18.12.2018
Unschöne Premiere für den jüngsten NFL-Head-Coach
Zum ersten Mal haben die Los Angeles Rams unter Head Coach Sean McVay zwei Spiele in Folge verloren - und dabei deutliche Defizite offenbart. Eine Krise zur Unzeit.
Wer ist eigentlich Titelfavorit in der NFL? Momentan scheint jeder Anwärter auf die Krone zu versuchen, möglichst leise aus dem Kandidatenkreis gestrichen zu werden. Die New England Patriots (9:5) wurden in der AFC von den Houston Texans (10:4) überholt und müssten nach jetzigem Stand erstmals seit 2009 die Wild-Card-Runde überstehen ; das war bislang bei keiner der acht Super-Bowl-Teilnahmen nötig gewesen.
In der NFC zeichnet sich ein Schneckenrennen um die letzten Play-off-Plätze ab. Und an der Spitze wird es undurchsichtig: Sowohl die New Orleans Saints (12:2) als auch die Los Angeles Rams (11:3) versprühen nicht mehr den Glanz, der sie zuvor an ebenjene Spitze katapultiert hat. Bei den Saints stimmen ( mit einer Ausnahme in Dallas ) immerhin die Ergebnisse.
In Südkalifornien sieht das schon anders aus. Seit dem furiosen 54:51 gegen AFC-Primus Kansas City (11:3) ist Sand im Getriebe bei den Rams, die nun erstmals unter Head Coach Sean McVay zwei Spiele in Folge verloren haben. In den letzten drei Partien, darunter ein durchaus glücklicher Sieg in Detroit, kam der NFC-West-Champion zusammen auf lediglich 59 Punkte. "Das macht sicherlich was mit dem Team", gestand Receiver Robert Woods. Aber was?
"In den letzten Wochen machen wir Sachen, die absolut nicht charakteristisch sind für ein gutes Football-Team", erklärte McVay nach dem 23:30 gegen zuvor kriselnde Philadelphia Eagles , die noch dazu auf Quarterback Carson Wentz hatten verzichten müssen. Wie schon infolge der Niederlage in Chicago (6:15) nahm der Coach die Schuld auf sich, gleichzeitig aber ebenso das Team in die Pflicht. "Jeder ist daran beteiligt."
Dazu zählt auch Quarterback Jared Goff. Der 24-Jährige trumpfte in dieser Saison erneut groß auf, kam in elf Spielen vor der Bye-Week auf 26 Touchdowns bei lediglich sechs Interceptions und tauchte durchaus in Diskussionen um den Liga-MVP auf. Nach der Pause folgten ab Week 13 in drei Partien ein Touchdown und sieben weitere Interceptions. "Ich glaube, es sind nur kleine Dinge hier und da. Ich muss einen besseren Job machen", versicherte Goff und stellte gleichzeitig klar: "Wir alle müssen einen besseren Job machen."
Nicht nur die Statistiken sprechen in den letzten Partien gegen den First-overall-Pick von 2016. Goff offenbart unter Druck weiter extrem Probleme. Sobald die O-Line wackelt, agiert er viel zu hastig, trifft häufig die falsche Entscheidung; die vogelwilde zweite Interception gegen die Eagles darf als Paradebeispiel gesehen werden. Statt nach einem Stolperer über den eigenen Center den Sack einzustecken, versuchte Goff im Übereifer, noch ein Play zu kreieren und schenkte dadurch den Ball her. "ESPN"-Experte Bill Plaschke zählte den jungen Quarterback öffentlich an: "Das Problem der Rams ist Jared Goff."
Zu allem Überfluss hat sich im Sunday-Night-Game auch noch Todd Gurley am Knie verletzt. Noch ist nicht klar, ob und wie lange der Running Back - mit 21 Touchdowns der Schlüsselspieler in der Rams-Offense - ausfällt.
Auch wenn die Play-off-Teilnahme, die zweite in McVays zweiter Saison, schon klar ist, kommt die derzeitige Krise zur Unzeit. Durch den Sieg der Saints am Montagabend in Charlotte hat Los Angeles aller Voraussicht nach den Heimvorteil in der Postseason verspielt. Nur wenn New Orleans (Sieger im direkten Vergleich) die letzten zwei Saisonspiele verliert und die Rams beide gewinnen, würde sich das noch ändern.
Für die Rams spricht, dass jetzt zwei Division-Duelle bei den schon ausgeschiedenen Arizona Cardinals und gegen die schon ausgeschiedenen San Francisco 49ers anstehen. Sie bieten die Gelegenheit, sich nach holprigen Wochen wieder zu sammeln. McVay hat bislang zu Recht viel Lob für seine explosive Spielweise geerntet; dafür, dass der jüngste Head Coach der NFL-Geschichte aus der zuvor schwächsten in seinem Debütjahr die beste Offense formte; dass er Jared Goff vom Draft-Bust zum MVP-Kandidaten schliff. Jetzt muss er beweisen, dass er in einer heißen Phase einen kühlen Kopf behält - und gleichzeitig auch Goff wieder in Form bringt.
mkr