13.01.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Nach der ersten Playoff-Runde sind viele brisante Themen auf dem Tisch. Die Saison der Eagles endet passend zu dem, was Philadelphia in der Regular Season gezeigt hat. Muss Nick Sirianni jetzt gehen? Was ist mit Mike Tomlin in Pittsburgh, nach dem nächsten deutlichen Aus? Welche Schlüsse sollten die Chargers und die Jaguars aus dieser Saison ziehen? Und wie stark angezählt sollte Matt LaFleur in Green Bay sein?

Playoff-Narrative in der NFL sind eine schwierige Angelegenheit. Ein tiefer Run - vielleicht sogar ein Titelgewinn - kann die Reputation eines Quarterbacks, eines Coaches und manchmal eines ganzen Franchise über Jahre noch positiv beeinträchtigen. Teams, die hier aber enttäuschen, vielleicht auch scheinbar nicht ihr Potenzial abrufen, oder, ganz simpel, sich in entscheidenden Momenten nicht gut verkaufen, können dementsprechend umgekehrt ein Stigma bekommen.
Das kommt nicht innerhalb eines Jahres. Aber passiert das mehrfach, lastet das "Playoff-Versager"-Stigma hartnäckig an einem. Und das brodelt und brodelt über die Jahre, bis es entweder mit einem tiefen Run Lügen gestraft wird, oder aber nach einer besonders enttäuschenden Saison überkocht und zu drastischen Veränderungen führt. Letzteres haben wir bei den Ravens dieses Jahr gesehen.
Die Nummer-1-Frage rund um die Packers nach dieser erneuten bitteren Niederlage gegen die Bears und einem weiteren schnellen Ausscheiden in den Playoffs lautet: Wo auf dieser Skala, auf dieser Timeline des Brodelns, steht Green Bay mit Matt LaFleur?
In drei der letzten vier Playoff-Runs waren die Packers jetzt One-and-Done: Da gab es das 10:13 gegen die 49ers im letzten Playoff-Spiel mit Aaron Rodgers, das 10:22 gegen die Eagles im Vorjahr und jetzt dieses 27:31 in Chicago. 2023 war LaFleurs bester Postseason-Run, als man erst die Cowboys in Dallas dominierte und dann bei den 49ers als Außenseiter denkbar knapp scheiterte.
Hier kommt das Problem mit der großen Macht der Playoff-Narrative: Es sind einzelne, wenige Spiele. Matt LaFleur hat jetzt 126 Spiele als Head Coach der Packers auf dem Konto. In vier der sieben Saisons haben die Packers elf oder mehr Spiele gewonnen, in sechs von sieben die Playoffs erreicht. Er hat, nach allem, was man von außen sagen kann, die ganze Situation um Aaron Rodgers exzellent gemanagt, Jordan Love sehr gut herangeführt und bringt Jahr für Jahr eine Top-8-Offense aufs Feld.
Und auf der anderen Seite ist es fair, zu sagen, dass Green Bay unter LaFleur bisher nicht gezeigt hat, dass man den nächsten Schritt von einem guten bis sehr guten Team hin zu einem Top-Titelkandidaten machen kann. Konkret in diesem Jahr kann man darauf hinweisen, dass er längst seinen Special Teams Coordinator - und seinen Kicker - hätte austauschen müssen. Dann wäre es zu dem Desaster in Chicago womöglich auch nicht gekommen.

Das unmittelbare Gegenargument dazu wiederum lautet: Verletzungen! Und das ist ein langweiliges Thema, nicht nur weil jedes Team seine Ausfälle hat, sondern weil es auch am Ende nur bedingt quantifizierbar ist. Aber wir sprechen eben von zwei, drei Auftritten in der Postseason über mehrere Jahre, und bei einer so kleinen Sample Size muss man diese Faktoren berücksichtigen.
Beim Playoff-Aus gegen die Eagles im Vorjahr etwa fehlte eine ganze Reihe an Startern, und im Laufe des Spiels fielen noch mehrere weitere Spieler aus. Diese Niederlage bietet dadurch kaum sinnvolle Schlüsse.
Gegen die Bears am Samstagabend waren es quantitativ nicht so viele, dafür aber qualitativ einige der bittersten Ausfälle. Mit Micah Parsons und Tucker Kraft fehlten zwei der fünf wichtigsten individuellen Difference Maker. Mit Zach Tom und Elgton Jenkins die beiden besten Offensive Linemen, mit Devonte Wyatt der nach Parsons beste Defensive Lineman.
