26.08.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die San Francisco 49ers hatten eine komplizierte Offseason. Ein Team, das eigentlich jetzt endlich eine Ära krönen müsste, hatte eine Saisonvorbereitung, die so gar nicht diese Art Vorfreude versprüht. Das trübt die Prognosen vor der kommenden Saison. Aber sollte das so sein? Oder was ist realistisch möglich für die 49ers in der kommenden Saison?

Als Trent Williams Anfang Juni, mit einem neuen Zweijahresvertrag in der Tasche, gefragt wurde, ob 2027 dann seine letzte Saison sein wird, antwortete der Star-Left-Tackle der San Francisco 49ers überraschend offen: "Ja. Wahrscheinlich."
Williams, der in seine 17. NFL-Saison geht, fügte zwar schnell noch hinzu, dass er natürlich nicht "in die Zukunft schauen" kann. Und weiter: "Ich weiß es nicht. Ich bin immer noch ein Wettkämpfer, und es ist schwer, sich nicht mit anderen zu messen, wenn man es noch kann. Wir werden sehen." Williams sprach auch offen darüber, wie schwierig es sei, den richtigen Zeitpunkt für das Karriereende zu finden. Aber die Realität der Situation blieb hängen: Williams ist im Spätherbst seiner Karriere. Das Ende ist nicht nur in Sichtweite, es ist greifbar.
Nach seinem Wechsel nach San Francisco im April 2020 wurde Williams ein prägender Spieler der Shanahan-49ers-Ära. Der Left Tackle hatte bereits in Washington unter Shanahan gespielt, dass er verfügbar wurde und spezifisch zu Shanahan wollte, war für San Francisco ein absoluter Glücksfall.
Während die Line um ihn herum über die Jahre immer wieder neu zusammengestellt wurde, war Williams der Fixpunkt und über mehrere Jahre der beste Left Tackle in der NFL. Er war häufig der Treiber des Run Games und derjenige, an dem das ganze Blocking Scheme ausgerichtet wurde.
Williams’ bevorstehendes Karriereende kündigt auch das Ende einer Ära in San Francisco an. Williams zu ersetzen wird für sich eine große Herausforderung, aber er ist nur ein Teil im großen Puzzle der San Francisco 49ers vor dem Start der neuen Saison.
Die Franchise blickt in ihrer aktuellen Zusammensetzung auf einen beeindruckenden Run zurück: In der 2019er Saison kam man in den Super Bowl, 2021 und 2022 ins Championship Game, 2023 in den Super Bowl und letztes Jahr, trotz all der prominenten Ausfälle, bis in die Divisional Runde.
Die Konstanz auf höchstem Level über sieben Jahre ist außergewöhnlich. Der Titel als Krönung einer Ära fehlt jedoch.
Und es sind Spieler wie Williams, die diese Ära geprägt haben. Genau wie George Kittle, Nick Bosa, Fred Warner und Christian McCaffrey. Williams ist 38. Kittle wird im Oktober 33 und kommt von einer schweren Verletzung zurück. Genau wie Warner (29) und Bosa (28). McCaffrey hat die vergangene Saison durchgespielt, die Bedenken hinsichtlich der Achillessehnen bleiben. Der Running Back wurde im Sommer 30.
Die Säulen dieses Teams sind alt geworden. Und teuer. Brock Purdy, der jetzt über mehrere Jahre geradezu lächerlich günstig war, bewegt sich in puncto Cap Hit selbst jetzt noch unter 25 Millionen Dollar. 2027 geht der auf 30 Millionen Dollar hoch, 2028 dann auf 56,9 Millionen Dollar. Schnell wird klar: Ein, vielleicht zwei Jahre hat diese Version der 49ers noch. Dann geht das Fenster zu.
Ausgerechnet Division-Rivale Los Angeles war das Team, das in der Offseason alle Hebel in Bewegung setzte, um mit seinem aktuellen Kern nach einem Titel zu greifen. Mit den Trades für Myles Garrett und Trent McDuffie sendeten die Rams eine klare Botschaft, die auch für jeden nachvollziehbar war.
Denn mit Blick auf das bevorstehende Karriereende von Spielern wie Matt Stafford und Davante Adams galt es, jetzt alle Chips in die Mitte zu schieben. Ein Spiel, das die Rams nicht zum ersten Mal spielen, und das sie jetzt bewusst auf die Spitze treiben. Jetzt ist das Fenster offen. Für ein, vielleicht zwei Jahre.
