großes Upside mit. Gleichzeitig ist er auch das größte Risiko. Der ehemalige Drittrundenpick hat in vier NFL-Jahren nie mehr als 80 Dropbacks in einer Saison absolviert und kommt insgesamt auf 209 Karriere-Dropbacks. Zum Vergleich: Jacoby Brissett sammelte allein in seiner verkürzten Saison 2025 als Cardinals-Starter 550 Dropbacks, also mehr als doppelt so viele. Die Sample Size bei Willis ist extrem klein, und die Nachfrage nach ihm dürfte sehr groß sein, was seinen Preis enorm anheben und das Risiko weiter vergrößern wird.

Aaron Rodgers ist der größte Name, aber mittlerweile über 42 Jahre alt. Er spielt noch teilweise solide, doch vom einstigen Elite-Level ist er weit entfernt. Daniel Jones hat seine Karriere bei den Colts im Stil von Sam Darnold kurzfristig stabilisiert, erlitt jedoch einen Achillessehnenriss. Die Frage lautet nicht nur, wann er zurückkehrt, sondern auf welchem Niveau. Ist ein Team wirklich bereit, Daniel Jones nach einer schweren Verletzung einen großen Vertrag zu geben?
Auch Tua Tagovailoa könnte eine interessante Option darstellen. Unter ähnlichen Umständen wie bei Kyler Murray wäre es möglich, ihn zu einem sehr günstigen Vertrag zu verpflichten. Damit würde ein Team einen Quarterback mit umfangreicher Starter-Erfahrung zu vergleichsweise geringen Kosten erhalten.
Russell Wilson sieht sich selbst noch als Starter, doch seine Leistungen der letzten Jahre werfen Zweifel auf. Marcus Mariota überzeugte als Vertreter von Jayden Daniels, wird aber kaum Euphorie auslösen, sollte er als langfristige Lösung präsentiert werden.
Natürlich bleibt der Draft als Hoffnungsträger. Doch auch hier ist die Lage kompliziert. Die Quarterback-Klasse gilt als eine der schwächeren der letzten Jahre.
Mit Heisman-Trophy-Gewinner und National Champion Fernando Mendoza gibt es nur einen klaren First-Round-Kandidaten. Dahinter folgen zahlreiche Prospects mit deutlichen Fragezeichen. Für Teams mit akuter Quarterback-Not ist das keine komfortable Ausgangslage, und der Draft somit auch keine wirklich hoffnungsbringende Antwort auf die Quarterback-Frage - es sei denn, man besitzt den First Overall Pick.

Bleibt noch der Trade-Markt. Doch kein Team wird seinen klar etablierten Franchise-Quarterback freiwillig abgeben. Mac Jones wäre eine Option, nachdem er die 49ers solide vertreten hat, als Brock Purdy fehlte. Hier müsste jedoch Draft-Kapital investiert werden.
Und dann gibt es noch die Veteran-Lösung: Derek Carr. Der offiziell zurückgetretene Quarterback hat angedeutet, dass er für die richtige Situation zurückkehren würde. Doch auch hier ist vieles unklar.
Die Quarterback-Landschaft dieser Offseason führt zu drei klaren Erkenntnissen. Erstens: Es gibt keinen verfügbaren Quarterback ohne Haken oder Risiko. Zweitens: Kyler Murray ist aus einer Preis-Leistungsperspektive der mit Abstand attraktivste verfügbare Name auf der Spielmacher-Position. Drittens: Malik Willis könnte trotz minimaler Erfahrung einen enormen Marktwert erzielen, weil er das größte Upside besitzt. Er dürfte einer der ersten Dominosteine sein, die fallen, bevor das Karussell richtig losgeht.
Alle anderen Optionen kosten entweder wertvolles Trade-Kapital oder fühlen sich sportlich nicht wirklich überzeugend an. Genau diese Konstellation macht das Quarterback-Karussell in diesem Jahr so besonders. Angebot und Nachfrage könnten für spektakuläre Moves sorgen. Und genau deshalb wird diese Offseason auf der wichtigsten Position im Sport außergewöhnlich spannend.
val