Das soll nicht als Ausrede verstanden werden. Mehr als relevanter Kontext. Wenn wir Coaches danach bewerten, wie "clutch" sie in einer Handvoll Spiele sind, oder wie sehr sie ihr Team in entscheidenden Momenten auf den Punkt bereit haben, muss man sehr genau herausarbeiten, was in der Macht des Coaches steht, und was nicht.
Das ist generell eine interessante Diskussion. Gibt es überhaupt Coaches, die besonders gut darin sind? Oder ist das nicht mehr eine von Spielern getriebene Qualität?
Wurde Andy Reid in Kansas City der Meister der großen Spiele, nachdem er in Philadelphia genau den gegenteiligen Ruf hatte, oder ist das eher Patrick Mahomes? Die Lions unter Dan Campbell wirkten nicht unbedingt auf den Punkt bereit, als sie letztes Jahr in den Playoffs zu Hause One-and-Done gegen die Commanders waren. Die Chargers unter Jim Harbaugh gingen letztes Jahr gegen Houston und dieses Jahr gegen die Patriots baden.
Kyle Shanahan begleitet seit Falcons-Tagen das Stigma des Coaches, der den letzten großen Wurf nicht hinbekommt - ist das nicht auch eine andere Form genau dieser Kritik? Und Sean McVays Rams waren nur ein paar Stunden vor dem Aus der Packers in Chicago am Samstag kurz davor, sich als erster 10-Punkte-Wildcard-Auswärts-Favorit seit den Saints im Spiel gegen die Beast-Quake-Seahawks vor 15 Jahren aus den Playoffs zu verabschieden. Das ist also eine gar nicht so einfache Thematik.
Fair ist, zu kritisieren, dass LaFleur sein Team nicht in die bestmögliche Position gebracht hat. Ich denke da an die Special-Teams-Entscheidungen an der Seitenlinie und auf Kicker, aber auch an die zweite Halbzeit dieses Spiels, in dem ich mehr Antworten von der Packers-Offense erwartet hätte. Auch ist es ein Thema, dass LaFleur dazu neigt, in der zweiten Hälfte zu konservativ zu werden. Das war gegen die Bears auch Teil des Problems.
Und: Green Bay konnte auch in der vergangenen Saison die Top-Teams bereits in der Regular Season nicht schlagen. Das hat sich dieses Jahr fortgesetzt. Gegen die Eagles und Broncos, die beiden stärksten Gegner in der Regular Season, setzte es Niederlagen.
Es ist eine komplexe Situation, die zusätzlich durch die Timeline erschwert wird: LaFleurs Vertrag läuft nach der kommenden Saison aus. Sofern die Packers nicht eine potenzielle Lame-Duck-Saison riskieren wollen, müssten sie jetzt mit ihm verlängern - oder sich von ihm trennen. Entsprechende Gerüchte gab es bereits während der Regular Season. Seit dem Aus scheint der Wind eher Richtung Vertragsverlängerung zu wehen.
Es ist aber eine hitzige Diskussion, auch deshalb, weil es Argumente für beide Seiten gibt. Ich persönlich halte den Floor, den LaFleur den Packers allen voran mit "seiner" Seite des Balls gibt, für immens hoch. Das ist anders als etwa Tomlin in Pittsburgh oder Sirianni in Philadelphia.
Ich halte sehr viel von seiner Arbeit mit Quarterbacks und würde ihm die Chance geben, die richtigen Schlüsse aus dieser Saison zu ziehen, um 2026 den nächsten Schritt machen zu können. Weil ich dieses Packers-Team unter LaFleur ein Mal in einem fitteren Gesamtzustand in den Playoffs sehen will.
Das würde dann folgerichtig einen neuen Vertrag beinhalten. Und in dem Fall muss man offen für das Szenario sein, dass der schlecht altert. Vielleicht ist Green Bay dann in einem Jahr doch auf Head-Coach-Suche. Oder in zwei Jahren.
Aber ganz simpel gefragt: Was, wenn es schiefgeht? Was wäre dann? Dann hätte man ein Jahr, vielleicht zwei Jahre verloren, aber eben für die Chance, dass ein guter Coach zeigt, dass er sehr gut sein kann. Das wäre mir diesen Preis, dieses Risiko, allemal wert. Denn auch aus dem Blickwinkel muss man es betrachten: Wie viele Head Coaches hätten angesichts der Ausfälle bei den Packers über die letzten beiden Jahre überhaupt jeweils die Playoffs erreicht? Ich denke, das wären nicht viele.
