24.03.2026
Deutscher in Pittsburgh
Der deutsche NFL-Profi Julius Welschof geht in seine dritte Offseason bei den Pittsburgh Steelers: Im Interview mit football-world erzählt der Linebacker von seinem Traum 'NFL-Debüt' und teilt seinen ersten Eindruck vom neuen Head Coach Mike McCarthy.

Herr Welschof, seit Ihrem Sprung in die NFL 2024 hatten Sie einige Ups und Downs: Wie gehen Sie mit Verletzungen oder vermeintlichen Rückschlägen um?
Ich versuche immer positiv zu bleiben. Alles, was passiert, hat einen Grund. Klar, ist das dann auch viel mentales. Aber das bereitet mich auch auf andere Sachen im Leben vor, wie für die Zeit nach dem Football. Ich will immer wieder zurückkommen und den Glauben behalten, dass es irgendwann für mich klappt.
Sind Sie dann viel im Austausch mit Ihrer Familie und Freunden oder haben Sie eine Art Mental-Coach, der Sie betreut?
Ich mache viel mit mir selbst aus. Ich rede nicht so gerne über Gefühle mit anderen. Einzige Ausnahme ist meine Verlobte, die bringt schon diese Seite in mir hervor. Und es gibt auch noch meine guten Kumpels vom College.
Wie sehen Ihre Ziele für die neue Saison aus? Woran arbeiten Sie gerade?
Ich versuche jetzt noch ein bisschen Gewicht aufzubauen, weil wir schon so viele gute Pass Rusher haben. Es könnte ein Vorteil sein, wenn ich etwas schwerer bin. Auch bei den Special Teams könnte es mir durch die neuen Regeln in die Karten spielen, groß, schnell und schwer zu sein. Ich versuche derzeit eine Nische zu finden, wo ich rein passe.
Ihr Weg in die NFL hat Sie vom bayerischen Miesbach über die Munich Cowboys ins US-College nach Michigan und Charlotte gebracht: Was würden Sie mit all dem Wissen von heute, jungen deutschen Talenten, raten?
Ich hatte großes Glück, dass ein sehr guter Freund von mir, Aidan Hutchinson, mein Room Mate war. Insgesamt war ich von Menschen umgeben, die sich wirklich auf den Sport fokussiert haben. Natürlich ist es am College sehr leicht abgelenkt zu werden mit dem, was alles drum herum los ist. Man hat nur diese eine Chance und viele vergeigen sie sich, weil sie zu viel Spaß am College haben. Für mich war es dagegen eine riesige Ehre, überhaupt am College in den USA zu spielen. Meine Intention war es nie, Party zu machen. Deshalb mein Rat: Umgib dich mit den richtigen Leuten. Und als Deutscher ist man sowieso etwas hinterher, sei es in den Kursen oder im Training. Man muss deshalb extra Gas geben, um mithalten zu können.
Mit Marlin Klein könnte es in diesem Draft wieder ein Spieler aus Deutschland in die Liga schaffen: Haben Sie seinen Weg verfolgt?
Wir haben uns kennengelernt, als Marlin seinen Official Visit bei Michigan hatte. Ich war sein Host damals und wir haben im Anschluss auch noch ein Jahr zusammen gespielt. Er ist sehr früh aus Deutschland weg, auch am College war er sehr diszipliniert. Durch seine harte Arbeit ist er heute in der Position, gedraftet zu werden.
Tauschen sich die Deutschen in der NFL ab und an aus?
Man kennt sich und tauscht sich manchmal aus. Bei der Preseason sieht man sich oft. Ich hatte ja auch ein Joint Practice mit Lorenz Metz. Also man verfolgt sich definitiv.
Sie sind selbst in Deutschland geboren, wohnen aber seit einigen Jahren in den USA: Wie eng ist Ihre Verbindung zur Heimat?
Es gibt schon noch viele Freunde in Deutschland. Aber ich bin seit 2018 in den USA. Die wichtigste Zeit meines Lebens habe ich hier verbracht und mein 'Student-Athlete'-Netzwerke aufgebaut. In den USA wissen die Leute, man hatte hier nicht nur Spaß, sondern ist jeden Tag um sechs Uhr aufgestanden, hatte bis Abends Uni-Kurse, Football-Training - alles zur selben Zeit. Das sind Skills, die man nicht im Classroom lernen kann.

