28.05.2026
Das entscheidende Jahr
Die kommende Saison könnte für Quarterback Bryce Young die bedeutendste seiner bisherigen Karriere werden. Wobei - genau das wurde bereits mehrfach konstatiert. Ein Blick auf Youngs bisherige Laufbahn zeigt allerdings auch, warum man immer wieder zu dem Schluss kam, dass die jeweils bevorstehende Saison eine klassische "make it or break it"-Situation sei.

2023 kam Young als First-Overall-Pick zu den Carolina Panthers, die enorme Ressourcen investierten, um an die Spitze des Drafts zu gelangen. In einer Quarterback-Klasse mit C.J. Stroud und Anthony Richardson galt Bryce Young trotz seines Labels als körperlicher "Outlier" für viele Experten als bester Quarterback des Jahrgangs. Seine Erfolge am College bei Alabama - SEC Championship, der Einzug ins College Football Playoff National Championship Game, der Gewinn der Heisman Trophy sowie konstante Leistungen auf höchstem Niveau - sprachen für sich. Die Panthers schnürten ein großes Trade-Paket, um ihn an erster Stelle auswählen zu können. Young sollte das neue Gesicht der Franchise werden.
Dabei hatten die Panthers 2023 bereits mehrere schwierige Jahre hinter sich. Nach der Matt-Rhule-Ära und zahlreichen erfolglosen Quarterback-Versuchen setzten Fans und Organisation enorme Hoffnungen in Bryce Young. Gemeinsam mit dem neuen Head Coach Frank Reich und einem Trainerstab voller prominenter Namen sollte Carolina wieder zu einem ernstzunehmenden Team in der NFC South werden. Frank Reich und Bryce Young - die potenzielle Nachfolge von Ron Rivera und Cam Newton.
Bekanntermaßen kam alles anders. Die Saison 2023 entwickelte sich schnell zur Katastrophe. Vermutlich auch aufgrund eines ungeduldigen Front Offices oder Owners wurde Young ohne echte Konkurrenz direkt zum Starter ernannt. Die Panthers wollten ihre neue Hoffnung möglichst schnell auf dem Feld sehen.
Die Voraussetzungen dafür waren allerdings miserabel: Eine katastrophale Offensive Line, hinter der Young 62-mal gesackt wurde, fehlende Playmaker - Wide Receiver DJ Moore war Teil des Trades mit Chicago - sowie wechselnde Playcaller. Schon früh wirkte die Saison verloren. Frank Reich wurde nach nur elf Spielen entlassen. Carolina beendete die Saison mit zwei Siegen und 15 Niederlagen. Die NFL ist kein Ort für Geduld, und so stempelten viele Beobachter Bryce Young trotz des sportlich wie kulturell dysfunktionalen Umfelds früh als teuren Fehlgriff ab.
2024 sollte nun alles besser werden. Mit Dan Morgan als neuem General Manager und dem jungen, charismatischen Dave Canales sollte ein Neustart gelingen. Canales hatte zuvor bereits Baker Mayfield in Tampa Bay und Geno Smith in Seattle wieder in die Spur gebracht und galt in den Medien als "Quarterback-Flüsterer". Er sollte nun endlich die Stärken von Bryce Young optimal einsetzen, eine funktionierende Offense aufbauen und die Kritiker verstummen lassen. Die Hoffnung vieler Fans lag entsprechend klar auf Canales. Trotz der Schwächen, die Young in seiner Rookie-Saison gezeigt hatte, glaubten viele daran, dass er mit mehr NFL-Erfahrung und einer deutlich verbesserten Offensive Line den nächsten Schritt machen würde. "Prove them wrong" wurde zum Motto vieler Panthers-Fans. Doch erneut lief vieles anders als geplant.
Nach zwei katastrophalen Spielen wurde Bryce Young auf die Bank gesetzt, Veteran Andy Dalton übernahm - allerdings ebenfalls ohne größeren Erfolg. Young wirkte zu diesem Zeitpunkt komplett verunsichert und schien jegliches Selbstvertrauen verloren zu haben. Die Berichterstattung war gnadenlos und zugleich ein Lehrstück über die Schnelllebigkeit der NFL-Medienwelt. Ein Großteil der Experten war sich sicher: Bryce Young würde nie wieder als Starting Quarterback auf einem NFL-Feld stehen. Gerüchte über mögliche Trades - unter anderem nach Miami - machten die Runde. Was der tatsächliche Plan der Panthers zu diesem Zeitpunkt war, werden wir vermutlich nie erfahren. Ein Autounfall von Andy Dalton, bei dem er sich am Daumen seiner Wurfhand verletzte, brachte Young allerdings eine weitere Chance.