Die Problematik für die Packers ist, dass es nach einer enttäuschenden Saison vermutlich eine Entscheidung zwischen zwei Extremen braucht: LaFleur entlassen - oder mit ihm verlängern. Meine Wahl wäre Letzteres. Ich würde LaFleur die Chance geben, das Playoff-Stigma abzuwerfen.
Jeder, der Ersteres wählt, muss zumindest eine kompetitive Alternative vorlegen können.
Die Memes waren nach der Entlassung von John Harbaugh in Baltimore überall. Im Kern zusammengefasst: Wenn Ravens-Kicker Tyler Loop das Field Goal mit auslaufender Uhr getroffen, und Baltimore damit zum Division-Titel geschossen hätte, wäre es Mike Tomlin gewesen, der nach Woche 18 entlassen worden wäre. So war es eben Harbaugh.
Natürlich ist es ganz so einfach nicht. Wir sprechen hier immerhin über die - bis zu Harbaughs Entlassung - beiden dienstältesten Coaches in der NFL. Harbaugh musste die Ravens nach 18 Jahren verlassen, Tomlin ist in Jahr 19 als Head Coach der Steelers. Gleichzeitig sind beide angezählt, und das nicht erst seit dieser Saison.
Bei Harbaugh sind es die frustrierenden Playoff-Niederlagen, die sich einfach häuften. Die Niederlage gegen die Titans 2019 als Nummer-1-Seed. Das 3:17-Aus gegen die Bills ein Jahr später. Die Niederlage im Championship Game gegen die Chiefs vor zwei Jahren, als man definitiv die individuelle Qualität hatte, Kansas City zu schlagen.
Zu häufig waren die Ravens trotz eines vermeintlich titelreifen Kaders in entscheidenden Momenten nicht da und konnten ihr Potenzial in den größten Spielen nicht abrufen. Das staute sich über die Jahre mehr und mehr an. Diese Saison mit all den Verletzungen, nur um dann mal wieder eine Führung im vierten Viertel in einem entscheidenden Spiel aus der Hand zu geben, war nur der finale Katalysator.
Lange Rede, kurzer Sinn: Bei Harbaugh ist es durchaus denkbar, dass die Ravens sich von ihm getrennt hätten, selbst wenn der Kick reingegangen wäre. Dann wäre es womöglich nach dem Playoff-Aus nur leicht verzögert zur Trennung gekommen. Hier gab es auch Berichte, dass es im Locker Room prominente Stimmen gab, die sich für einen Head-Coach-Wechsel ausgesprochen haben.
Rund um die Steelers waren die Berichte schon vor dem Woche-18-Finale deutlich gemäßigter. Der Tenor hier lautete eher, dass eine Trennung, wenn, dann nicht von Teamseite erfolgen wird. Sondern dass das nur über Tomlins eigene Entscheidung passieren würde.
Mit dem Einzug in die Playoffs war das von vornherein noch unwahrscheinlicher als ohnehin schon. Während bei Harbaugh eine Trennung selbst bei Erreichen der Playoffs nach Saisonende durchaus wahrscheinlich wirkte, schien Tomlin eine realistische Chance auf einen Verbleib auch bei einer Niederlage in Woche 18 zu haben.
Gleichzeitig ist der Fokus der Kritik hier ebenfalls unverändert. Mit der Niederlage gegen die Texans sind die Steelers zum sechsten Mal in Folge, wenn sie es in die Playoffs schaffen, One-and-Done. Der letzte Sieg datiert aus der 2016er Postseason.
Oberes Mittelmaß, regelmäßiger Playoff-Einzug, wo man dann aber mehr oder weniger chancenlos ist. Das ist auf den Punkt gebracht die Geschichte der Steelers seit jetzt fast zehn Jahren.
Die Hoffnung dieses Jahr war, dass Aaron Rodgers vielleicht derjenige sein könnte, der den Unterschied macht. Der Pittsburgh in den Playoffs eine Chance gibt. Und man kann sogar definitiv dafür argumentieren, dass Rodgers Pittsburgh die beste Steelers-Quarterback-Saison seit fünf Jahren gegeben hat. Es gab mehrere Spiele, nicht zuletzt das Endspiel gegen die Ravens in Woche 18, in denen Rodgers glänzte. Und es gab zumindest das denkbare Szenario, in dem Rodgers auch in einem Postseason-Spiel heißlaufen könnte.
