28.09.2026
Katastrophaler Saisonstart
Vom MVP-Kandidaten zum Sorgenkind der New England Patriots: Nur wenige Monate nach einer herausragenden Saison 2025 steckt Drake Maye in der schwersten sportlichen Krise seiner bisherigen NFL-Karriere. Nach drei Spielen stehen einem Touchdown bereits sechs Interceptions gegenüber - und die Patriots-Offense gehört zu den schwächsten der Liga.

Doch Mayes Absturz lässt sich nicht allein mit seinen Turnovern erklären. New England hat sein Receiving Corps massiv verändert, A.J. Brown fehlt verletzt, die Offensive Line lässt weiterhin viel Druck zu und auch das Playcalling von Josh McDaniels wirft Fragen auf. Gleichzeitig macht Maye selbst Fehler, die bei seinem Niveau aus der vergangenen Saison kaum zu sehen waren. Was also ist mit dem Quarterback passiert, der 2025 noch Zweiter beim MVP-Voting wurde?
Der statistische Unterschied könnte kaum größer sein. Maye absolvierte 2025 alle 17 Regular-Season-Spiele und brachte 354 seiner 492 Pässe für 4394 Yards an. Dazu kamen 31 Touchdowns bei lediglich acht Interceptions, eine Completion Rate von 72,0 Prozent und ein Passer Rating von 113,5. Diese Leistungen brachten ihm am Ende Platz zwei bei der Wahl zum NFL MVP hinter Matthew Stafford ein.
Drei Spiele in die neue Saison ist von dieser Effizienz wenig übrig. Maye steht bei 51 von 80 Pässen für 585 Yards. Seine Completion Rate ist auf 63,8 Prozent gefallen. Noch dramatischer ist das Verhältnis zwischen Touchdowns und Turnovern: Einem Passing Touchdown stehen bereits sechs Interceptions gegenüber. Sein Passer Rating ist auf 58,6 abgestürzt. Maye hat damit nach drei Spielen bereits drei Viertel der Interceptions geworfen, die er in der gesamten Regular Season 2025 produzierte.
Schon beim 10:13 zum Auftakt gegen die Seattle Seahawks zeigten sich die Probleme. Maye brachte zwar 23 von 33 Pässen für 178 Yards und einen Touchdown an, warf allerdings drei Interceptions. Besonders bitter: Alle drei Picks kamen im vierten Quarter.
Gegen die Pittsburgh Steelers folgte zumindest statistisch eine Steigerung. Beim 20:3-Erfolg brachte Maye 14 von 22 Pässen für 208 Yards an und warf eine Interception. Sein Passer Rating von 75,6 blieb dennoch deutlich unter seinem Niveau aus der Vorsaison.
Der vorläufige Tiefpunkt folgte beim 6:35 gegen die Jacksonville Jaguars. Maye warf erneut zwei Interceptions und verlor einen Fumble. Im vierten Quarter war sein Arbeitstag vorzeitig beendet, Backup Tommy DeVito übernahm in der deutlichen Niederlage.
Nach der Partie suchte Maye die Verantwortung zunächst bei sich selbst. "Ich muss in den Spiegel schauen und das als Wendepunkt nehmen", erklärte der Quarterback. Die Leistungen der Patriots-Offense in den ersten drei Wochen bezeichnete er als "inakzeptabel".
Die Turnover sind dabei nicht das einzige Warnsignal. Maye wurde in den ersten drei Spielen bereits neunmal gesackt. Schon 2025 musste er insgesamt 47 Sacks einstecken.
Der Druck allein erklärt seine Probleme allerdings nicht. Auffällig ist vielmehr, wie Maye mittlerweile darauf reagiert. Entscheidungen wirken teilweise überhastet, die Sicherheit innerhalb der Pocket ist nicht auf dem Niveau der vergangenen Regular Season und Fehler führen immer häufiger direkt zu Ballverlusten.
Selbst in Analysen aus dem direkten Patriots-Umfeld wurden bereits vor dem Jacksonville-Spiel Turnover und eine Regression in der Pocket als Probleme thematisiert.
US-Medien diskutieren inzwischen sogar darüber, ob Maye mit einer Art "Yips" zu kämpfen haben könnte - also einem plötzlichen Verlust zuvor selbstverständlicher Abläufe. Das ist allerdings eine Interpretation und keine belegte Diagnose.
Hinzu kommt eine taktische Herausforderung. Gegnerische Defenses versuchen zunehmend, explosive Plays gegen New England zu begrenzen und Maye dazu zu zwingen, geduldig über das Feld zu marschieren.
Two-High-Strukturen und insbesondere Cover 6 spielen dabei eine Rolle. Genau solche Looks können explosive Würfe erschweren und dem Quarterback abverlangen, seine Reads sauber abzuarbeiten und die darunterliegenden Optionen konsequent zu nehmen.
Für einen Quarterback, der aktuell ohnehin mit Turnovern und seinem Verhalten unter Druck kämpft, entsteht daraus eine unangenehme Kombination. Maye bekommt nicht zwangsläufig den schnellen tiefen Wurf, gleichzeitig darf er sich bei längeren Drives kaum Fehler erlauben. Und genau diese Fehler passieren derzeit zu häufig.
