vor 1 Stunden
Riskante Strategie
Die Los Angeles Rams verfolgen seit Jahren eine Strategie, die in der NFL nahezu einzigartig ist. Während viele Franchises ihre Zukunft über Erstrundenpicks aufbauen wollen, investiert L.A. diese Picks lieber in gestandene Stars der Liga. Eine riskante Strategie, die inzwischen zu den erfolgreichsten Konzepten der NFL gehört.

Als die Rams vor fast zehn Jahren begonnen hatten, regelmäßig ihre Erstrundenpicks zu traden, hielten viele Beobachter die Strategie für gefährlich. In einer Liga, in der Draft-Kapital oft als wichtigste Währung überhaupt betrachtet wird, schien Los Angeles bewusst gegen den Strom zu schwimmen. Doch die Ergebnisse sprechen inzwischen eine deutliche Sprache.
Seit Beginn der Saison 2017 haben die Rams eine Bilanz von 92 Siegen und 57 Niederlagen aufgebaut. Nur die Philadelphia Eagles haben in der NFC in diesem Zeitraum mehr Spiele gewinnen können. Dazu kommen sieben Playoff-Teilnahmen und ein Super-Bowl-Titel (2022).
Besonders bemerkenswert wird dieser Erfolg beim Blick auf die Draft-Historie des Teams. Zwischen 2017 und 2026 nutzten die Rams gerade einmal zwei First Round Picks: Jared Verse im Jahr 2024 und Ty Simpson im Jahr 2026 sind die einzigen Spieler, die Los Angeles in diesem Zeitraum in der 1. Runde ausgewählt hat.
Doch selbst das ist nur die halbe Wahrheit: Der letzte Erstrundenpick vor Verse war Jared Goff im Jahr 2016 gewesen. Goff wurde später zum zentralen Bestandteil des Trades für Matthew Stafford, der den Rams als Starting Quarterback nicht nur den 2022er Super-Bowl-Sieg im eigenen Stadion einbrachte, sondern vergangene Saison auch zum MVP avancierte. Und seinen Vertrag jüngst verlängerte.

Auch Verse blieb nicht lange Teil der Organisation und wurde in dieser Woche als Teil des spektakulären Trades für Myles Garrett eingesetzt. Damit wurde erneut deutlich, wie die Rams ihre Top-Picks betrachten und mit ihnen hantieren. Für andere Teams sind sie die Grundlage des Kaderaufbaus, für Los Angeles sind sie vor allem eine Währung, mit der man gestandene NFL-Stars erwerben kann.
Besonders interessant wird die Betrachtung im Vergleich mit den Philadelphia Eagles. Die Mannschaft aus Pennsylvania gilt unter General Manager Howie Roseman (seit 2010, schon seit 2000 in Philly tätig) als eine der besten Organisationen der gesamten NFL. Kein NFC-Team hat seit 2017 mehr Spiele gewonnen, dazu kommen zwei Super-Bowl-Titel und drei Super-Bowl-Teilnahmen.
Gleichzeitig investierte Philadelphia in diesem Zeitraum insgesamt zehn Erstrundenpicks. Ausgewählt wurden Derek Barnett, Andre Dillard, Jalen Reagor, DeVonta Smith, Jordan Davis, Jalen Carter, Nolan Smith, Quinyon Mitchell, Jihaad Campbell und in diesem Jahr Makai Lemon. Doch selbst bei einer Organisation auf diesem Niveau zeigt sich die Realität des Drafts: Nicht jeder dieser Picks entwickelte sich zu einem Volltreffer. Nur wenige wurden echte Stars, einige wurden gute Spieler, andere blieben komplett hinter den Erwartungen zurück.
Genau das ist der entscheidende Punkt: Selbst die besten General Manager der NFL treffen nicht bei 100 Prozent ihrer Picks ins Schwarze. Die Trefferquote bleibt begrenzt. Genau deshalb ist der Draft in vielen Bereichen eine Lotterie.
Oft wird die Strategie der Rams missverstanden. Los Angeles verzichtet keineswegs auf junge Spieler. Tatsächlich drafteten die Rams in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich fast neun Spieler pro Jahr. Das Franchise entwertet also nicht den Draft an sich. Vielmehr hat das Team rund um General Manager Les Snead beschlossen, den Erstrundenpick anders zu bewerten als der Großteil der Liga.
Während viele Teams auf wenige frühe Picks setzen, um ihre Chancen auf die vermeintlich besten Nachwuchstalente zu erhöhen, sammeln die Rams lieber möglichst viele Auswahlrechte in den mittleren und späten Runden.
Die Idee dahinter ist simpel: Mehr Picks bedeuten mehr Chancen auf Treffer. Natürlich sind die Erfolgsaussichten eines einzelnen First Round Picks höher als die eines Spielers in der 5. oder 6. Runde. Gleichzeitig erhöht eine größere Anzahl an Picks aber auch die Wahrscheinlichkeit, mehrere brauchbare NFL-Spieler zu finden. Die Rams verfolgen deshalb die Philosophie, möglichst viele Pfeile auf die Zielscheibe zu werfen.