Das blieb komplett aus. Pittsburghs Offense war gegen die Texans-Defense chancenlos, und das, obwohl die Steelers-Defense ihr alle Chancen gab. Drei Takeaways schnappte sich Pittsburghs Defense, das sorgte dafür, dass es ein 7:6-Spiel zum Ende des dritten Viertels war.
Eigentlich genau die Art Spiel, die man aus Steelers-Sicht erhofft hätte. Damit es dann Rodgers hoffentlich gewinnen kann. Das trat nicht ein und am Ende steht eine weitere deutliche Playoff-Niederlage.
Die Aussicht auf einen Vintage-Rodgers-Auftritt war, so gesehen, dennoch mehr Hoffnung, als man in Pittsburgh in den vergangenen Jahren haben konnte. Und gleichzeitig war es aber eben auch nur ein minimales Upgrade. Was wiederum eine perfekte Zusammenfassung der Quarterback-Strategie der Steelers in den letzten Jahren ist.
Kenny Pickett war ein Pick mit minimaler Upside. Justin Fields war ein minimales Upgrade zu Pickett. Russell Wilson an dem Punkt seiner Karriere ein minimales Upgrade zu Fields. Rodgers ein minimales Upgrade zu Wilson.
Man kann jeden dieser Moves als Verbesserung sehen. Aber eben als Verbesserung in sehr begrenzten Parametern, was wiederum immer auch den Steelers als Team ein klares Limit gab. Dadurch manifestierte Pittsburgh mehr und mehr seinen Status als "oberes Mittelfeld-Team", ohne den Willen zu zeigen, sich dort herauszubewegen.
Man kann Tomlin über die letzten Jahre einiges vorwerfen - die Coordinator-Auswahl, die aus der Zeit gefallene Defense -, aber die Quarterback-Entscheidungen stehen vor allem anderen stellvertretend dafür, dass Pittsburgh sich komplett in diesem Niemandsland festgefahren hat.
Sollte es jetzt doch noch zur Trennung von Tomlin kommen, wäre das für mich die zentrale Rechtfertigung dafür. Und ähnlich wie bei Harbaugh ist auch hier meine Tendenz: Ein Tapetenwechsel wäre für alle Beteiligten der richtige Schritt.
"Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert."
Albert Einstein wird dieses Zitat zugeschrieben. Es gibt auch die alternative Version, die lautet: "Die Definition von Wahnsinn ist es, immer das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten." Es ist umstritten, ob dieses Zitat tatsächlich von Einstein stammt, aber es lässt sich unabhängig davon auf viele Situationen anwenden. Wenn auch mit Nuancen; die Kunst dabei ist es, herauszufinden, an welchem Punkt man eingreifen muss, weil sich Dinge anderweitig nicht ändern werden.
Geduld kann eine Tugend sein. Sie kann einen aber auch immer weiter in den Wahnsinn hineinführen.
Die Philadelphia Eagles sind an diesem Punkt angekommen. Denn man könnte die ganze Analyse rund um das Playoff-Aus der Eagles gegen eine 49ers-Underdog-Rumpftruppe auf diesen Punkt herunterbrechen:
Jede Saison, in der Nick Sirianni bei der Auswahl seines Offensive Coordinators danebenhaut, ist ein verlorenes Jahr. Was absurd ist, angesichts des Talent-Levels im Team insgesamt und auch auf der offensiven Seite des Balls, und angesichts der Tatsache, dass er selbst ein Offense Coach ist.
Sirianni hatte mit Shane Steichen einen Volltreffer, die Eagles kamen in den Super Bowl. Brian Johnson war ein Flop und Philadelphia erlebte einen kompletten Kollaps in der zweiten Saisonhälfte der 2023er Saison. Kellen Moore klappte super, die Eagles gewannen mit Moore letztes Jahr den Super Bowl.
