02.09.2026
Historisch gut besetzt
Reigning MVP und reigning Defensive Player of the Year, gleich zwei mehrfache DPOY-Gewinner und ein Coach of the Year - unter einem Dach vereinen die Los Angeles Rams derzeit eine Ansammlung an individueller Klasse, wie sie die NFL in der jüngeren Geschichte kaum gesehen hat. Analysten sprechen bereits von der besten Offseason der Sportgeschichte und eines der stärksten Kader seit der Jahrtausendwende.

Wenn eine einzelne Personalie schon für Aufsehen sorgt, ein Team aber gleich mehrere davon in derselben Offseason vermeldet, wird es besonders. Genau das ist den Los Angeles Rams gelungen. Nach dem Trade für den amtierenden Defensive Player of the Year Myles Garrett im Sommer krönte die Franchise ihre Offseason Ende August mit der Rückkehr von Aaron Donald aus dem Ruhestand. Zusammen mit den bereits im Frühjahr getätigten Verpflichtungen von Cornerback Trent McDuffie und Jaylen Watson ist daraus ein Kader entstanden, der auf dem Papier kaum eine Schwachstelle mehr aufweist und der gleich mehrere der prestigeträchtigsten individuellen Auszeichnungen der Liga versammelt.
Das Herzstück der neuen Rams-Defense bilden Myles Garrett und Aaron Donald. Gemeinsam bringen sie die meisten First-Team-All-Pro-Nominierungen (13) auf, die ein Defensive-Line-Duo jemals vor Beginn einer Saison vorzuweisen hatte. Die letzte D-Line-Paarung mit jeweils mindestens fünf All-Pro-Nominierungen war Alan Page und Carl Eller bei den "Purple People Eaters" der Vikings von 1978. Zudem sind Garrett und Donald das erste Duo seit Derrick Thomas und Leslie O'Neal bei den Chiefs 1999, das mit jeweils über 100 Karriere-Sacks in eine Saison startet. Donald hält mit 0,72 Sacks pro Spiel den besten Wert unter Defensive Tackles aller Zeiten, Garrett führt mit 0,94 Sacks pro Spiel sogar die gesamte NFL-Historie an und kommt frisch von seinem eigenen Saisonrekord von 23 Sacks.
Neben dem spektakulären Pass-Rush-Duo häufen sich bei den Rams auch abseits der Defensive Line die Auszeichnungen. Quarterback Matthew Stafford ist amtierender MVP der Liga, Super Bowl Champion von 2021/22 und wurde 2011 als Comeback Player of the Year geehrt. Garrett trägt neben seinem Titel als amtierender Defensive Player of the Year insgesamt zwei DPOY-Trophäen, Donald sogar drei. Star-Wide-Receiver Puka Nacua wurde in der vergangenen Saison Dritter im Voting zum Offensive Player of the Year, während sein Receiver-Partner Davante Adams mit 14 Touchdowns sogar mit drei Stück Vorsprung die meisten Receiving Touchdowns der gesamten Liga erzielte. Head Coach Sean McVay wiederum ist nicht nur Super Bowl Champion, sondern selbst Träger eines Coach of the Year Awards von 2017.
Damit stehen bei den Rams gleichzeitig der amtierende MVP und der amtierende Defensive Player of the Year auf dem Feld - eine Konstellation, die es in der Geschichte der NFL bei ein und demselben Team noch nie gegeben hat. Zusammen mit all den weiteren Auszeichnungen im Roster ergibt das eine Ansammlung an individueller Klasse, die historisch ihresgleichen sucht.
Wie außergewöhnlich diese Häufung an Talent ist, unterstreichen auch historische Vergleiche. In der NBA schufen die Miami Heat 2010 mit der Verpflichtung von LeBron James und Chris Bosh neben Dwyane Wade eines der bekanntesten Superteams des Sports, das am Ende zwei Meisterschaften gewann. Die New York Yankees rüsteten 2004 mit Alex Rodriguez, Gary Sheffield und weiteren Stars auf, gewannen die World Series damit aber nie. Auch die Tampa Bay Buccaneers gelten als Referenz: 2021 hielten sie nach ihrem Super-Bowl-Sieg alle 22 Starter zusammen. Der Unterschied bei den Rams: Sie haben nicht lediglich einen Meisterkader zusammengehalten, sondern einem Team, das ohnehin schon nah an einer Super-Bowl-Teilnahme war, mit Garrett, Donald, McDuffie und Watson zusätzlich erstklassiges Talent hinzugefügt.
In einem Ranking von Fox Sports der zehn stärksten Rosters seit der Jahrtausendwende landen die Rams bereits jetzt auf Platz vier - vor Teams wie den 2007 New England Patriots oder den 2019 Kansas City Chiefs, nur knapp hinter den Seahawks von 2013, den Ravens von 2000 und den Buccaneers von 2002. Als warnendes Beispiel wird dabei auch an die Philadelphia Eagles von 2011 erinnert, die von Vince Young zum "Dream Team" ernannt wurden, anschließend aber mit 8:8 an den Playoffs vorbeischrammten. Star-Ansammlungen garantieren also keinen Erfolg - eine Mahnung, die auch für die Rams gilt.
Denn so beeindruckend die Papierform auch sein mag, am Ende zählt auf dem Feld etwas anderes. Und auch abseits der historischen Warnbeispiele gibt es bei den Rams selbst offene Fragen, die über Erfolg oder Enttäuschung entscheiden könnten: Donald ist 35 Jahre alt und hat seit der Saison 2023 kein NFL-Spiel mehr bestritten - ob er nur ansatzweise an seine alte Form anknüpfen kann, ist offen. Auch die Special Teams der Rams galten in der Vorsaison als Schwachstelle, die Offensive Line hat Probleme in der Tiefe, und die Receiver-Gruppe hängt stark von der Gesundheit von Puka Nacua und Davante Adams ab. Zudem droht die Konkurrenz ausgerechnet aus der eigenen Division: Die Seattle Seahawks, amtierender Super Bowl Champion nach einem knappen Sieg im NFC Championship Game gegen genau diese Rams, gelten weiterhin als ernstzunehmender Rivale. Historische Vergleiche wie die 2007 Patriots oder 2013 Denver Broncos, die trotz einer der besten Offenses aller Zeiten beide am Ende leer ausgingen, zeigen zudem, dass selbst die stärksten Kader auf dem Papier keine Garantie für die Meisterschaft sind.

Am Ende wird auch bei den Rams nicht die Offseason-Bilanz, sondern der Ausgang des Super Bowl LXI am 15. Februar im eigenen Heimstadion SoFi Stadium über die Einordnung dieses Kaders entscheiden.
mgs