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    NFL

    06.06.2026

    Reicht seine Karriere für Canton?

    Hall of Fame oder Hall of Very Good? Der schwierige Fall Russell Wilson

    Russell Wilson hat vor Kurzem seine sehr erfolgreiche NFL-Karriere beendet. Der ehemalige Super-Bowl-Champion und langjährige Franchise-Quarterback der Seattle Seahawks wechselt künftig ins Fernsehen und wird Teil des CBS-Pregame-Teams. Doch mit seinem Retirement beginnt nun eine neue Diskussion: Reicht Wilsons Karriere für die Pro Football Hall of Fame?

    Quarterback Russell Wilson von den Seattle Seahawks hält nach dem Sieg in Super Bowl XLVIII die Vince Lombardi Trophy im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey (NFL, USA)
    Super-Bowl-Triumph für Seattle: Russell Wilson präsentiert die Vince Lombardi Trophy. IMAGO/UPI Photo

    Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein. Russell Wilson beendet seine Karriere als Super-Bowl-Champion, zehnfacher Pro Bowler und Walter Payton Man of the Year. Mit 46.966 Passing Yards belegt er Platz 16 der NFL-Geschichte, bei den Passing Touchdowns rangiert er mit 353 Touchdowns sogar auf Platz 12.

    Allein diese Zahlen zeigen, wie produktiv Wilson über viele Jahre hinweg auf der wichtigsten Position im Football war. Dazu kommen 14 NFL-Saisons, 202 Starts in der Regular Season und weitere 17 Playoff-Spiele als Starting Quarterback. Nur wenige Spieler auf seiner Position können auf eine derart lange und erfolgreiche Karriere zurückblicken.

    Doch genau hier beginnt die eigentliche Diskussion.

    Die Argumente für Canton

    Die Liste der Argumente für eine Aufnahme in die Hall of Fame ist lang. Wilson gewann einen Super Bowl, erreichte ein weiteres Endspiel und gehörte über Jahre hinweg zu den Gesichtern der NFL. Gleichzeitig war er einer der wichtigsten Quarterbacks einer neuen Generation.

    Lange bevor mobile Quarterbacks zum Standard wurden, zeigte Wilson, wie gefährlich ein Spielmacher sein kann, der sowohl durch die Luft als auch am Boden Spiele entscheiden kann.

    Mit 5568 Rushing Yards liegt er laut The Athletic unter allen Quarterbacks der NFL-Geschichte auf Rang vier. Seine Kombination aus Passing und Laufspiel machte ihn über Jahre hinweg zu einem der gefährlichsten Offensivspieler der Liga.

    Auch statistisch lässt sich seine Karriere sehen. Betrachtet man nur seine Jahre in Seattle, produzierte Wilson über ein Jahrzehnt hinweg konstant starke Zahlen und gehörte regelmäßig zu den produktivsten Quarterbacks der NFL. Allein deshalb halten viele Fans seine Hall-of-Fame-Aufnahme für selbstverständlich.

    Das Problem mit den Auszeichnungen

    Schaut man jedoch genauer hin, wird Wilsons Fall deutlich komplizierter. Zehn Pro-Bowl-Nominierungen klingen zunächst beeindruckend. Allerdings kam ein großer Teil dieser Nominierungen als Nachrücker zustande und nicht durch eine direkte Wahl.

    Und eine Pro-Bowl-Nominierung hängt nicht nur von den Leistungen auf dem Feld ab, sondern auch von Popularität, weil Fans beim Pro-Bowl-Voting eine wichtige Rolle spielen. Deshalb betrachten viele Analysten andere Auszeichnungen als aussagekräftiger.

    Quarterback Russell Wilson von den Pittsburgh Steelers wärmt sich vor dem Pro Bowl Skills Showdown in Orlando, Florida, auf (NFL, American Football, USA)
    Beim Pro Bowl war Wilson regelmäßig vertreten. IMAGO/Icon Sportswire

    Und genau dort wird Wilsons NFL-Lebenslauf überraschend dünn. Der 37-Jährige wurde nie zum First-Team All-Pro gewählt. Einen MVP-Award gewann er ebenfalls nie. Seine einzige All-Pro-Auszeichnung war eine Second-Team-All-Pro-Nominierung im Jahr 2019.

    Für einen potenziellen Hall-of-Fame-Quarterback ist das eine ungewöhnlich kurze Liste an individuellen Auszeichnungen. Zehn Pro Bowls, eine Second-Team-All-Pro-Auszeichnung und der Walter Payton Man of the Year Award wirken im Vergleich zu vielen Hall-of-Fame-Quarterbacks eher überschaubar.

    War Wilson jemals wirklich einer der Besten?

    Hierin liegt das Kernproblem seiner Bewerbung. Die Hall of Fame soll die größten Spieler der NFL-Geschichte ehren. Nicht nur sehr gute Spieler, sondern die dominierenden Figuren ihrer Generation. Und diese Dominanz lässt sich bei Wilson nur schwer nachweisen.

    Selbst wenn man nur seine besten Jahre in Seattle betrachtet, ergibt sich ein interessantes Bild. Auf eine moderne 17-Spiele-Saison hochgerechnet hätte Wilson während seiner Seahawks-Zeit durchschnittlich rund 3938 Passing Yards, 31 Touchdowns und 10 Interceptions pro Jahr produziert.