Dessen Nachfolger Kevin Patullo war ein offensichtlicher Fehlgriff. Und das wissen wir nicht erst seit gestern. Hier kommt der Wahnsinn ins Spiel! Wir sprechen seit Wochen, wenn nicht Monaten über die gleichen Themen mit dieser Offense: Sie bekommen ihr Run Game nicht vernünftig in die Spur. Es fehlt ein Plan, um Passing Game und Run Game zu kombinieren. Viel zu wenige Routes, die Yards nach dem Catch ermöglichen, stattdessen arbeitet alles zurück zum Quarterback. Alles ist statisch. Und der Under-Center-Part des Playbooks wird, obwohl er immer wieder für positive Momente gesorgt hat, nur mit der Kneifzange angefasst.

Immer wieder hat diese Offense im Laufe der Saison in der zweiten Halbzeit völlig den Kopf in den Sand gesteckt. Beim Sieg gegen die Bills produzierte die Eagles-Offense 16 Yards in der zweiten Hälfte. Die Eagles waren das erste Team seit über 40 Jahren, das mehrere Spiele innerhalb einer Saison ohne eigene Completion in der zweiten Hälfte gewonnen hat. Die Eagles haben drei Spiele in dieser Saison gewonnen, in denen sie weniger als fünf Passing Yards in einer Hälfte hatten.
Die Probleme waren immer da, und Sirianni machte genau - nichts. Er beließ alles beim Alten und hoffte, dass Besserung eintritt.
Und das eben nicht zum ersten Mal. Und damit sind es jetzt die Eagles, die sich fragen müssen, wie lange sie noch alles beim Alten belassen wollen, um zu hoffen, dass Besserung eintritt.
Vielleicht ist der nächste Offensive Coordinator ja wieder ein Treffer! Der wäre dann aber vermutlich auch zeitnah irgendwo Head Coach. Wie eben Shane Steichen und Kellen Moore. Wie lange will man dieses jährliche Wechselspiel mitmachen?
Sirianni wird in diesem Szenario immer wieder mal einen Treffer und immer wieder mal einen Fehlgriff landen. Wie lange will man in Kauf nehmen, dass mit dieser mutmaßlich weiterhin häufig wechselnden Besetzung schon im Frühjahr mehr oder weniger entschieden wird, ob man eine Chance auf einen tiefen Playoff-Run hat, oder nicht - unabhängig davon, wie hoch das Talentlevel im Team ist?
Mit Sirianni weiterzumachen und in diesem immer gleichen Fahrwasser zu bleiben, ließe sich eigentlich nur dann rechtfertigen, wenn man meint, dass Sirianni dem Team so viel als Leader, als Anführer, als CEO-Head-Coach gibt, dass man bereit ist, diese Höhen und Tiefen in Kauf zu nehmen.
Und hier muss man ehrlich zugeben, dass wir das von außen nicht bewerten können. Sirianni stand zwei Mal im Super Bowl und hat einen gewonnen und auch wenn man ihm daran nicht den Hauptanteil zusprechen will: Irgendetwas wird er in diesen Jahren auch richtig gemacht haben.
Aber zumindest das, was durchsickert - allen voran der offensichtliche Konflikt mit A.J. Brown, aber auch zunehmend öffentlich geäußerte Kritik an der Offense von Hurts und Co. - zeichnet nicht gerade das Bild eines Head Coaches, der den Laden zusammen und den Locker Room intakt hält.
Was eine ganz simple Frage stehen lässt: Wenn der Best Case darin besteht, dass Sirianni gänzlich davon abhängig ist, dass er gute bis sehr gute Coordinators verpflichtet - kann er dann in den Soft Skill Faktoren drum herum überhaupt so gut sein, dass das dieses eklatante Defizit aufwiegt?
Und die direkte Anschlussfrage: Ist er überhaupt gut in diesen Punkten?
Bei den Chargers hinterlässt diese Saison einen bitteren "Was wäre gewesen, wenn … ?"-Beigeschmack. Denn was wäre möglich gewesen, wenn man sein Star-Tackle-Duo gehabt hätte?
Vermutlich schon ein besserer Record und damit ein besserer Seed in der Regular Season. Und dann vielleicht auch ein tiefer Run in diesem unerwartet offenen AFC-Postseason-Teilnehmerfeld.
Kein Team kann sich für jede Verletzung wappnen, das ist völlig klar. Und gerade zwei exzellente Tackles zu verlieren, ist etwas, das kein Team mit Tiefe oder Backups kompensieren kann.
