23.01.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Wenn in der Nacht von Sonntag auf Montag (0.30 Uhr MEZ) die Seattle Seahawks die Los Angeles Rams zum NFC Championship Game empfangen, bekommen wir eine Rarität in der NFL. Es ist das dritte Duell innerhalb einer Saison zwischen zwei Teams, bei dem das Super-Bowl-Ticket auf dem Spiel steht. Doch für wen sind die Vorzeichen dieses Mal besser?

Es ist nicht nur die Tatsache, dass die Rams und die Seahawks sich bereits zwei enge Spiele in dieser Saison geliefert haben. Es ist auch nicht nur der Punkt, dass beide je ein Spiel gewinnen konnten und dass beide Spiele dramatisch bis zum Ende waren.
All das liefert Brennholz für das Feuer dieses dritten Duells im NFC Championship Game. Der Anzünder, der Funken, der das Ganze so richtig entfacht, sind aber die individuellen Narrative.
Wenn sich zwei Teams innerhalb einer Saison drei Mal gegenüberstehen, entwickeln sich unweigerlich bestimmte Storylines. Das gilt erst recht, wenn alle drei Spiele in der zweiten Saisonhälfte und dann der Postseason stattfinden. Matchups können sich über mehrere Spiele entfalten und entwickeln eine Eigendynamik, die sich auch im Laufe der Spiele verändern kann. Was wiederum relevant, vielleicht mitentscheidend ist für das nächste Duell.
Spezifisch zwischen den Rams und den Seahawks aber steht eine Personalie über allem: Sam Darnold.
Es gab in der NFL immer wieder einzelne Spieler, die sich an bestimmten Gegnern die Zähne ausbissen. Brett Favre verlor seine ersten sieben Duelle gegen die Dallas Cowboys und scheiterte mit seinen Packers zwischen 1993 und 1995 drei Mal nacheinander an den Cowboys in den Playoffs.
Eli Manning verlor 23 seiner 33 Duelle mit den Philadelphia Eagles. Peyton Manning scheiterte früh in seiner Karriere zwei Mal nacheinander in den Playoffs an den New England Patriots. Acht seiner ersten zehn Regular-Season-Spiele gegen die Patriots verlor Manning.
Ganz so ausgeprägt ist die Darnold-Rams-Geschichte nicht. Aber schaut man auf die jüngere Vergangenheit, wird klar, wie prägend diese Duelle waren.
Seit dem Start der 2024er Saison hat Darnold als Starter insgesamt nur sieben Spiele verloren. Drei davon kamen gegen die Rams. Er hatte in dem Zeitraum acht Spiele mit mehreren Turnovern, ebenfalls drei davon gegen Los Angeles.
Das große Trauma begann so richtig mit Darnolds letztem Spiel für die Minnesota Vikings. Nach einer fabelhaften 14-Siege-Saison mussten die Vikings dennoch als Wildcard-Team auswärts ran - und gingen gegen die Rams komplett baden.

Die 9:27-Niederlage in der Wildcard-Runde des Vorjahres beendete nicht nur die Saison für Minnesota. Es war auch das Spiel, welches den Vikings die Quarterback-Entscheidung klargemacht haben dürfte.
Natürlich wissen wir nicht genau, wie diese Konversationen hinter den Kulissen abgelaufen sind. Aber man kann davon ausgehen, dass, falls es noch starke Fürsprecher für Darnold bei den Vikings gab, falls es offen zur Diskussion stand, dass man Darnold einen neuen Vertrag gibt und mit ihm verlängert, dann hatten diese Fürsprecher nach dem Playoff-Aus nicht viele Argumente.
Denn jenes Spiel fühlte sich wie der Darnold-Meltdown an, vor dem viele die ganze Saison über gewarnt hatten. Eine Interception, ein Fumble, neun Sacks. Das war Darnolds Bilanz nach jenem Spiel, und es war argumentativ nicht schwierig, an dem Punkt darauf hinzuweisen, dass das eben immer noch die Version von Darnold ist, die jederzeit herausbrechen kann. Der Quarterback, der die berüchtigten "Geister" sieht und eine Offense lahmlegt. Mal mit schlimmen Turnovern, mal mit schlechtem Pocket-Verhalten.
Die weitere Geschichte ist bekannt. Die Vikings blieben bei ihrem ursprünglichen Plan und gaben J.J. McCarthy das Zepter in die Hand - Ausgang offen. Darnold ging nach Seattle und spielte vor allem in der ersten Saisonhälfte eine spektakuläre Saison.
