19.06.2026
Mit Fußball zur Weltmarke?
Die Kansas City Chiefs haben sich im letzten Jahrzehnt als Schwergewicht der NFL etabliert. Doch längst geht es ihnen nicht mehr nur um Super Bowls. Teampräsident Mark Donovan sieht das Franchise auf dem Weg zu einer globalen Sport- und Entertainment-Marke - und auch der Fußball spielt dabei eine zentrale Rolle.

Im Arrowhead Stadium, normalerweise Heimat von Patrick Mahomes, Travis Kelce und den Chiefs, werden bei der aktuell stattfindenden Fußball-WM gleich sechs Spiele ausgetragen.
Für Donovan ist das ein besonderer Erfolg. "Wir haben gehofft, vielleicht ein Spiel zu bekommen", sagte der Teampräsident im Interview mit der Financial Times. "Am Ende bekamen wir sechs - inklusive eines Viertelfinals."
Die Chiefs mussten dafür kräftig investieren. Mehr als 40 Millionen Dollar flossen in Umbauten am Stadion, um die FIFA-Vorgaben erfüllen zu können. Rein wirtschaftlich sei das kurzfristig kein Selbstläufer, erklärte Donovan. Der 60-Jährige bezeichnete das Turnier zugleich jedoch als eine "generationenprägende" Chance für die gesamte Region.
Kansas City versteht sich selbst gerne als "Soccer Capital of America". Besonders stolz sei man deshalb darauf, nun in einer Reihe mit Metropolen wie Los Angeles, Miami oder Boston genannt zu werden. "Wir sind jetzt Teil dieser Gruppe. Wir können auf diesem Niveau mitspielen."
Für das Team aus Missouri ist die WM ein elementarer Teil einer langfristigen Strategie, mit der sich das Franchise als globale Marke etablieren möchte.
Dabei blickt das Team nicht nur auf andere NFL-Organisationen, sondern auch auf europäische Fußballgrößen - als Vorbild nennt Donovan explizit den FC Bayern München. "Wir haben viel vom FC Bayern gelernt und davon, wie der Klub in den US-Markt eingestiegen ist", verriet er.
Die Münchner investieren bereits seit Jahren gezielt in Nordamerika. Mit regelmäßigen USA-Reisen, internationalen Partnerschaften, Fußballschulen, Marketingkampagnen und einer starken Präsenz auf dem amerikanischen Markt gelang es dem Rekordmeister, seine Marke weit über Deutschland hinaus zu etablieren und neue Fangruppen zu erschließen.
Für den Chiefs-Boss ist die Entwicklung im internationalen Sport folglich eindeutig. Erfolgreiche Ligen und Vereine denken längst global. "Auch der Basketball macht das. Die Premier League macht das", erklärte er.
Eine Statistik habe ihn dabei besonders geprägt. Vor einigen Jahren habe die NFL intern den Vergleich zu ebenjener englischen Topliga gezogen. "Bei der Premier League stammen rund 80 Prozent der Fans aus dem Ausland, nur etwa 20 Prozent leben im Heimatland der Vereine. In der NFL ist es genau umgekehrt."
Genau dort sieht Donovan die größte Wachstumschance der gesamten Liga. "Wie können wir diesen Anteil vergrößern? Das ist die eigentliche Herausforderung."
Als die NFL dann vor einigen Jahren begann, ihre internationale Expansion massiv voranzutreiben, gehörte Deutschland direkt zu den ersten Märkten, auf die die Chiefs ihren Fokus legten. Zufall war das nicht.
"Wir haben die deutsche Kultur sehr genau analysiert und viele Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und dem amerikanischen Mittleren Westen gefunden", verriet Donovan dem Onlinemagazin.
Die Deutschen seien "hart arbeitend, loyal, werteorientiert und machen die Dinge auf die richtige Weise". Genau so sehe sich die Chiefs-Organisation auch selbst. "Unser Ansatz in Deutschland war völlig anders als beispielsweise in Mexiko. In Deutschland sind wir all-in gegangen."
Der Auftritt in Frankfurt 2023, die internationale Vermarktung und Aktionen wie das Chiefs-Schiff "ChampionShip" waren deshalb also kein nettes Nebenprojekt, sondern Teil einer bewusst aggressiven Europa-Strategie.

Natürlich hilft den Chiefs dabei auch der sportliche Erfolg. Drei Super-Bowl-Titel seit 2020, Mahomes als Gesicht der Liga und Kelce als einer der bekanntesten NFL-Stars haben die Reichweite des Teams enorm vergrößert.
Dazu kommt der Taylor-Swift-Effekt. Donovan sprach offen darüber, dass Kelces Beziehung zu Swift zeitlich perfekt mit dem internationalen Push der Chiefs zusammenfiel. Während die Popsängerin mit ihrer "Eras Tour" Europa erreichte, spielten die Chiefs in Frankfurt. Plötzlich interessierten sich auch viele Menschen für das Team, die zuvor kaum Berührungspunkte mit der NFL hatten.
"All diese Dinge kamen genau zum richtigen Zeitpunkt zusammen", sagte der Teampräsident. "Unsere Aufgabe ist es jetzt, daraus echte Fans zu machen."
Auch der geplante Stadionneubau passt in diese Strategie. Die Chiefs planen ein rund drei Milliarden Dollar teures Dome-Stadion auf der Kansas-Seite der Region. Damit will das Franchise künftig Events austragen, die im aktuellen Arrowhead Stadium kaum möglich wären: Super Bowls, Final Fours, große College-Endspiele, WWE-Events oder weitere internationale Großveranstaltungen.
Die WM dient dabei also erst als Vorgeschmack auf das, was Kansas City künftig regelmäßig werden möchte: ein Austragungsort für Sport- und Entertainment-Events von globaler Bedeutung.
Klar ist: Die Chiefs sind längst mehr als ein erfolgreiches NFL-Team. Sie wollen eine internationale Marke werden - mit Football als Kern, aber Fußball, Entertainment und Popkultur als Verstärker.
mhh