02.09.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die Preseason ist abgeschlossen, die Kader der 32 Teams für die neue Saison stehen. Bald gibt es echte Klarheit auf dem Platz in der Regular Season - aber auf was kann man nach der Preseason bereits achten? Welche Lehren bleiben nach der Saisonvorbereitung für die kommende Saison?

Dass die Browns in der kommenden Saison die schwierigste und vermutlich deprimierendste Quarterback-Situation haben werden, ist keine neue Erkenntnis aus der Preseason. Dennoch haben die letzten Wochen unterstrichen, wie bitter es werden könnte - besser gesagt: Wie bitter es noch ist.
Da wäre zum einen die sportliche Komponente. Weder Deshaun Watson noch Shedeur Sanders haben sich in der Preseason, in der sie beide je einen Start und dann jeweils Snaps in der weiteren ersten Hälfte der Spiele erhalten haben, in irgendeiner Art und Weise abgesetzt.
Dazu kommt der emotionale Part. Watson wurde im zweiten Preseason Spiel von den eigenen Fans ausgebuht, es war Watsons erster Auftritt in Cleveland vor den heimischen Fans, seitdem er sich im Oktober 2024 die Achillessehne gerissen hatte.
Anschließend adressierte er die Situation erstmals öffentlich: "Ich denke, jeder weiß, dass es dabei nicht um das Sportliche geht. Es ist persönlicher als das. Es ist respektlos." Auf die konkrete Nachfrage, ob bessere Leistungen und sportliche Erfolge daran nicht trotzdem etwas ändern würden, legte Watson nach: "Das letzte Mal, als ich hier gespielt habe, habe ich mir die Achillessehne gerissen und die gleiche Fan Base hat gejubelt, als ich mich verletzt habe. Was hat das mit den Leistungen zu tun?"
Es ist so offensichtlich, dass hier ein Fanlager längst genug hat von einem gigantischen Trade-Desaster, und dass auch Watson selbst überdeutlich mit Cleveland und den Browns abgeschlossen hat. Trotzdem ernannten die Browns Watson zwei Tage nach dieser Pressekonferenz zum Starting-Quarterback.
Head Coach Todd Monken gab hierzu die Standard-Floskeln zu Protokoll. Dass Watson ihnen die beste Chance darauf gibt, den Ball zu bewegen und zu punkten. Vielleicht ist das seine ehrliche Einschätzung, was eine verheerende Aussage über die Entwicklung von Sanders wäre.
Zumindest im Raum steht auch das Szenario, dass es eine Entscheidung ist, die Monken nicht alleine getroffen hat. Oder besser: treffen durfte. Vielleicht steckt auch eine andere Überlegung dahinter, nämlich dass Watson in Jacksonville und in Tampa Bay ran darf, und sie dann vor dem Heim-Auftakt gegen die Panthers in Woche 3 den Wechsel machen, also bevor Watson wieder vor den eigenen Fans spielen würde. Auch könnte es strategisch einfacher sein, früh in der Saison Watson zu demontieren und Sanders zu starten, als umgekehrt.
Der Trade für Deshaun Watson war ein so einschneidendes Ereignis, und selbst jetzt, unter einem neuen Head Coach, prägt es die Browns noch. Die Hoffnung in Cleveland kann nur sein, dass man diese Saison halbwegs sauber über die Bühne bringt. Denn dann, ganz egal, was heute gesagt wird, werden die Browns das Watson-Kapitel endlich schließen.
Bereits Anfang August schien es fast unausweichlich, dass wir doch wieder über die Offensive Line der Chargers sprechen würden. Rashawn Slater konnte lange nicht trainieren, Probleme infolge seines im Vorjahr erlittenen Patellasehnenrisses machten ihn zum unfreiwilligen Zuschauer.
Doch noch bevor klar war, dass Slater zurückkommt, war eine neue Baustelle bereits aufgegangen. Die im Training erlittene Knieverletzung von Tyler Biadasz wird den Center-Neuzugang die gesamte Saison kosten. Hier also gehen die Chargers bereits mit einem Backup an den Start, zusätzlich zu den Ungewissheiten bei Slater, der aber immerhin wieder trainiert.