Bis, ja bis zum ersten Aufeinandertreffen mit den Rams. Das Duell kam in Woche 11, und hier greift das Thema der individuellen Narrative wieder. Denn Darnold hatte sich in jenem Spiel offensichtlich fest vorgenommen, nicht wieder neun Sacks zu kassieren.
Das gelang ihm. Die Rams sackten Darnold kein einziges Mal.
Dafür aber warf er vier Interceptions, die Seattle letztlich trotz eines tollen Spiels der eigenen Defense die Chance auf den Sieg nahmen. Und die gingen weitestgehend komplett auf ihn. Bei einem der vier Picks hätte Rookie Tight End Elijah Arroyo seine Route vermutlich schärfer laufen können, der Rest aber waren Panik-Interceptions.

Es waren Würfe gegen Druck, bei denen Darnold lieber einen extrem riskanten - oder sogar noch schlimmer als das - Ball warf, als den Sack zu kassieren. Da war ein Wurf dabei, bei dem er hochspringt und den Ball direkt zum Corner wirft. Eine Interception, bei der er vom Backfoot in die Coverage wirft. Und ein Pick, bei dem der Corner außen die gesamte Zeit unter der Route sitzt und Darnold spät gegen Druck den Ball Richtung Sideline wirft.
Vier seiner sechs Interceptions in dieser Saison gegen die Rams kamen gegen Druck. Ebenfalls vier kamen bei Plays ohne Blitz, also mit dem 4-Man-Rush. Wobei der bei den Rams selten einfach "nur" ein 4-Man-Rush ist. Die Rams spielen mehr Stunts als jede andere Defense, also Pass-Rush-Designs, bei denen Rusher ihre Plätze nach dem Snap tauschen, sie lassen Linemen in Coverage fallen, sie verwirren die Protection.
Das in Kombination mit Verteidigern in Coverage, die die Augen auf dem Quarterback haben, hat Darnold vor allem im ersten Duell massive Probleme bereitet. Der Druck kam so schnell durch, trotzdem hatte Los Angeles sieben Verteidiger in Coverage, es gab keinen schnellen Read für Darnold - und dann warf er den Ball zu häufig direkt zum Gegner.
"Ein hartes Spiel, natürlich", gab Darnold nach der Niederlage in Woche 11 zu. "Ich kann nicht so viele Turnover haben. Aber ich werde daraus lernen."
Und das tat er. Zumindest ein wenig. Beim Sieg in Woche 16 fand Darnold in jedem Fall eine bessere Balance: Er warf nur eine Interception gegen Druck, während er vier Sacks einsteckte. Nicht, dass Sacks positiv wären. Aber mit der starken Defense und dem guten Special Team geht es für Darnold in erster Linie darum, die katastrophalen Fehler zu vermeiden. Ein Punt nach einem Sack ist das nicht; eine Interception, die den Gegner womöglich direkt in Scoring-Reichweite bringt, schon.
Die Offense war zu Beginn des Spiels in Woche 16 sehr konservativ, aber als die Rams deutlich führten, kam Seattle zu seinen Big Plays. Auch wenn nicht die Offense, sondern ein Punt-Return von Rashid Shaheed die Initialzündung spät im Spiel war.
"Es ist eine schwierige Defense, ein wirklich gutes Scheme", sagte Darnold nach dem Sieg im zweiten Spiel. "Und sie haben eine großartige Offense, die ihre Defense ergänzt. Das ist ein guter Sieg, aber nochmal: Es war kein schönes Spiel. Ich muss die Turnover runterschrauben. Das ist inakzeptabel."
Hier kommt die Dynamik des dritten Aufeinandertreffens wieder voll zur Geltung. Wir haben ein Spiel gesehen, in dem es die Rams schafften, Darnold zu überhasteten Entscheidungen gegen Druck zu bringen. Wir haben ein Spiel gesehen, in dem Seattle lange versuchte, offensiv sehr konservativ zu spielen, Darnold vor allem bei seinem zweiten Pick nochmals einen ähnlichen Fehler wie mehrfach im ersten Duell machte, und dann spät die Big Plays kamen. Auch in den beiden Spielen seitdem gegen San Francisco war es offensichtlich, dass Seattle Darnold bestmöglich entlasten wollte. Das müssen die Rams verhindern.
Das ist aber auch der Moment, um den Spieß einmal umzudrehen. Im ersten Spiel nämlich schossen sich die Seahawks so extrem mit den Turnovern selbst ins Bein, dass der fantastische Auftritt der eigenen Defense fast ein wenig unterging. Die Rams begannen stark in jenem Spiel - und dann war die Offense komplett abgemeldet.