Allerdings wäre es zu einfach, die Krise ausschließlich Maye anzulasten. Die Voraussetzungen um den Quarterback herum haben sich gegenüber seiner MVP-Saison erheblich verändert.
Stefon Diggs fing 2025 insgesamt 85 Pässe für 1013 Yards und vier Touchdowns. Im März trennten sich die Patriots von dem Veteranen, mittlerweile spielt Diggs für die Washington Commanders.
Auch Kayshon Boutte ist nicht mehr da. New England tradete den Receiver vor Saisonbeginn zu den Houston Texans. Boutte hatte 2025 noch 33 Receptions für 551 Yards und sechs Touchdowns beigesteuert.
Damit verlor Maye zwei Receiver, die in seiner erfolgreichen Vorsaison zusammen 1564 Receiving Yards und zehn Touchdowns produziert hatten.
Und damit nicht genug. A.J. Brown sollte eine zentrale Rolle im neu formierten Receiving Corps übernehmen, verletzte sich jedoch bereits zum Saisonauftakt am Knöchel. Die Patriots setzten ihn anschließend auf Injured Reserve.
Maye muss damit aktuell ohne mehrere Waffen auskommen, die entweder 2025 eine wichtige Rolle spielten oder 2026 eine zentrale Rolle in der Passing Offense übernehmen sollten.
Personelle Probleme erklären trotzdem nicht alles. Auch das Playcalling von Josh McDaniels muss sich Fragen gefallen lassen.
New England hat in den ersten drei Spielen lediglich 36 Punkte erzielt. Das entspricht gerade einmal 12,0 Punkten pro Partie. Eine Offense, die wenige Monate zuvor noch von einem MVP-Kandidaten auf Quarterback angeführt wurde, produziert aktuell kaum konstant Punkte.
Dabei ist nicht jedes Problem McDaniels anzulasten. Es gibt weiterhin Konzepte, die Receiver freispielen und Maye Lösungen anbieten. Wenn der Quarterback offene Reads übersieht, unter Druck falsche Entscheidungen trifft oder den Ball zum Gegner wirft, kann auch das beste Play Design diese Fehler nicht auffangen.
Umgekehrt muss sich die Offensive aber an die neue Realität anpassen. Diggs und Boutte sind weg, Brown ist verletzt und Maye spielt nicht mit der gleichen Sicherheit wie 2025. Ein System, das unter anderen personellen Voraussetzungen funktioniert hat, muss entsprechend angepasst werden.
Über allem schwebt zusätzlich eine körperliche Frage. Maye hatte sich im AFC Championship Game der vergangenen Playoffs an der rechten Schulter verletzt. Angesichts seines aktuellen Formtiefs wird deshalb in den USA diskutiert, ob die Schulter noch Auswirkungen auf sein Spiel haben könnte.
Maye selbst weist diese Vermutung zurück und betont, körperlich fit zu sein. Solange es keine medizinischen Hinweise auf anhaltende Beschwerden gibt, wäre es deshalb falsch, die Schulter als Ursache seiner Probleme darzustellen. Die Verbindung zwischen Verletzung und Leistungseinbruch bleibt Spekulation.
Die Suche nach einer einzigen Erklärung für Mayes Absturz greift damit zu kurz. Seine individuellen Fehler sind real. Sechs Interceptions nach drei Spielen lassen sich nicht ausschließlich mit Verletzungen von Mitspielern, einer schwächeren Offensive Line oder dem Playcalling erklären. Maye trifft aktuell Entscheidungen, die er in seiner starken Regular Season 2025 deutlich seltener getroffen hat.
Gleichzeitig spielt er unter veränderten Bedingungen. Diggs und Boutte sind nicht mehr in New England, Brown fehlt verletzt, Maye wurde bereits neunmal gesackt und gegnerische Defenses versuchen verstärkt, die explosiven Elemente aus dem Patriots-Passspiel zu nehmen. Dazu kommt eine Offense, die insgesamt lediglich zwölf Punkte pro Spiel produziert. Genau diese Kombination macht die Situation für New England so problematisch.
Nach drei Spielen wäre es viel zu früh, Mayes Saison 2025 als einmaligen Ausreißer abzuschreiben. Seine Leistungen aus der Vorsaison waren über 17 Regular-Season-Spiele hinweg zu konstant, um sie nach drei schwachen Auftritten einfach zu ignorieren.
Genauso wenig lässt sich sein aktueller Absturz jedoch kleinreden. Von 31 Touchdowns bei acht Interceptions und einem Rating von 113,5 ging es zu einem Touchdown, sechs Interceptions und einem Rating von 58,6.
Jetzt muss Maye zeigen, dass 2025 tatsächlich der Beginn seiner Entwicklung zu einem der besten Quarterbacks der NFL war - und nicht der Höhepunkt. Denn aus der Frage, was aktuell bei Drake Maye falsch läuft, könnte sonst irgendwann eine deutlich unangenehmere werden: War 2025 nur eine außergewöhnliche Saison - oder ist genau das der Quarterback, den die Patriots langfristig erwarten können?
nkr