14.04.2026
Kaum Erfahrung, riesiges Potenzial
Er ist erst 20 Jahre alt, hat kaum Erfahrung als klassischer Pass Rusher und wird trotzdem als möglicher Top-Pick gehandelt: Arvell Reese sorgt vor dem NFL Draft 2026 für intensive Diskussionen. Der Linebacker von Ohio State bringt ein seltenes athletisches Profil mit, doch genau darin liegt auch das große Fragezeichen. Kann ein Spieler mit so wenig Erfahrung auf einer Premium-Position wirklich sofort liefern?

Arvell Reese gehört zu den spannendsten, aber auch polarisierendsten Prospects dieses Draft-Jahrgangs. Seine Rolle im College war vielseitig, seine Aufgaben oft unscheinbar für Statistiken. Trotzdem sprechen Auszeichnungen und Tape eine klare Sprache. Die NFL steht nun vor der Entscheidung, ob sie auf das rohe Talent setzt oder vor dem Risiko zurückschreckt.
Geboren und aufgewachsen im Großraum Cleveland, fand Reese schon früh zum Football. Seine ersten Jahre verbrachte er als Running Back, ehe ihn die Faszination für die physische Seite des Spiels auf die defensive Seite zog. Ein einschneidendes Erlebnis prägte seinen Weg besonders: Als seine Mutter während seiner Schulzeit einen Schlaganfall erlitt, blieb Reese zunächst an der Euclid High School, um in ihrer Nähe zu sein.
Der Wechsel zur Glenville High School markierte schließlich den Wendepunkt. Unter Coach Ted Ginn Sr. entwickelte sich sein sportliches und akademisches Profil rasant. Mit einer perfekten 15-0-Saison und dem ersten State-Championship-Titel der Schulgeschichte machte er landesweit auf sich aufmerksam.
Im März 2022 lag unter den vielen Angeboten von Top-Universitäten auch eines, das für ihn eine besondere Bedeutung hatte: Ohio State. Schon als Kind war er Fan des Programms, schon damals war es sein Traum, dort einmal zu spielen. Wenige Monate später machte er diesen Schritt offiziell und absolvierte 2023 seine erste Saison bei Ohio State.
Der Weg bei den Buckeyes begann für den Vier-Sterne-Recruit zunächst unspektakulär. In seinem ersten Jahr 2023 kam Reese nur sporadisch in den Special Teams zum Einsatz. Eine Gehirnerschütterung warf ihn zusätzlich zurück. Doch bereits in seiner zweiten Saison deutete sich an, welches Potenzial in ihm steckt.

Der endgültige Durchbruch folgte dann 2025. In einer hybriden Rolle in der Defense von Matt Patricia wurde Reese zu einem vielseitigen Verteidiger. Mal als Linebacker in der Box, mal an der Line of Scrimmage, mal als Quarterback-Spy eingesetzt. Seine Statistiken mit 69 Tackles, 10 Tackles for Loss und 6,5 Sacks spiegeln dabei nur einen Teil seines Einflusses wider.
Die Anerkennung ließ nicht lange auf sich warten: Big Ten Linebacker of the Year, First-Team All-Big Ten und Consensus All-American.
Reese bringt alles mit, was moderne Defenses suchen. Mit 1,93 Metern Körpergröße und rund 110 Kilogramm ist er physisch prädestiniert für mehrere Rollen. Beim Combine untermauerte er seinen Status als Elite-Athlet mit einem 4,46-Sekunden-40-Yard-Dash und einem explosiven 10-Yard-Split von 1,58 Sekunden. Seine 40-Yard-Zeit platziert ihn unter allen Edge Rushern im 98. Perzentil.
Auf dem Feld zeigt sich diese Explosivität in jedem Snap. Sein Antritt ist herausragend, sein Closing Speed beeindruckend. Gegen den Lauf bleibt er stabil, hält seine Position und setzt seine Länge effektiv ein, um Blocks zu kontrollieren und sich von ihnen zu lösen. Besonders auffällig ist seine Fähigkeit, Gaps mit enormer Geschwindigkeit zu attackieren und zu überspringen, ohne dabei die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren.
Genau hier beginnt jedoch die große Diskussion. Reese wurde im College überwiegend als Linebacker eingesetzt. Laut Daten von Pro Football Focus (PFF) spielte er insgesamt 566 Snaps als Linebacker und lediglich 333 an der Defensive Line in seiner gesamten College-Karriere. Von diesen wiederum waren nur 138 klassische Pass-Rush-Situationen.
Sein Pass-Rush-Repertoire ist entsprechend noch roh. Er gewinnt aktuell vor allem über Athletik, Kraft und Länge. Technische Finesse, ein ausgefeilter Plan gegen Offensive Linemen oder ein Arsenal an Moves sind bislang nur ansatzweise vorhanden. Viele seiner Sacks resultierten zudem aus Blitzes von der Linebacker-Position und nicht aus klassischen Edge-Rush-Situationen.
Der Vergleich mit Micah Parsons liegt auf der Hand. Auch Parsons kam als Off-Ball-Linebacker in die NFL und entwickelte sich erst dort zu einem dominanten Pass Rusher. Seine College-Zahlen im Pass Rush waren ebenfalls begrenzt, hier kam er mit 135 in seiner Karriere sogar auf drei weniger insgesamt als Reese.

Doch genau hier liegt die Herausforderung. Parsons ist eine Ausnahmeerscheinung, ein Spieler mit Hall-of-Fame-Potenzial. Ihn als Maßstab anzusetzen liegt nahe, wird Reese aber kaum gerecht und ist wahrscheinlich auch unfair. Und dennoch: Wer Reese früh im Draft auswählt, investiert genau in diese Hoffnung. In die Vision, dass aus einem vielseitigen Linebacker ein dominanter Edge Defender werden kann.
Bei Arvell Reese gehen die Meinungen auseinander. Für viele ist er das klassische Boom-or-Bust-Prospect. Die Anlagen sind außergewöhnlich, die Vielseitigkeit macht ihn extrem spannend. Doch ausgerechnet auf der Position, die in der NFL über seinen Wert entscheiden könnte, fehlt ihm die Erfahrung. Und genau darin liegt das Dilemma: Ein Edge Rusher rechtfertigt einen Top-5-Pick. Ein Linebacker in diesem Bereich eher nicht.
Ein Pick in den Top 5, wie aktuell häufig prognostiziert, wäre ein klares Statement. Es wäre die Wette darauf, dass Coaching und Entwicklung sein Potenzial als Pass Rusher freilegen können. Misslingt dieser Schritt, bleibt Reese ein guter, aber nicht elitärer Linebacker. Gelingt er, könnte die Liga einen neuen Superstar erleben.
Arvell Reese verkörpert genau das, was den modernen NFL Draft so faszinierend macht: Talent gegen Sicherheit. Sein Profil ist einzigartig, sein Ceiling enorm hoch. Doch der Weg dorthin ist alles andere als garantiert. Wer ihn auswählt, entscheidet sich nicht nur für einen Spieler, sondern für ein Projekt mit außergewöhnlichem Ausgangspotenzial.
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