16.08.2026
Fan-Kolumne
Das erste Preseason-Spiel ist kein Stoff für große Wahrheiten. Es ist August. Die Starter stehen an der Seitenlinie. Die Kicker dürfen daneben schießen. Backups kämpfen um ihre Kaderplätze. Und doch fühlte sich das 13:13 der New England Patriots gegen die Indianapolis Colts an, als ließe sich daraus etwas schließen.

Es funktionierte definitiv nicht alles: Andy Borregales verschoss drei Field Goals, die Patriots ließen sich ihre 13:7-Führung noch nehmen. Allerdings: Die Defense erzwang vier Turnovers, Kyle Williams fing einen Touchdown - und wichtiger noch: In Foxborough entstand wieder dieser alte Eindruck. Da ist ein Team, das weiß, was es tut.
Die Patriots erleben, so formulierte es Sleeper-Reporter Carlos Lopez nach den ersten Wochen des Camps, ihr bestes Trainingslager seit mehr als einem halben Jahrzehnt. Dass daraus kein großer Hype entsteht, passt zur Pointe: Konkurrenz, Tiefe und täglicher Leistungsdruck waren in New England lange kein Thema für Schlagzeilen. Sie waren der Standard.
Dass dieser Standard ausgerechnet durch die Receiver wieder sichtbar wird, ist allerdings neu. Auf dem Papier zählten sie selten zu den großen Stärken des Teams. Auch in der vergangenen Saison waren die Passempfänger noch eines der Symptome einer nicht immer gesunden Offense.
Zu viel lag auf Maye, zu wenig war verlässlich getrennt von ihm unterwegs. Jetzt haben die Patriots nicht nur A.J. Brown und Romeo Doubs geholt. Sie haben die komplette Hierarchie verschoben.
Hinter den beiden beginnt die interessante Geschichte: Williams, Kayshon Boutte, DeMario Douglas, Mack Hollins und Efton Chism III stechen im Camp heraus, alle machen Plays - und kämpfen um einen Kaderplatz. Dass die Patriots über einen Boutte-Trade nachdenken können, ohne ihn aktiv loswerden zu müssen, beschreibt den Luxus ziemlich genau.
Derzeit herrscht innerhalb der Organisation die Meinung, Boutte werde "ein großer Teil dessen sein, was wir tun", berichtet ESPN-Reporter Mike Reiss in der Pat McAfee Show: "Schwierig könnte es nur werden, falls ein anderes Team anruft und etwas Bedeutendes bietet."
Falls Boutte tatsächlich gehen sollte, stünde Williams bereit. Der Drittrundenpick aus dem vergangenen Jahr fing gegen Indianapolis zwei von drei Targets für 37 Yards, darunter einen 12-Yard-Touchdown. Natürlich keine Szene, die eine Saison entscheidet.
Aber sie erzählt etwas über den neuen Kader: Williams muss nicht mehr die nächste verzweifelte Hoffnung sein. Er darf aus der Tiefe Druck machen, sich durchsetzen und die Rolle verdienen, die früher womöglich aus Mangel an Alternativen zu groß für ihn gewesen wäre.
Das vertraute Fundament bleibt aber die Defense. Und die sah gegen die Colts schon wieder genau danach aus, wie ein Patriots-Team aussehen soll: präsent, opportunistisch, unbequem. Mit vier Turnovern hielt sie das Spiel lange im Griff - obwohl die Offense nach dem Touchdown kaum noch etwas beisteuerte.
Darauf will das Team bauen: Es muss nicht jede Woche spektakulär aussehen, solange die Defense Spiele eng, physisch und unangenehm hält. Wenn sich diese Mischung im Camp bestätigt, sind die Patriots nicht einfach ein Team, das nach dem Super Bowl hektisch noch mehr Talent angehäuft hat. Sie wirken wie ein Team, das seine Struktur verbreitert.
Und über allem steht der Quarterback, der nicht vorhat, sich vom Super-Bowl-Einzug schmeicheln zu lassen. Drake Maye hat eine Rechnung offen. "Als unsere Defense so gespielt hat, wie sie gespielt hat, hat sie uns eine Chance gegeben, zu gewinnen", sagte er im Gespräch mit Sports Illustrated-Insider Albert Breer. "Es ist meine Verantwortung, zusammen mit der Offense Punkte aufs Board zu bringen. Wenn du das Gefühl hast, deinen Teil nicht getan zu haben, frisst dich das auf."
Maye könne sofort an "fünf, zehn Plays" aus dem Super Bowl denken, bei denen sich alles hätte drehen können: "Du gewinnst dieses Spiel - und eine Aktion kann dein Leben verändern." Der Gedanke, dass dieser Moment vorbei sei und wie viel Arbeit nötig sei, um ihn zurückzubekommen, werde ihn nicht loslassen. Und er soll ihm helfen.
Der berühmte "Chip on the Shoulder". Die Floskel wird im August inflationär benutzt. Bei Maye wirkt sie glaubwürdig, weil er keine Ausrede sucht: weder in der schwachen Offensive Line noch in den damals fehlenden Waffen. Er schaut auf die Niederlage gegen die Seattle Seahawks, sieht seine Fehler - und weiß, dass ein erneuter Weg in den Februar nicht durch Rankings, Trainingscamp-Schwärmereien oder einen gelungenen Preseason-Drive entsteht.
Das 13:13 gegen Indianapolis wird im Januar niemanden interessieren. Der Eindruck dahinter vielleicht schon: In Foxborough wird wieder um Rollen gekämpft - nicht um Bedeutung. Die Patriots sind wieder relevant. Und langsam sieht es so aus, als hätten sie auch wieder den Anspruch, der damit früher automatisch verbunden war.
Felix Schlickmann