Betrachtet man parallel das Alter der Stars und die Cap-Struktur der 49ers über die nächsten Jahre, kann man leicht zu dem Schluss kommen, dass San Francisco ein ähnlich aggressiver Ansatz gut zu Gesicht gestanden hätte. Die Verpflichtung von Mike Evans könnte man auch in diese Richtung deuten, Evans ist ein klarer Win-Now-Move. Eine umfassende All-In-Offseason war es dennoch nicht.
Und dann dauerte es nicht lange, ehe ein nur allzu vertrautes Thema wieder die Berichte prägte. Nein, nicht das Umspannwerk - also, irgendwo in dem Kontext dann doch wieder -, sondern Verletzungen.
Ricky Pearsall? Saisonaus. Christian Kirk? Eine Wadenverletzung, die ihn die ganze Saisonvorbereitung kostete. Christian McCaffrey? Eine nicht näher definierte Verletzung, die ihn länger aus dem Training hielt. Mykel Williams wird vermutlich für Woche 1 nicht bereit sein, Nick Bosa hatte infolge seines Kreuzbandrisses Knieprobleme im Training.
George Kittle könnte nach seinem Achillessehnenriss bis Woche 1 bereit sein, verpasst aber vielleicht auch den Start der Saison und muss erst zeigen, dass er mit bald 33 nochmal auf sein gewohntes Level zurückkommt. Und Mike Evans hatte zuletzt während der Saisonvorbereitung seine liebe Mühe damit, mehrere Einheiten in Folge komplett zu absolvieren und hat ein Mal in den letzten vier Jahren alle 17 Spiele absolviert.
Noch bevor der erste Ball in Woche 1 fliegt, ist es ein in San Francisco schmerzhaft bekanntes Thema, welches diese Niners-Saison bereits jetzt prägt. Verletzungen haben in den letzten Jahren mehrere bis dato vielversprechende Niners-Saisons versenkt. Und in der Bay Area geht längst die Angst um, dass wir vor einer weiteren solchen Saison stehen.
Zumindest in Teilen ist das irgendwo der Preis, wenn man mit einem Team an den Start geht, in dem mehrere Stars und kritische Leistungsträger im Spätherbst ihrer Karriere sind. Evans’ Oberschenkelprobleme kennen Bucs-Fans seit Jahren und werden ein Thema sein. McCaffreys Achillessehnen muss man im Blick behalten, gerade nach einer Saison mit über 400 Touches. Trent Williams hatte über die letzten vier Jahren in jeder Saison mit Knöchel- oder Oberschenkelproblemen zu kämpfen.
Man kann natürlich über Belastungssteuerung, Reha und die medizinische Abteilung diskutieren. Gerade hier aber hat San Francisco dieses Jahr rund neun Millionen Dollar investiert, um sich mit Blick auf Reha, Physiobehandlung und generell die medizinische Abteilung besser aufzustellen. Auch die Belastungssteuerung im Camp, in welchem Head Coach Kyle Shanahan infolge seines schweren Autounfalls im Sommer anfangs noch regelmäßig fehlte, kann kaum als Grund herhalten.
Pearsalls Ausfall war eine Verkettung unglücklicher Umstände. Dass seine Knieverletzung mit konservativer Therapie nicht ausheilen würde, wurde aber erst klar, als er früh im Camp mit Schwellungen im Knie zu kämpfen hatte. Jetzt muss er doch operiert werden und wird deshalb die gesamte Saison verpassen.
Ein klarer Schuldiger wäre an dieser Stelle befriedigender. Dass man mehrere Ansätze zusammenführen kann, ist genauso frustrierend, wie auch ein essenzieller Grund dafür, dass wir schon vor Woche 1 bei den Niners wieder regelmäßig über dieses Thema sprechen müssen. Es ist eben nicht nur eine Sache, sondern mehrere Themen kommen zusammen.
Und das gilt nicht nur für die Verletzungen selbst. Eine von negativen Meldungen - von Pearsall über Shanahans Autounfall und der jüngsten Festnahme des Teambesitzers bis hin zu der völlig verkorksten Situation um Brandon Aiyuk - überschattete Offseason kann einem den Sommer verhageln, wenn man es mit den 49ers hält.
