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    NFL

    01.05.2026

    Neuer Trend, perfektes Timing

    Warum der deutsche Marlin Klein genau zur richtigen Zeit in die NFL kommt

    Die NFL verändert sich. Formationen mit zwei oder drei Tight Ends erleben einen historischen Aufschwung, und kein Team hat diesen Trend zuletzt radikaler umgesetzt als die Los Angeles Rams. Dass ausgerechnet jetzt der deutsche Tight End Marlin Klein zu den Houston Texans gedraftet wurde, ist kein Zufall, sondern das perfekte Zusammentreffen von Timing und Talent.

    Tight End Marlin Klein von den Michigan Wolverines überspringt Defensive Back Jamare Glasker von den Maryland Terrapins während eines Spielzugs im College-Football-Duell (NCAA Football, USA)
    Michigan-Wolverines-Tight-End Marlin Klein wurde von den Houston Texans im NFL Draft 2026 ausgewählt. IMAGO/ZUMA Press Wire

    Beim NFL Draft 2026 wurden 22 Tight Ends ausgewählt, so viele wie zuletzt im Jahr 2002. Neun davon gingen in den ersten drei Runden vom Board, ein Wert, der den Rekord aus dem Draft 2023 einstellt. Darunter: Der Kölner Marlin Klein, gedraftet von den Houston Texans an Pick 59. Doch um zu verstehen, warum dieser Pick so viel Sinn ergibt, muss man zunächst verstehen, was sich in der NFL gerade grundlegend verändert.

    Das ewige Katz-und-Maus-Spiel zwischen Offense und Defense

    Die NFL ist ein ständiges Wechselspiel zwischen Angriff und Verteidigung. Jahrelang dominierten leichte Personalgruppen das Spiel, allen voran das sogenannte 11 Personnel.

    Aber was genau bedeutet eigentlich diese Zahl? Im American Football beschreibt der Begriff Personal (englisch: Personnel), welche Spielertypen oder Positionen eine Offense gleichzeitig auf dem Feld einsetzt. Die Zahlenkombination davor - etwa 11, 12, 13 oder 21 -folgt dabei einer klaren Logik.

    Die erste Zahl gibt an, wie viele Running Backs auf dem Feld stehen, die zweite Zahl beschreibt die Anzahl der Tight Ends. Diese beiden Positionsgruppen prägen die taktische Ausrichtung eines Spielzugs.

    Unverändert bleiben hingegen sechs Spieler: der Quarterback sowie die fünf Offensive Linemen. Sie stehen in jeder Formation auf dem Feld. Addiert man diese festen Positionen mit den Running Backs und Tight Ends aus dem jeweiligen Personell, ergibt sich eine Zwischensumme. Da insgesamt elf Spieler in der Offense erlaubt sind, werden die verbleibenden Plätze automatisch mit Wide Receivern besetzt.

    Ein praktisches Beispiel: Beim 11 Personell stehen ein Running Back und ein Tight End auf dem Feld. Zusammen mit Quarterback und Offensive Line sind das acht Spieler - folglich bleiben drei Positionen für Wide Receiver. Beim 12 Personell reduziert sich deren Anzahl auf zwei, beim 13 Personell ist nur noch ein Wide Receiver auf dem Feld.

    Dieses System ermöglicht es Trainern und Spielern, Formationen schnell zu erfassen und taktische Schwerpunkte - etwa eine pass- oder lauforientierte Ausrichtung - eindeutig zu kommunizieren. 11 Personell gilt als leichte Personalgruppe, weil drei Receiver auf dem Platz das klare Signal senden, dass gepasst wird. Defenses reagieren darauf oft mit ebenfalls kleineren, schnelleren Einheiten, den sogenannten Nickel- und Dime-Paketen.

    Zum Verständnis: Eine klassische Base-Defense stellt vier Defensive Linemen und drei Linebacker auf, im Fachjargon 4-3-Defense genannt. Analog zum offensiven Personal ist auch bei der Defense die Logik einfach. Die erste Zahl steht für die Defensive Linemen, die zweite für die Linebacker. Eine 4-3-Base-Defense hat also vier Defensive Linemen und drei Linebacker auf dem Platz, der Rest wird von Defensive Backs aufgefüllt - also Passverteidigern, die sich wiederum in Cornerbacks und Safeties aufteilen.