    Starke Zahlen, ohne Frage.

    Vergleicht man diese Werte jedoch mit den Leistungen aktueller Top-Quarterbacks, wirken sie nicht wie die Zahlen eines unumstrittenen All-Time-Greats. Sie beschreiben eher einen dauerhaft sehr guten Quarterback als einen Spieler, der seine Ära dominiert hat.

    Auch fortgeschrittene Statistiken zeichnen ein ähnliches Bild. Über seine gesamte Karriere hinweg hat Pro Football Focus (PFF) jeden einzelnen Passversuch bewertet und daraus Saisonnoten auf einer Skala von 1 bis 100 erstellt.

    Laut PFF erreichte Wilson in seiner gesamten Karriere lediglich vier Saisons mit einem Passing Grade über 85. Zum Vergleich: Drew Brees kam auf neun solcher Spielzeiten, Tom Brady auf zehn. Selbst Ben Roethlisberger lag mit fünf Elite-Saisons vor Wilson.

    Produktiv war Wilson zweifellos. Absolut elitär innerhalb seiner Generation war er jedoch nur phasenweise.

    Quarterback Russell Wilson von den Seattle Seahawks wärmt sich vor Super Bowl XLVIII im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey, auf (NFL, American Football, USA)
    Russell Wilson bereitet sich vor dem Super Bowl XLVIII gegen die Denver Broncos im MetLife Stadium auf das Finale vor. IMAGO/Newscom World

    Der Absturz nach Seattle schadet seinem Vermächtnis

    Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Recency Bias.

    Hätte Wilson seine Karriere nach der Saison 2021 in Seattle beendet, würden viele Fans ihn heute vermutlich deutlich positiver bewerten. Stattdessen folgten schwierige Jahre bei den Broncos, Steelers und Giants.

    Seine Leistungen fielen deutlich ab und zeitweise gehörte er statistisch sogar zu den schwächeren Starting Quarterbacks der Liga, was mehrfach dazu führte, dass er auf die Bank gesetzt wurde.

    Natürlich sollten diese Jahre seine besten Seahawks-Saisons nicht auslöschen. Gleichzeitig beeinflussen sie jedoch die Wahrnehmung seiner Karriere. Andere Hall-of-Fame-Level-Quarterbacks wie Tom Brady oder Peyton Manning konnten auch nach einem Teamwechsel weiterhin auf höchstem Niveau spielen. Wilson gelang das nicht.

    Auch Peytons Bruder Eli Manning gewann Super Bowls, wurde mehrfach Pro Bowler und spielte eine lange, erfolgreiche Karriere. Zusätzlich besitzt er sogar zwei Super-Bowl-MVP-Auszeichnungen. Trotzdem wartet Eli Manning bis heute auf seine Aufnahme in die Hall of Fame und scheiterte bereits mehrfach in der Endauswahl.

    Wenn selbst ein Quarterback mit zwei Super-Bowl-MVPs keinen einfachen Weg nach Canton hat, zeigt das, wie kompliziert auch Wilsons Fall werden könnte.

    Einordnung

    Russell Wilson hatte eine außergewöhnliche Karriere. Als Drittrundenpick entwickelte er sich zu einem Super-Bowl-Champion, einem der produktivsten Quarterbacks seiner Generation und zu einem Spieler, der den Wandel hin zu mobilen Quarterbacks entscheidend mitprägte. Gleichzeitig fehlen ihm viele der individuellen Auszeichnungen, die normalerweise mit den größten Quarterbacks aller Zeiten verbunden sind. Genau deshalb bleibt die Hall-of-Fame-Frage bei Russell Wilson so schwierig.

    Er war über viele Jahre ein sehr guter Quarterback. Das lässt sich nicht bestreiten. Aber die Hall of Fame ist für die besten Spieler gedacht, die jemals ein NFL-Feld betreten haben. Und nicht jeder Spieler, der über mehr als ein Jahrzehnt hinweg produktiv war und am Ende sogar einen Super Bowl gewann, muss automatisch zu dieser exklusivsten Gruppe der Football-Geschichte gehören.

    Und das ist völlig in Ordnung.

    Denn nicht jeder legendäre Spieler ist automatisch ein Hall-of-Famer. Die Definition eines All-Time-Great schließt das allein schon aus. Das schmälert jedoch keineswegs eine Karriere, die NFL-Fans über Jahre hinweg begeistert hat. Vom Drittrundenpick zum Super-Bowl-Champion, vom Gesicht der Seahawks zu einem der prägendsten mobilen Quarterbacks seiner Generation - Wilsons Weg war außergewöhnlich.

    Ob dieser Weg eines Tages mit einer goldenen Jacke in Canton endet, erscheint aktuell eher unwahrscheinlich. Doch allein die Tatsache, dass Fans, Analysten und Experten ernsthaft darüber diskutieren, ob Russell Wilson in die Hall of Fame gehört, zeigt, wie nah er dieser Grenze gekommen ist.

    Er mag vielleicht kein unumstrittener All-Time-Great gewesen sein. Aber er war nah genug dran, dass die Diskussion überhaupt geführt wird. Und allein das ist ein Vermächtnis, das Respekt verdient.

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    val