An bestimmten Punkten dämpfte all das spürbar die Vorfreude auf die Saison in Niners-Kreisen. Doch hier ist es wichtig, einmal einen Schritt zurück zu machen und festzuhalten: Natürlich ist nicht alles negativ. Rookie-Receiver De’Zhaun Stribling ist nach einer glänzenden Saisonvorbereitung ein legitimer Breakout-Kandidat. Kittle könnte sehr viel früher zurück sein, als man im Februar vermutet hatte. Fred Warner ist wieder fit. Der Trade für Osa Odighizuwa lief fast ein wenig unter dem Radar, könnte aber ein massiver Boost für die Defense sein.
Und so gibt es in all der Frustration der erneuten Verletzungen auch das andere Szenario. Wenn Kittle wieder fit ist, wenn Bosa wieder fit ist. Wenn McCaffrey fit bleibt. Wenn Mike Evans 14, 15 Spiele in der Regular Season absolviert.
Und was, wenn dann zusätzlich dazu ein Spieler wie Stribling seinen Breakout hat? Wenn er ein fehlendes Puzzleteil sein kann für eine Offense, der letztes Jahr bereits offensichtlich der Speed und die Explosivität fehlten - Dinge, die er mitbringt. Wenn Spieler wie Stribling und in erster Linie Mike Evans auch wieder Räume für das Run Game öffnen, das letztes Jahr so unheimlich zäh war.
Defensiv ist dieses "bessere Szenario" keine schwierige Analyse. Wenn diese Defense einen guten 4-Man-Rush hat, kann sie eine Top-12-Unit sein. Hat sie das nicht, stürzt sie in den Liga-Keller. Das ist eine vereinfachte, aber auch zutreffende Analyse der Niners-Defense über die letzten Jahre. Bosa hat in der vergangenen Saison nur zweieinhalb Spiele gemacht, Odighizuwa hatte letztes Jahr 52 Quarterback-Pressures für die Cowboys - kein Defensive Tackle der 49ers hatte in der vergangenen Saison mehr als 16 Pressures. Der Pass-Rush wird deutlich besser sein als im Vorjahr.
Und die andere Seite des Balls? San Francisco hatte trotz all der Verletzungsprobleme im Vorjahr immer noch die Nummer-3-Offense nach Success Rate und belegte Platz 6 nach EPA pro Play. Evans und Stribling können die Offense nicht nur qualitativ, sondern auch stilistisch spürbar besser machen. In Shanahans schwerer Offense bekommt der X-Receiver immer viele Eins-gegen-Eins-Matchups. Hier kann Evans nach wie vor glänzen, und so umgekehrt auch Spieler aus der Box ziehen.

Das kann ohne Frage wieder eine Top-5-Offense sein. Wenn das eintritt, würde es reichen, wenn die Defense zumindest wieder solide wäre. Was komplett im Bereich des Möglichen ist. Schon würden wir über ein Team sprechen, das in den Playoffs Alarm machen kann. Und das weiß, wie man in der Postseason Spiele gewinnt.
Die Niners hatten keine Bilderbuch-Offseason. Aber sie hatten auch keine Offseason, die ihre gesamte Saison nachhaltig bereits im August verbauen würde. Der Pearsall-Ausfall tut weh, wenn aber Stribling seine Offseason bestätigt und Rückkehrer Deebo Samuel sowie Mike Evans ihre Rollen ausfüllen, wird die Wide-Receiver-Gruppe trotzdem klar besser sein.
Will sagen: Die letzten Wochen in San Francisco sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Team in relativer Bestbesetzung vor allem eines ist: ein legitimer Titelkandidat ist.
Die kommende Saison könnte das Ende eines eindrucksvollen Runs bedeuten. Spätestens 2027 wird in San Francisco eine Ära zu Ende gehen. Und wer kann schon prognostizieren, welche Schlüsse dann intern gezogen werden.
Vielleicht braucht auch Shanahan selbst dann einen Tapetenwechsel, wie wir es etwa einst von Andy Reid in Philadelphia gesehen haben. Reid verabschiedete sich damals mit dem Stigma eines Top-Coaches, der aber in den Playoffs nie den letzten Schritt geschafft hat. Das ist auch Shanahans Ruf aktuell.
Aber wer weiß schon, wie weit dieses Team gehen kann, das sich der Tatsache bewusst ist, dass sich sein Fenster gerade schließt.
Adrian Franke