    Spieler der Houston Texans versammeln sich im Huddle während des NFL-Spiels gegen die San Francisco 49ers im NRG Stadium in Houston (American Football, USA)
    Im Huddle: Houston Texans vor dem Spielzug gegen die San Francisco 49ers IMAGO/Icon Sportswire

    Eine Nickel-Defense ersetzt einen Linebacker durch einen zusätzlichen Defensive Back, sodass nur noch zwei Linebacker, dafür aber fünf Defensive Backs auf dem Platz stehen. Bei der Dime-Defense geht man noch einen Schritt weiter: nur noch ein Linebacker, sechs Defensive Backs. Die Faustregel ist dabei einfach: Je mehr Linebacker auf dem Platz stehen, desto besser ist die Laufverteidigung, desto anfälliger aber die Passverteidigung. Je mehr Defensive Backs spielen, desto besser der Schutz gegen den Pass, desto größer die Lücken im Laufspiel.

    Die Logik hinter Nickel und Dime war also klar: Wenn Offenses primär mit drei Receivern auflaufen und damit stark das Passspiel signalisieren, stellt man die Defense entsprechend leichter und schneller auf, um genau diesen Pass besser verteidigen zu können.

    Doch genau hier setzt der neue Trend an

    Wenn Defenses kleiner und leichter werden, entstehen Lücken im Laufspiel. Größere, stärkere Spieler wie Tight Ends können kleinere Verteidiger im Block dominieren und gleichzeitig als Passempfänger agieren. Das macht Formationen mit mehreren Tight Ends so gefährlich: Die Defense weiß schlicht nicht, ob gelaufen oder gepasst wird, weil der Tight End in beiden Fällen eine gute Option ist.

    Die Entwicklung lässt sich klar in Zahlen ablesen. Der Einsatz von 12 Personell, also einem Running Back, zwei Tight Ends und zwei Wide Receivern, stieg laut Sumersports von 19,2 Prozent aller Spielzüge im Jahr 2023 auf 21,8 Prozent in 2024 und 22,3 Prozent in 2025.

    Auch die Entwicklung von 13 Personell mit drei Tight Ends ist auffällig: 2023 lag der Liga-Durchschnitt bei 3,6 Prozent, 2024 kaum verändert, doch 2025 sprang der Wert auf 5,38 Prozent. Auch wenn auf den ersten Blick der prozentuale Sprung vernachlässigbar aussieht, zeigen die absoluten Zahlen, warum das ein erheblicher Einschnitt ist.

    Die 48.102 Offensiv-Snaps, die NFL-Tight-Ends in der vergangenen Saison absolvierten, waren laut Sportradar ein Rekordwert der letzten 20 Jahre. Gleiches Rekordniveau haben die Receptions der Position mit 2866 und die Receiving Yards mit 29.072 erreicht. Seit 2018 ist der Einsatz von Multiple-Tight-End-Formationen insgesamt um 30 Prozent gestiegen.

    Die Rams als Vorreiter eines neuen Zeitalters

    Kein Team verkörpert diesen Wandel radikaler als die Los Angeles Rams unter Head Coach Sean McVay. 2023 liefen die Rams noch in einem ligaweiten Höchstwert von 94,6 Prozent aller Spielzüge im 11 Personell auf, weit über dem damaligen Liga-Durchschnitt von 62,4 Prozent. 2024 waren es nur noch 82,4 Prozent, mehr als zehn Prozentpunkte weniger als im Vorjahr, aber immer noch der zweithöchste Wert der gesamten Liga. Dann kam die Saison 2025, und die Rams vollzogen eine der erstaunlichsten taktischen Kehrtwenden der jüngeren NFL-Geschichte.

    Plötzlich spielten sie nur noch 58,6 Prozent ihrer Snaps im 11 Personell, ligaweit Platz 16, also exakt im Liga-Durchschnitt. Dafür explodierten die Zahlen im 13 Personell: 30,5 Prozent aller Spielzüge der Rams kamen plötzlich aus dieser Personalgruppe, mehr als doppelt so viel wie beim zweitplatzierten Team. Und das, obwohl die Rams ihren ersten Snap mit drei Tight Ends laut Next Gen Stats erst in Woche 6 gegen die Baltimore Ravens spielten.