Derzeit befindet sich die Liga in der Offseason: Wie kann man sich die Zeit zwischen der alten und der neuen Saison vorstellen?
Man hat ab Januar frei, bei uns geht es diese Offseason durch unseren neuen Head Coach ein bisschen früher los, nämlich Anfang April. Dementsprechend ist man drei Monate komplett auf sich gestellt. Du bist Profi, es wird erwartet, dass du auf deinen Körper Acht gibst, darauf schaust, was du isst und wie oft du trainierst. Ich fange früher an mit der Vorbereitung als ein T.J. Watt, der die ganze Saison durchgespielt hat. Da muss jeder seinen eigenen Rhythmus finden. Ich bin jetzt in meinem dritten Jahr, ich weiß wie lange ich Pause machen kann und wie lange es dauert, um wieder in Topform zu sein.
Ohne Spieltage, Fans und dem gewissen Adrenalinschub: Wie bleibt man monatelang motiviert beim harten Training?
Ich finde es schwierig, ein Gefühl dafür zu bekommen: Mache ich genug oder nicht? Deshalb trainiere ich direkt an der Facility mit unseren Strength Coaches, wo ich einfach sicher bin, dass die mich richtig vorbereiten. Auch meine Freizeit nutze ich sinnvoll, ich mache zum Beispiel aktuell online meinen Master zu Ende.
Letztes Jahr haben die Steelers in Irland gespielt: Wie empfinden Sie als Spieler solche Auswärtsspiele über See?
Aus Pittsburgh nach Dublin waren es nur sechs Stunden Flugzeit, das ist circa so lang wie wenn wir nach L.A. fliegen. Wir waren natürlich ein paar Tage früher da, das war echt besonders, weil manche meiner Team Mates noch nie außerhalb der USA waren. Die hatten nicht mal einen Reisepass und erwachsene Männer laufen dann mit großen Augen rum. Neue Umgebung, neues Essen - eine coole Erfahrung. Und auch für das Team-Bonding war es super, dass man außerhalb vom Training was macht, gemeinsam neue Sachen erlebt.

Mit Mike McCarthy steht erstmals seit 2007 ein neuer Head Coach an Pittsburghs Seitenlinie: Gab es schon einen ersten Kontakt zu Ihrem neuen Trainer?
Ja, wir sind uns kurz in der Cafeteria begegnet. Da wurde ich ihm von unserem General Manager vorgestellt. Dadurch dass ich in der Facility trainiere, sehe ich das Coaching Team häufiger und man unterhält sich.
Wie waren die Gefühle nach dem Aus von Mike Tomlin?
Man hat anfangs schon gemerkt, dass viele unsicher waren. Nach so vielen Jahren war es eine wirklich große Veränderung, das ist dann wie ein neuer Chef in der Arbeit. Da muss man sich auch erstmal vertraut machen.
Haben Sie sich ein bisschen umgehört, als McCarthys Verpflichtung klar war?
Ich habe einen College-Kollegen, der bei den Cowboys ist und da habe ich schon mal nachgefragt. Mir wurde gesagt, es gibt Ähnlichkeiten mit Coach Harbaugh, aber ich habe nur Positives gehört.
Noch standen Sie selbst nicht bei einem NFL-Spiel auf dem Feld: Was würde Ihnen ein solches Debüt bedeuten?
Das wäre eine riesige Ehre. Durch die Ups und Downs wäre ein NFL-Spiel eine Belohnung für mich. Auch meine Teammates drücken mir die Daumen und würden sich für mich freuen. Da gibt es keine Ellbogen-Mentalität.
Tiziana Höll