vor 7 Stunden
Exklusives Interview
Olympia 2028 könnte zum größten Moment in der Geschichte des Flag Footballs werden. Mittendrin sein möchte auch Nationalspieler Ben Fröhlich. Im exklusiven Interview mit football-world spricht der Receiver über seinen ungewöhnlichen Weg in den Football, den Wechsel vom Tackle zum Flag und den Traum von den Olympischen Spielen.

Der klassische Weg an die Spitze im Football beginnt oft schon in jungen Jahren: Frühe Förderung, klare Ziele und der volle Fokus auf eine Sportart. Bei Ben Fröhlich verlief das allerdings ganz anders. In seiner Jugend probierte er nahezu jede Sportart aus. Fußball, Parkour, Turnen, Leichtathletik, Handball - beinahe alles war dabei.
Lange Zeit wusste er aber nicht, ob er wirklich gut in etwas war: "Ich habe zwei ältere Brüder und habe oft mit den Teams von ihnen gespielt. Deswegen dachte ich eigentlich in der Kindheit, dass ich gar nicht so gut im Sport bin", erklärt Fröhlich. Erst als er in der A-Jugend in Teams mit Spielern seines Alters spielte, merkte er "oh, ist ja ganz schön einfach auf einmal".
Mit Anfang 20 begann er Football zu spielen und kann heute Stationen in der ELF bei den Cologne Centurions und in der GFL bei den Cologne Crocodiles für sich verzeichnen. Das Niveau im europäischen Football nimmt Fröhlich als professionell wahr - auch wenn er weiterhin Verbesserungspotenzial sieht. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass sich die Entwicklung in Europa fortsetzen wird: "Für mich soll das der europäischen Liga gar nichts absprechen. Das wird auch kommen, wenn bei uns die Jugend anfängt früh Football zu spielen. Wenn man das so in die Wiege gelegt bekommt, dann wird das auch von ganz alleine kommen", meint der Nationalspieler.
Die Erfahrungen auf europäischer Bühne reichten ihm jedoch irgendwann nicht mehr aus. Schließlich entschied er sich für den Wechsel zum Flag Football: "Mir hat ein bisschen die Perspektive gefehlt", erklärt der Receiver, "ich glaube als einzelner Spieler in so einer großen Mannschaft, in so einem großen System, bewegt man auf der Receiver-Position selten was (…)."
Flag Football ist aus dem American Football, der in der NFL gespielt wird, entstanden. Der große Unterschied dazu ist, dass beim Flag die Defense den ballführenden Spieler der Offense durch das Ziehen der Flagge aus dem Gürtel stoppt - nicht wie beim American Football durch ein Tackle. In vielen Regionen ist diese Sportart in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden, dadurch dass sie offen zugänglich für jeden ist: "Absolut jeder hat einen Platz im Flag Football", betont auch Fröhlich.
Die Flag Football Bundesliga ist bereits als Mixed Liga aufgebaut. Das bedeutet, dass Männer und Frauen gleichzeitig in einer Mannschaft spielen - im Tackle undenkbar. Gerade weil der Kontakt im Vergleich zum Tackle Football fehlt, ist die Sportart perfekt für Kinder ausgelegt: "Das ist ein Sport, den ich meine Kinder sofort machen lassen würde", erzählt der 26-Jährige.
Fröhlich selbst sieht die Vorzüge vom Flag Football in seiner Schnelligkeit und Athletik. Er erzählt, dass sie durch das Spiel ohne Pads noch schneller unterwegs seien, als beim Tackle: "Und ich würde behaupten, dass es ein bisschen schwieriger ist, sich nicht die Flagge ziehen zu lassen, als sich nicht tackeln zu lassen."
Während ihm beide Varianten des Sports Spaß machen, erfüllt Flag Football für ihn deutlich mehr Anforderungen: "Flag Football hat die ganzen Skill-Komponenten und ist viel intensiver. Es ist, als ob man das Beste vom Tackle Football genommen und nochmal zusammengeschmissen hätte", erklärt Fröhlich.

Die Ambitionen im Football waren für Fröhlich ausgeschöpft. Dass Flag Football zu den olympischen Sportarten bei Olympia 2028 in Los Angeles gehören würde, gab ihm eine neue Perspektive. Er nahm an den Tryouts der deutschen Nationalmannschaft teil - und schaffte den Sprung ins Team.
Nun träumt er gemeinsam mit den besten Flag-Spielern Deutschlands von Olympia: "Ich habe da mein Trikot mit dem deutschen Adler drauf und merke, dass ich nicht mehr nur für mich spiele", erzählt Fröhlich.
Dabei ist der Weg nach Los Angeles noch nicht ganz sicher. Zunächst steht für die Mannschaft die WM im August in Düsseldorf an. Dort bekommen die besten beiden Nationen das Ticket für Olympia. Da die USA bereits als Austragungsort ihre Teilnahme sicher haben, geht man intern davon aus, dass bei der WM ein dritter Platz für das Olympia-Ticket reichen sollte.
"Wir gehen ein bisschen davon aus, dass Amerika mindestens ins Finale kommt. Dementsprechend rutscht das zweite Ticket einen Platz weiter runter (…). In dem Fall wäre auch ein dritter Platz für uns wie ein kleiner WM-Sieg", erklärt der Nationalspieler.
Der Receiver traut dem Team einiges zu. Deutschland sehe sich aktuell unter den Top 6 bis 8 Nationen der Welt. Gleichzeitig wisse jeder, dass Flag Football von der Tagesform abhänge: "Trotzdem ist Flag Football dann doch ein Spiel, was auf dem Platz an dem Tag gespielt werden muss", betont er. Auch auf die Unterstützung der Fans hofft Fröhlich bei der WM: "Die Home Crowd, wenn da hoffentlich viele Fans kommen, kann einen dann auch nochmal mitnehmen."

Im Mittelpunkt der nächsten zwei Jahre steht die mögliche Teilnahme an den olympischen Spielen. Für Fröhlich wäre das nochmal ein besonderer Meilenstein in seiner Karriere: "Irgendwo würde es für mich, für meinen ganzen Lebensweg ein bisschen Sinn ergeben", meint er.
"Im Älterwerden habe ich mich selbst als sehr besonders wahrgenommen, hatte aber nie ein klares Ziel. Ich glaube Olympia ist sowohl von außen respektiert, bedeutet aber auch für mich persönlich ganz viel. Es ist der beste Kompromiss aus allen Welten", so der Receiver.
Sollte sich Deutschland tatsächlich für Olympia qualifizieren, wäre das nächste Ziel klar: eine Medaille. Gleichzeitig möchte Fröhlich sich individuell weiterentwickeln, konstanter werden und sein Leistungsniveau dauerhaft steigern "sodass auch die schlechten Tage aussehen wie die besten."
Weiterhin geht es für ihn aber nicht nur um den sportlichen Erfolg: "Es geht auch manchmal darum, das Spiel zu genießen für das, was es ist", macht Fröhlich deutlich. Auch wenn es momentan bei ihm um die persönliche Bestleistung geht, möchte er danach sich wieder freier fühlen und die Dinge "einfach passieren lassen".
Lea Graepler