Aber man kann es trotzdem als ein Warnsignal in anderer Hinsicht betrachten. Denn die Chargers entschieden sich in der Offseason für einen gezielt passiven Ansatz. Nachdem man in der vergangenen Saison im ersten Jahr unter Harbaugh vielleicht etwas über den eigenen Verhältnissen gespielt und Siege eingefahren hat, ließen sich die Verantwortlichen in Los Angeles davon nicht blenden und wählten einen weitsichtigeren Ansatz.
Das ist erst einmal nicht negativ. Im Gegenteil, meist übernehmen sich Teams zu früh nach einer überraschend guten Saison. Washington wäre das Paradebeispiel dafür aus der vergangenen Offseason.
Und gleichzeitig gibt es einen konkreten Kritikansatz dazu: Wie viele bewusste "Übergangsjahre" will man sich leisten, wenn man einen Quarterback wie Justin Herbert in dessen Prime hat? Diese Frage steht jetzt umso mehr im Raum, eben wegen dem, was vielleicht möglich gewesen wäre. Aber es ist eine faire allgemeine Frage.
Konkret mit Blick auf die Chargers: Hätte man mehr für die Interior Offensive Line machen können? Für die Defensive Line? Auf Playmaker? Auch in Kombination damit, dass die Chargers einen Running Back in der ersten Runde drafteten, ergab die ansonsten abwartende Roster-Building-Strategie nur wenig Sinn.
Die Niederlage gegen die Patriots war symptomatisch für all diese Fragezeichen. Die toll gecoachte Defense hielt das Spiel eng, kreierte Big Plays und sorgte dafür, dass der Rückstand sehr lange in Reichweite blieb.
Das Problem? Diese Offensive Line war schlicht nicht Playoff-kompetitiv. Und das betrifft die Backup-Tackles, aber es war konkret in diesem Spiel gegen die Patriots auch mal wieder die Interior Offensive Line. Und das ist die Gruppe, die dieses Regime so haben will. Inklusive Mekhi Becton, dem teuren Free-Agency-Neuzugang, der eine desolate Saison gespielt hat.

Dazu kamen Drops der Playmaker und ein Justin Herbert, der, nachdem er bereits in der Regular Season die zweitmeisten Quarterback-Hits für eine Saison seit 2000 eingesteckt hatte, daran mit elf weiteren nahtlos anknüpfte. Es fehlen hier in allen Bereichen die Difference Maker, und das war schon die ganze Saison über so. Auch wenn Herbert es oftmals kaschieren konnte.
Das, und das sollte in diesem Spiel nicht untergehen, war hier nicht der Fall. Nicht nur wegen der Umstände, sondern auch, weil Herbert selbst sein schlechtestes Saisonspiel hatte. Er verfehlte einige Würfe, er attackierte mögliche vertikale Passfenster mehrfach nicht. Er wirkte zögerlicher als gewohnt unter dem Dauerdruck.
Es war ein untypisches Spiel für ihn, aber auch im zweiten Jahr in Folge hatte er sein schlechtestes Saisonspiel in der Wildcard-Runde, nachdem er das Team überhaupt erst dorthin gebracht hatte. Das Playoff-Stigma wird ihn also auch in die kommende Saison begleiten, so unbestreitbar schlecht die Umstände am Sonntagabend auch waren.
Jetzt gehen die Chargers mit über 100 Millionen Dollar Cap Space in die Offseason. Aber auch mit einem klaren Auftrag: Nach dem überraschenden ersten Jahr unter Harbaugh und dem Übergangsjahr in der zweiten Saison sollte in Jahr 3 eine aggressive Offseason anstehen.
Der Floor mit Herbert und Jim Harbaugh ist hoch. Herbert individuell hat in der Regular Season auf MVP-Level gespielt, auch wenn die Boxscore-Stats das nur selten widerspiegelten. Rashawn Slater und Joe Alt werden zurückkommen und dann kann die Offense endlich den nächsten Schritt machen.
Allerdings droht jetzt auch der Verlust von Defensive Coordinator Jesse Minter, was unterstreicht, wie gefährlich klein mögliche Titelfenster in der NFL sein können - und was noch mehr unterstreicht, dass es so etwas wie eine ideale Situation in der NFL eigentlich nicht gibt.
Vielleicht ist es umso mehr eine Motivation, in dieser Offseason kein weiteres Prime-Herbert-Jahr zu vorsichtig anzugehen.