Zunächst folgte ein schwacher Auftritt, doch gegen Ende der Saison zeigte Young plötzlich sehr eindrucksvolle Leistungen gegen starke Gegner wie die Kansas City Chiefs oder die Philadelphia Eagles. Vielleicht war die Hoffnung also doch noch nicht komplett verloren.
Dann musste es aber 2025 endgültig funktionieren. Mit Tetairoa McMillan als zusätzlichem Playmaker, mehr Erfahrung im System und einem gewachsenen Trainerstab sollte Young nun beweisen, dass er tatsächlich der Franchise Quarterback der Panthers sein konnte. Wieder war überall zu lesen: "Das entscheidende Jahr für Bryce Young".
2025 begann allerdings erneut schleppend. Zunächst war kein großer Unterschied erkennbar. Die Panthers wirkten insgesamt etwas besser, blieben aber schwer greifbar. Siege und Niederlagen wechselten sich wochenlang ab. Konstanz - sowohl im Team als auch bei Bryce Young - fehlte weiterhin.
Es gab Ausreißer nach oben, aber eben auch nach unten. Ein Blick auf die Zahlen zeigt durchaus Fortschritte im Vergleich zu den ersten beiden Spielzeiten. Hier und da gelangen Big Plays, doch Youngs Leistungen schwankten weiterhin extrem.
Zusammengefasst gewannen die Panthers zwar einige Spiele mit ihm - aber nur wenige wirklich wegen ihm. Insgesamt warf Young nur in sieben Spielen für mehr als 200 Yards. Das ist in der modernen NFL schlicht zu wenig. Sicherlich lässt sich ein Teil dieser Inkonstanz auch auf Dave Canales und dessen geringe Erfahrung als Head Coach zurückführen. Dennoch bleibt die zentrale Frage bestehen: Reicht das langfristig?
Selbst obwohl Carolina durch eine ungewöhnliche Konstellation die Playoffs erreichte, zeigte Bryce Young bislang noch nicht genug, um zweifelsfrei als zukünftiger Franchise-Quarterback zu gelten, der einen langfristigen Vertrag verdient.
Und nun? Bryce Young hat 2025 zumindest genug gezeigt, um auch in der kommenden Saison noch einmal als Starter der Panthers in die Spielzeit zu gehen. Carolina zog seine Fifth-Year-Option und band ihn damit vertraglich bis einschließlich 2027. Ist 2026 nun tatsächlich das endgültige "make it or break it"-Jahr? Die Panthers stehen vor einem schwierigen Spielplan und müssen sich in vielen Bereichen steigern, um erneut um die Playoffs mitzuspielen.
Und auch Bryce Young muss in seinem vierten NFL-Jahr endgültig zeigen, dass er ein Team tragen kann. Falls ihm das nicht gelingt und die Inkonstanz bleibt, erscheint es durchaus realistisch, dass Carolina sich 2027 erneut auf dem Quarterback-Markt umsieht. Für manche Kritiker wäre das lediglich die Bestätigung dessen, was sie ohnehin "schon immer wussten". Viele Panthers-Fans hingegen dürften wenig Interesse daran haben, die lange und oft frustrierende Suche nach einem Franchise-Quarterback erneut beginnen zu müssen.

Die Zeit für Bryce Young läuft also langsam, aber sicher ab. 2026 muss er endgültig beweisen, dass er der Franchise-Quarterback der Carolina Panthers sein kann. Zu wünschen wäre es ihm definitiv. Jeder, der Bryce Young einmal live erlebt hat - sei es in Pressekonferenzen oder an der Sideline - weiß, wie sympathisch und charismatisch er auftritt. Es fällt schwer, Bryce Young nicht zu mögen. Teamkollegen und Medienpersönlichkeiten wie Kay Adams sprechen regelmäßig über seine Leadership-Qualitäten und seine ruhige, positive Art.
Auch abseits des Feldes übernimmt Young Verantwortung. Mit seiner Young 9 Foundation engagiert er sich unter anderem für mentale Gesundheit bei Jugendlichen und verkörpert damit vieles, was sich NFL-Teams von einem Franchise-Gesicht wünschen. Keine fragwürdigen Schlagzeilen, keine Eskapaden, keine Skandale.
Bryce Young erfüllt nahezu alle Kriterien eines Franchise-Quarterbacks. Bislang allerdings noch nicht die sportlichen. Und vielleicht schreien die Fans deshalb in dieser Saison lauter denn je: "Prove them wrong."
Moritz Haist