Ganze 115 Total Yards produzierte die Offense nach dem ersten Viertel, Seattle blitzte Stafford aggressiv, stoppte den Run und 14 der 21 Rams-Punkte kamen mit kurzem Feld nach einem Darnold-Turnover.
Für die Rams wird es essenziell sein, dass sie offensiv an ihren Auftritt im zweiten Spiel anknüpfen können. Als sie die tiefen In-Breaker offen bekamen, als sie Big Plays hatten, als sie den Ball viel besser bewegten. Davante Adams spielte im zweiten Duell nicht, und die Red-Zone-Probleme waren ein mitentscheidender Faktor: Sechs (!) Mal waren die Rams in der Red Zone, kamen aber nur auf drei Touchdowns.
Das zumindest sollte besser sein, Adams ist seit dem Start der Playoffs wieder mit an Bord. Ein weiteres Narrativ, das sich im dritten Duell anders gestalten könnte.
Die größere Frage lautet eher: Rufen Sean McVay und Matthew Stafford ihr bestes Spiel ab, das es zweifellos brauchen wird, um diese herausragende Seahawks-Defense zu schlagen?
Diese Frage ist so prominent zu stellen, weil das in den letzten Wochen nicht der Fall war.
Stafford hat seit Woche 17 vier Interceptions geworfen und hatte drei seiner sechs schlechtesten Saisonspiele in puncto Turnover Worthy Play Rate. Gegen die Bears hatte er Glück, dass seine beiden Fumbles beim eigenen Team landeten.
Stafford spielt mit einer Verletzung an der Hand, und auch wenn die Aussagen unisono sind, dass ihn das nicht beeinträchtigt, war es zumindest mal auffällig, dass er in den Playoff-Spielen gegen die Panthers und Bears ungewöhnlich viele Pässe verfehlte, die er sonst trifft. Passiert das auch gegen Seattle, fehlen wahrscheinlich die entscheidenden Prozentpunkte.
Die brauchen die Rams auch von McVay, dessen Game Plans in dieser Postseason bisher zumindest mal kurios waren. Gegen die Panthers als haushoher Favorit waren die Rams in ihrem ganzen offensiven Ansatz unnötig aggressiv, statt auf Spielkontrolle bedacht zu sein. Gegen die Bears ignorierten die Rams das Run Game, das in diesem Matchup ein klarer Trumpf hätte sein müssen. Nur um dann spät im Spiel brutal konservativ zu werden, was den Bears die Chance auf den späten Ausgleich gab.
McVay ist ein fantastischer Offense-Architekt. Das zweite Spiel gegen Seattle unterstrich das eindrucksvoll, als die Rams den Ball extrem gut bewegen konnten und Big Plays auch gegen Seattles leichte Coverage mit zwei tiefen Safeties auflegten. Sein Plan für das dritte Matchup gegen Mike Macdonald wird spannend sein.
Und auch McVay weiß, dass es im dritten Aufeinandertreffen ein hohes Maß an Präzision brauchen wird: "Es gibt dem Spiel eine zusätzliche Ebene. Wir müssen verstehen, auf was für einem hohen Level wir die Dinge umsetzen müssen. Es gibt derzeit kein Team, das kompletter oder heißer ist als die Seahawks."

McVay sprach nach dem Bears-Spiel über das Thema Rhythmus in einem Spiel, den die Rams ebenfalls brauchen werden, um den Druck auf Darnold und die Seahawks-Offense hoch zu halten: "Der erste Drive war super, bei den Possessions danach hatten wir selbstverschuldete Fehler, die uns in schlechte Situationen gebracht haben. Ich schaue da zuerst auf mich selbst und frage mich, wie wir die Dinge klarer kommunizieren können, damit diese Fehler nicht passieren. Chicago hat das gut gemacht, aber es waren Fehler, bei denen wir erwarten, dass wir das besser umsetzen."
Kein Team hat in dieser Saison pro Spiel weniger Strafen kassiert als Los Angeles (4,5). Bei der Niederlage gegen Seattle in Woche 16 allerdings waren es acht. Strafen waren nicht das Problem gegen die Bears, eher mentale Fehler. Beides werden Dinge sein, die man in Seattle ebenfalls beobachten muss. Denn es wird ohne Frage laut am Sonntagabend.
"Ich genieße diese Rivalität", führte McVay weiter aus. "Es wird eine großartige Atmosphäre sein."
"Das sind die Momente, in denen man sich als Wettkämpfer am lebendigsten fühlt."
Adrian Franke