Wenn irgendwer den Jaguars vor der Saison gesagt hätte, dass sie im ersten Spiel unter Liam Coen 13 Spiele und die Division gewinnen, als Nummer-3-Seed in die Playoffs gehen und Trevor Lawrence die Regular Season mit 38 Touchdowns beendet, hätte Jacksonville das ohne Frage unterschrieben.
Sie hätten es auch nach Woche 7 unterschrieben. Nach jener deutlichen 7:35-Niederlage gegen die Rams in London. Das war das Spiel, das die ergebnistechnisch gute erste Saisonhälfte der Jaguars in Frage stellte. Viele Turnover der eigenen Defense, ein Sieg gegen ein angeschlagenes Niners-Team, ganz wenig Production vom Passing Game. Dass es in den Wochen nach dem Rams-Spiel nur in Overtime jeweils gegen die Raiders und Cardinals reichte, und Jacksonville gegen Davis Mills verlor, unterstrich den Punkt.
Nun endete die Regular Season aber auf eine ganz andere Art und Weise. Nicht nur, weil die Jaguars acht Spiele in Serie gewannen, sondern weil das Team gerade im Passing Game signifikante Fortschritte an den Tag legte. Und zum Start der Playoffs konnte man dafür argumentieren, dass in einem sehr offenen AFC Playoff Feld die Jaguars vielleicht das kompletteste Team haben.
Erwartungshaltungen ändern sich im Laufe einer NFL-Saison mitunter auch mal drastisch. Und dann fühlt sich so ein Aus in der ersten Playoff-Runde an wie eine massive Enttäuschung. Das ist nachvollziehbar, und das sollte auch so sein!
Wenn man im Laufe der Jahre eine Sache aus den Playoffs lernt, dann ist das, dass es keinerlei Garantien gibt. Ein Team, das gerade am Anfang eines Fensters zu stehen scheint, ist manchmal auch nur ein paar Monate davon entfernt, die Playoffs zu verpassen. Auf einen tiefen Run folgen nicht selten auch mehrere Jahre mit einer Statistenrolle in der Postseason.
Oder anders gesagt: Man weiß in den allermeisten Fällen nicht, wie robust ein Fenster wirklich ist - und wie weit es überhaupt aufgeht. Wenn man also in der zweiten Saisonhälfte heiß läuft, und in den Playoffs kein glasklarer Contender an der Spitze der Conference steht, sollte es umso mehr frustrierend sein, wenn es ein frühzeitiges Aus setzt.
Und das gilt erst recht, wenn es so vermeidbar gewesen wäre, wie diese Niederlage gegen die Bills. Ein Spiel, in dem die Jaguars-Defense das Run Game der Bills weitestgehend komplett im Griff hatte.
Lawrence verpasste insbesondere in der ersten Hälfte deutlich zu viele Bälle. Big Plays kamen fast nur vom Run Game. Dann verschoss der sonst auch aus der großen Distanz so treffsichere Cam Little direkt vor der Halbzeitpause aus 54 Yards. Lawrence hatte mehrfach Interception-Glück und warf einen bitteren Pick, bei dem er den Linebacker nie sah.
Es dauerte bis etwa Mitte des dritten Viertels, ehe Lawrence aufwachte. Dann schaltete er auch mehrere Gänge hoch, aber an dem Punkt war er in einem direkten Shootout mit Josh Allen.
Dass es dann so endete, war bitter. Bei der Chance, mit einer Minute auf der Uhr den Game Winning Drive hinzulegen und ein ganz anderes Narrativ zu schreiben, warf er in ein enges Fenster zu Meyers. Der Wurf war nicht schlecht, aber White machte ein Play am Catch Point und der Abpraller wurde von Cole Bishop abgefangen. Game Over.
Garantien gibt es keine in der NFL. Nicht für die Playoffs und auch nicht dafür, wie lange ein Team überhaupt Playoff-relevant sein wird. Umso wichtiger ist die Frage, wie robust die Entwicklung dieser Saison ist. War es ein Run in die Playoffs mit einem Kader voller Baustellen, in dem einzelne Superstars und eine Reihe knapper Siege das Team getragen haben? Wie bei den Commanders letztes Jahr?
Die Jaguars haben noch einige klar definierbare Baustellen - Offensive Line, Secondary, Defensive Tackle - und einige Fragezeichen: Wie geht es mit Travis Hunter weiter? Findet Brian Thomas wieder die Form seiner Rookie-Saison?