Und zusätzlich auch zu der Ungewissheit auf Guard. Cole Strange ist hier gemeinsam mit Mike McDaniel aus Miami gekommen, seine bisherigen Auftritte geben wenig Grund für Optimismus. Er wird aber starten, und Left Guard hat nicht weniger Fragezeichen. Hier rückt Rookie Jake Slaughter jetzt nach innen, um Biadasz zu ersetzen - was immerhin Slaughters angestammte Position ist.
Auf dem Papier ist das ohne Biadasz eine der schlechtesten Interior Lines in der NFL. Bereits vor Woche 1 sprechen wir in Los Angeles mal wieder über das gleichen Thema.
Wie immer gilt: Preseason ist Preseason, und man muss sehr vorsichtig sein, daraus Schlüsse für die Regular Season zu ziehen. Insbesondere, wenn es darum geht, ganze Teams einzuschätzen.
Mit dem im Hinterkopf: Die Titans sind eines von zwei, drei Teams, bei dem ich nach dem, was wir in dieser Preseason gesehen habe, zumindest leicht die Alarmstufe erhöhen würde.
Das beginnt mit Cam Ward, der einige sehr durchwachsene Auftritte hatte. Der Deep Ball scheint immer noch sehr inkonstant zu sein, genau wie seine Ball Security. Aber auch das Tempo und das Decision Making war vor Jahr 2 noch nicht da, wo man es aus Titans-Sicht gerne sehen würde.
Coach Robert Saleh sprach nach dem zweiten Preseason-Spiel gegen die Seahawks davon, dass die Dinge anders aussehen werden, wenn sie mit Scheme und Game Plan in eine Partie gehen. Auch Rookie-Receiver und Top-Pick Carnell Tate, der ebenfalls eine unglückliche Preseason hatte, werde dann besser eingebunden.
Und das kann natürlich sein. Garantiert ist das aber nicht. Und dass dann auch noch die Starting-Defense im zweiten Preseason-Spiel gegen die Seahawks von Seattles Backup-Offense zerlegt wurde, sorgte nicht für mehr Optimismus.

Die Titans haben in dieser Offseason viel investiert, um den Floor deutlich zu stabilisieren. Das ist die Erwartungshaltung. Das ist die Aufgabe, für die Robert Saleh und Brian Daboll geholt wurden. Das muss auch die Erwartungshaltung in Jahr 2 an Vorjahres-Top-Pick Cam Ward sein.
Vielleicht kommt all das in der Regular Season. Was wir bisher von diesem Team gesehen haben, lässt aber eine gewisse Skepsis zu.
Nach einer vielversprechenden Rookie-Saison (49 REC, 664 YDS, 3 TD) galt Chargers-Tight-End Oronde Gadsden als klarer Breakout-Kandidat für die kommende Saison. Das änderte sich auch nicht nach der Verpflichtung des neuen Offensive Coordinators Mike McDaniel - im Gegenteil, Gadsdens Athletik, Speed und Pass-Catching-Qualitäten sollten eigentlich einen Platz in der neuen Offense finden können.
Eigentlich. Denn seitdem hat sich die Situation deutlich verändert. Die Chargers haben mit Charlie Kolar und David Njoku nicht nur zwei Tight Ends verpflichtet; beide scheinen sich in der Depth Chart bereits an Gadsden vorbei geschoben zu haben.
McDaniel hatte in Miami stets eine tiefe Tight-End-Rotation mit unterschiedlichen Spielertypen. Doch die Preseason bislang scheint klar zu machen: Gadsden ist in dieser Rotation nur die Nummer 3. Kolar wird der primäre Blocker sein, Njoku die Hybrid-Waffe. Beide wurden im ersten Preseason-Spiel geschont, während Gadsden mit den Backups auf dem Platz stand und in Woche 2 absolvierten Kolar und Njoku die ersten beiden Drives, ehe die Backups übernahmen. Inklusive Gadsden auf der Tight-End-Position.
Gadsden könnte immer noch eine Rolle für Dinge wie den 2-Minute-Drill haben. Er ist der dynamischste Spieler aus diesem Trio. Aber in den meisten 2-Tight-End-Sets sowie in neutralen 11-Personnel-Situationen scheint er aktuell keinen Platz zu haben.