Um das bildlich zu erklären: Man stelle sich vor, ein NFL-Team hat die üblichen sieben Draft Picks als Dartpfeile zur Verfügung. Vier landen neben der Scheibe, drei treffen ins Ziel. L.A. hat dagegen in den vergangenen Jahren im Schnitt neun Pfeile. Zwar verfehlen auch sie fünf Würfe und produzieren damit sogar mehr Fehlschläge. Am Ende stecken aber trotzdem vier Pfeile in der Scheibe statt nur drei. Genau auf diesem Gedanken basiert die Strategie: nicht die Trefferquote erhöhen, sondern die Anzahl der Chancen.
Die Rams akzeptieren, dass auch sie viele Picks "verfehlen" werden. Das tut jedes Team. Der Unterschied ist, dass sie durch ihre größere Anzahl an Picks insgesamt mehr Chancen auf Treffer haben. Selbst wenn die Trefferquote pro Pick etwas schlechter sein sollte, können am Ende trotzdem mehr brauchbare NFL-Spieler aus dem Draft hervorgehen.
Der zweite Teil der Strategie ist ebenso wichtig. Während andere Teams hoffen, dass ihre Erstrundenpicks irgendwann zu Stars werden, holen die Rams diese Spieler direkt. Jalen Ramsey, Stafford, Trent McDuffie und zuletzt Garrett kamen allesamt als bereits etablierte Elite-Spieler nach Los Angeles.

Die Rollenverteilung ist klar: Die Superstars kommen über Trades. Die Tiefe des Kaders entsteht über die Vielzahl an Picks im Draft in den späteren Runden. Dadurch müssen die jungen Spieler nicht sofort zu Franchise-Spielern werden. Sie müssen lediglich ihren Teil zu einem bereits top-besetzten Kader beitragen. Genau dieses Modell führte die Rams bereits 2021/22 bis hin zum Super-Bowl-Titel.
Die Los Angeles Rams haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es in der NFL mehr als nur den einen Weg zum Erfolg gibt. Während viele Teams ihre Zukunft über Erstrundenpicks definieren, betrachtet Los Angeles diese Trümpfe in jedem NFL Draft als Handelswährung für bereits bewiesene Elite-Spieler.
Natürlich ist die Strategie riskant, doch sieben Playoff-Teilnahmen, ein Super-Bowl-Sieg und der zweitbeste Record der NFC seit 2017 sprechen für sich. Nach den Trades für Trent McDuffie und Myles Garrett scheint auch dieses Jahr wieder klar: Die Rams glauben mehr denn je an ihre eigene Formel, die oft humoristisch als "F*** Them Picks" beschrieben wird, auch wenn "F*** Them First Round Picks" die Strategie deutlich genauer beschreiben würde. Und bisher gibt es nur wenige Argumente dagegen.
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val