Trotzdem fühlt sich dieses Jaguars-Team an wie eines, das robuster sein kann. Das mehr Substanz hat, weil es vielleicht die beiden Stabilisatoren hat, die Teams in den allermeisten Fällen brauchen, um über mehrere Jahre nachhaltig erfolgreich zu sein: Einen Head Coach der sich mehr und mehr als einer der besten offensiven Play-Caller etabliert. Und einen Quarterback, mit dem man gewinnen kann.
Auf dem Papier war im Vorfeld dieser Wildcard-Runde nur ein Spiel so richtig deutlich: Die Rams gingen bei den Buchmachern als 10-Punkte-Favorit in das Duell gegen die Carolina Panthers. Und das obwohl die Panthers die Rams in Woche 13 erst geschlagen hatten.
Doch war jener Panthers-Sieg damals ein Spiegelbild dieser Saison in Carolina. Ein völlig unerwarteter Erfolg in einem merkwürdigen Spiel, aus dem man nur schwerlich echte Schlüsse ziehen kann. Stafford hatte damals drei Turnover und Carolina konnte den Ball gegen die Rams-Front überraschend gut laufen.
Aber es gab keinen Zeitpunkt in dieser Saison, an dem man auf eine der Panthers-Qualitäten - Run Game, Run-Defense allen voran - verlässlich bauen konnte. Das Team, das zwischen Woche 7 und Woche 17 nie zwei Spiele nacheinander gewann oder verlor, war wenig überraschend von einer massiven Inkonstanz geprägt.
Insofern sollte es vermutlich auch nicht überraschen, dass die Panthers dann auch dieses Spiel erstaunlich eng gestalteten. Mehr noch: Carolina hatte die Rams am Rande einer Niederlage und es wäre keineswegs ein unverdienter Sieg für die Panthers gewesen.
Denn nachdem Carolina früh im Spiel viel dafür getan hatte, den Rams einen Sieg auf dem Silbertablett zu servieren, war es zum einen der Favorit selbst, der plötzlich wackelte: Mit mehreren kostspieligen Strafen, einem gedroppten Touchdown von Puka Nacua, mehreren verfehlten Würfen von Matt Stafford und einem Punt, der geblockt wurde.
Zum anderen aber waren es auch die Panthers, die sich ins Spiel zurück kämpften. Mit mehreren Big Plays ihrer Cornerbacks, und einem Quarterback in Bryce Young, der nach einer unglücklichen Interception früh im Spiel der bessere Quarterback auf dem Platz war.
Das darf Hoffnung geben für die Zukunft. Dass die Panthers vielleicht doch nicht so weit davon entfernt sind, ein kompetitives Playoff-Team zu sein, wie es sich eigentlich über die gesamte Regular Season angefühlt hat. Dass Young vielleicht doch der Quarterback sein kann, der die Konstanz auch als Passer aus der Pocket entwickelt, um eine langfristige Lösung auf der Position darzustellen.
Aber unabhängig von dem eindrucksvollen Auftritt gegen die Rams bleibt eine klare Prognose: Für die Panthers ist die jetzt beginnende Offseason eine Art Ruhe vor dem Sturm. Der Kader hat noch viele Baustellen - Playmaker, Linebacker, Defensive Backs, Pass-Rush -, die weiter angegangen werden müssen. Doch es ist die 2026er Saison, die in Charlotte eine Weichenstellung sein wird.

Für Young sollte es die finale große Chance sein, um zu zeigen, dass er ein langfristiger Franchise-Quarterback sein kann. Das hat er bisher nicht geschafft. Die Flashes, die er in der zweiten Saisonhälfte 2024 zeigen konnte, blieben auch in dieser Saison in erster Linie Flashes. Und das ist dann zu wenig, auch wenn der letzte Eindruck aus dem Rams-Spiel etwas anderes nahelegen könnte.
Aber es ist nicht nur Young, der in ein kritisches Jahr geht. Auch Head Coach Dave Canales hat phasenweise gute Dinge gezeigt, muss das aber bestätigen und darauf aufbauen. Genau wie bei Young muss auch bei Canales die Frage im Raum stehen, ob er die langfristige Lösung für die Panthers ist.
Ich gehe davon aus, dass es in beiden Fällen nach der kommenden Saison eine klare Antwort vonseiten der Franchise geben wird.
Adrian Franke