Mal war es Mike Evans, der regelmäßig Trainingseinheiten vorzeitig abbrechen musste. Dann eine ungeklärte Verletzung bei Christian McCaffrey. Nick Bosas Schwellungen im Knie, Christian Kirks hartnäckige Knöchelverletzung, Ricky Pearsalls vorzeitiges Saisonaus. Und da sprechen wir noch gar nicht über den Autounfall von Kyle Shanahan, die Posse um Brandon Aiyuk oder die Eskapaden von Teambesitzer Jed York. Es war eine holprige Saisonvorbereitung in San Francisco, und das ist noch freundlich ausgedrückt.
Rein sportlich aber bieten die Niners folgendes Bild: Sollte San Francisco halbwegs gesund durch die Saison kommen, sollten die alternden Stars weitestgehend fit bleiben, ist das ein Titelfavorit. Dann könnten die 49ers einen tiefen Playoff-Run hinlegen und auch die Rams herausfordern.
Aber wer wäre an diesem Punkt schon gewillt, darauf zu setzen? Rookie-Receiver De'Zhaun Stribling war die eine anhaltend positive Storyline aus der Saisonvorbereitung in San Francisco - der aber wird kein Bonus sein, sondern die Niners werden vermutlich direkt eine produktive Saison von ihm brauchen.
Kaum ein Team ist so schwer greifbar. Weil der sportlich realistische Best Case hier nach diesem Sommer schwer vorstellbar scheint. Aber es gibt eben diesen Best Case. Und letztlich könnte es reichen, wenn San Francisco zum richtigen Zeitpunkt aus allen Rohren feuert.
Das ist auf jeden Fall auch ein Fantasy-Draft-Statement. Buffalos Starter spielten in Woche 1 der Preseason und von den 15 ersten Offense-Snaps stand Moore für elf auf dem Platz. Mehr noch: Drei Targets, drei Catches, 61 Yards nahm er mit, ehe die Starter rausgenommen wurden.
Die Bills werden weiterhin Run-lastig sein und Josh Allen wird den Ball verteilen. Aber die bisherigen Offseason-Eindrücke legen nahe, dass Moore Allens Nummer-1-Receiver sein kann. Mit einer Rolle in der Offense und auch was designte Targets und Touches angeht, die man nicht unterschätzen sollte.
Das Run Game der Packers war letztes Jahr über weite Teile eine One-Man-Show. Josh Jacobs hatte 234 Carries in nur 15 Spielen. Emanuel Wilson kam in 17 Spielen auf 125 Runs, und das auch nur, weil er die Starts in beiden Spielen gegen die Vikings hatte. Aus diesen beiden Spielen alleine kamen 46 seiner 125 Carries, und ohnehin: Wilson hat das Team in der Offseason verlassen.
Einen neuen Back hatten die Packers zunächst nicht geholt. Sie reagierten dann spät mit dem Trade für Kaleb Johnson, nämlich als am Wochenende die zumindest vorläufige Suspendierung von Jacobs vonseiten der Liga verkündet wurde. Ende offen - es ist noch nicht das finale Urteil.
Das rückt Green Bays Backfield im Vorlauf der neuen Saison in den Vordergrund. Und dieses Backfield scheint zu liefern.
MarShawn Lloyd ist endlich fit und könnte in Jahr 3 endlich seinen Breakout feiern. Dahinter hat sich Chris Brooks als Third-Down-Back etabliert. Pierre Strong hat starke Argumente dafür, der beste Returner zu sein und ist über das Practice Squad im Team geblieben. Kaleb Johnson ist nach einer völlig verkorksten Saison in Pittsburgh eine Wildcard, der Tapetenwechsel könnte aber hier genau der richtige Schritt sein.
Zugegeben: Vieles hängt davon ab, dass Lloyd fit bleibt. Aber Green Bay könnte mit einem unerwartet tiefen Backfield in die Saison gehen. Und diese Tiefe wird direkt auch getestet werden.
Die Fragezeichen auf dieser Seite des Balls, das ist der negative Takeaway dieser Packers-Vorbereitung, liegen eher in der Offensive Line.
Das Quarterback-Duell in Minnesota war nicht so eindeutig, wie es sich Vikings-Fans vermutlich erhofft hatten. Dennoch fiel die Starter-Wahl wenig überraschend auf Kyler Murray, während J.J. McCarthy in der Preseason weiter bekannte Probleme zeigte. Zu wenig Touch, inkonstante Accuracy, Timing und Antizipation sind nicht verlässlich.