    Quarterback Matthew Stafford von den Los Angeles Rams gibt im Huddle die Spielzüge gegen die Baltimore Ravens im M&T Bank Stadium in Baltimore vor (NFL, American Football, USA)
    Im Spiel gegen die Ravens hat Rams-QB Matthew Stafford zum ersten Mal im Huddle ein Spielzug aus dem 13 Personell angesagt. IMAGO/Icon Sportswire

    In den letzten 13 Wochen der Saison stieg der Wert auf 43,0 Prozent, fast dreimal so hoch wie beim zweitplatzierten Team in diesem Zeitraum. 32 Touchdowns erzielte Los Angeles aus dieser Personalgruppe, viermal mehr als die zweitplatzierten Steelers mit acht. Besonders bemerkenswert: Aus diesen vermeintlichen Heavy-Formationen passte McVays-Offense in 38 Prozent der Fälle, was die gegnerische Defense vor ein kaum lösbares Dilemma stellte.

    Der Kern dieser Taktik liegt in ihrer Unberechenbarkeit. Traditionell signalisiert Heavy-Personal einen Laufspielzug, woraufhin Defenses mit schwereren Einheiten reagieren. Wenn die Tight Ends auf dem Platz aber nicht nur blocken, sondern auch als vollwertige Passempfänger agieren können, sitzt die Defense in der Falle. Schickt sie leichte Verteidiger für den Pass, leidet die Laufverteidigung. Schickt sie schwere Verteidiger, entstehen Matchup-Probleme in der Passzuordnung. Genau dieses Dilemma haben die Rams 2025 gnadenlos ausgenutzt.

    Houston, ein Schüler McVays und Marlin Klein

    Und hier kommt Marlin Klein ins Spiel. Der 23-Jährige wurde von den Houston Texans an Pick 59 ausgewählt und verstärkt damit eine Tight-End-Gruppe, die bereits Dalton Schultz, Foster Moreau und Cade Stover umfasst. Mit Klein haben die Texans nun vier starke Tight Ends im Kader, und das ist kein Zufall.

    Denn Houstons Offensive Coordinator Nick Caley hat unter Sean McVay gelernt, dem Architekten des 13-Personell-Systems der Rams. Ob Caley diesen Ansatz in seinem zweiten Jahr in Houston nun auch auf den Platz bringt, wird eine der spannendsten Fragen der kommenden Saison sein. Doch der Pick von Klein und die Entwicklung der Liga lassen genau das vermuten: 2025 spielten die Texans nur 1,47 Prozent ihrer Snaps im 13 Personell, es gibt also erhebliches Potenzial in diese Richtung. Und jetzt haben sie die Spieler, um diese Taktik auch auf das Feld zu bringen.

    Klein selbst bringt nämlich genau das Skillset mit, das in diesen Formationen so wertvoll ist. Im Gegensatz zu Dalton Schultz, der primär als Receiver auffällt, ist der Kölner ein Tight End, der sowohl als Blocker als auch als Passempfänger agieren kann. Diese Dualität macht ihn zur idealen Ergänzung in einem 13-Personell-System und hilft den Texans dabei, gezielte Mismatches gegenüber der gegnerischen Defense zu kreieren.

    Tight End Marlin Klein von den Michigan Wolverines spricht beim NFL Scouting Combine 2026 im Indiana Convention Center in Indianapolis mit den Medien (American Football)
    Marlin Klein ist in Köln aufgewachsen. IMAGO/Icon Sportswire

    Vereinfacht gesagt: Kommt Klein auf den Platz und die Defense stellt einen Linebacker gegen ihn ab, hat der Tight End im Passspiel einen klaren Vorteil. Entscheidet sich der Gegner stattdessen für einen Defensive Back, wird dieser im Laufspiel von Kleins Blocking-Fähigkeiten dominiert. Ein Albtraum für jeden Defensive Coordinator.

    Klein kommt zur richtigen Zeit

    Der NFL-Trend zu Multiple-Tight-End-Formationen ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern eine strukturelle Reaktion auf die Entwicklung der Liga. 22 gedraftete Tight Ends in diesem Jahr, neun davon in den ersten drei Runden: Das spricht eine klare Sprache.

    Marlin Klein ist Teil dieser Bewegung, und mit einem Offensive Coordinator, der als Tight-End-Coach direkt aus der Schule des Mannes kommt, der diesen Trend am stärksten geprägt hat, könnte der Deutsche genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein - und dabei auch noch das ideale Skillset mitbringen.

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