Dann kam parallel dazu eine von Journalist Tyler Dunne langfristig angelegte Hintergrundgeschichte raus, die alarmierend deutlich offenlegte, dass Coach Kevin O'Connell in der Arbeit mit McCarthy mit seinem Latein am Ende war.
Jetzt, nach dem Ende der Preseason, steht nicht mehr die Frage im Raum, ob McCarthy doch nochmal als Starter in die Saison gehen könnte. Jetzt wird eher darüber diskutiert, ob er überhaupt der erste Backup sein wird, sollte etwas mit Murray sein.
Aktuell ist McCarthy ohnehin angeschlagen, doch die Vikings haben auch Carson Wentz in der Offseason einen Vertrag über drei Millionen Dollar gegeben. Vertrauen sie ihm mehr als McCarthy, sollte es darauf ankommen? Bekommt McCarthy überhaupt noch eine echte Chance auf relevante Snaps?
Der relevanteste Takeaway dürfte dieser sein: Wenn das Kyler-Murray-Experiment schiefgeht, gibt es keinen Plan B, zumindest keinen vielversprechenden. Der Druck auf alle handelnden Akteure hier ist jetzt groß.
Nach dem Draft schien die Prognose in Houston klar: Der neu verpflichtete Braden Smith startet auf Right Tackle, Top-Pick Keylan Rutledge auf Center und der ebenfalls in der Free Agency eingekaufte Wyatt Teller auf Left Guard.
Das war auch die Formation im ersten Preseason Spiel. Im zweiten aber schoben sie Rutledge auf Left Guard, Evan Brown war der Starting-Center und Trent Brown übernahm die rechte Seite. Das würde Rutledge auf die für ihn gewohntere Position packen, dafür aber die beiden Free-Agency-Verpflichtungen Wyatt Teller und Braden Smith, er jetzt ohnehin vorübergehend verletzt ausfällt, zu Backups degradieren.
Houston verfolgt abermals die Strategie, sich eine tiefe Unit aufzubauen, um dann die bestmögliche Starter-Gruppe herauszufiltern. Letztes Jahr ging der Plan schief, dieses Jahr scheint die individuelle Qualität der Top-8- bis Top-10-Linemen höher zu sein.
Es ist ein so kritischer Punkt, weil eine solide bis gute Offensive Line die Texans zum Titelanwärter machen könnte. Dafür aber müssen sie die richtige Formation finden.
Positive Nachrichten rund um die Falcons waren in den letzten fünf Wochen Mangelware, und insbesondere auch auf der Quarterback-Position hatte man zuletzt den Eindruck, dass Michael Penix das interne Duell mit Tua Tagovailoa gewinnen könnte, bevor er überhaupt sportlich darin einsteigt.
Da tut es gut, wenn die Preseason zumindest ein wenig Hoffnung liefert, so irrational die letztlich auch sein mag. Diese irrationale Preseason-Hoffnung in Atlanta hört auf den Namen Jack Strand und ist ein Undrafted Rookie Quarterback. Nicht nur das, er ist ein Undrafted Rookie Quarterback, der Division-II-Football für Minnesota State-Moorhead gespielt hat.
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Strand ist ein großer Quarterback mit Pocket-Passer-Gardemaßen und einem guten Arm, und den zeigte er im Spiel gegen die Colts. Strand (12/17, 212 YDS, TD) brachte hier nicht nur zwei Downfield-Pässe an, er erlief zusätzlich noch einen 16-Yard-Touchdown und bot ein wenig frischen Wind für eine Offense, die ein paar positive Vibes gebrauchen konnte.
Natürlich spielt Strand nicht um einen Startplatz. Zumindest noch nicht. Eher steht die Frage im Raum, ob er sich als dritter Quarterback zunächst einen Platz verdient und Cooper Rush verdrängt hat - und ob er vielleicht in einen Quarterback entwickelt werden kann, der legitime Starter-Chancen hat. Die Falcons haben vorerst beide im Kader behalten.
In Atlanta hat man Penix noch nicht aufgegeben und Tagovailoa war der gezielt verpflichtete Bridge-Quarterback des neuen Regimes. Aber es wäre nicht überraschend, wenn jenes neue Regime in der kommenden Offseason seinen Quarterback-Room komplett austauschen würde.
Vielleicht gibt es bis dahin noch die Chance, in kompetitiven Umständen zu schauen, was man in seinem Undrafted Rookie hat.
Adrian Franke