30.07.2026
Super Bowl Champion
Ende Juli 2026, Start ins Trainingscamp, kaum Abgänge beim amtierenden Super-Bowl-Sieger. Also alles in Butter? Beim Super Bowl Champion stellen sich dennoch viele Fragen, auf die sich Fans Antworten mit Verlauf des Trainingscamps erhoffen.

on außen betrachtet wirkt die Lage bei den Seattle Seahawks tatsächlich stabil. Der Großteil des Meisterkaders ist zusammengeblieben. Doch die Abgänge von Ken Walker, Boye Mafe, Coby Bryant und Riq Woolen haben konkrete Rollen und Einsatzzeiten freigemacht. Das eröffnet Chancen für Neuzugänge, aber auch für jüngere Spieler, die bislang nur eine untergeordnete Rolle eingenommen haben.
Mike Macdonald sprach in der Offseason ausdrücklich vom Aufbau von Kontinuität und der gestiegenen Erwartungen an die nächste Generation. Der wichtigste Blick im Camp gilt deshalb den Spielern, die diese Lücken schließen sollen. Wer kann den nächsten Schritt machen? Und an welchen Stellen könnte die vermeintliche Tiefe des Super Bowl-Rosters doch noch für Bauchschmerzen sorgen?
Nachdem die Seahawks Boye Mafe in der Free Agency zu den Cincinnati Bengals ziehen ließen und im Draft keinen klassischen Pass-Rusher auswählten, war früh klar, dass auf dieser Position noch Nachbesserungsbedarf bestand. Zwar konnte Seattle mit Derick Hall ein junges Talent langfristig binden und verfügt mit DeMarcus Lawrence und Uchenna Nwosu über zwei erfahrene Pass-Rusher, doch besonders in der Tiefe wirkte die Rotation noch nicht vollständig. Für die meisten Seahawks-Fans dürfte es deshalb keine Überraschung gewesen sein, dass kurz nach dem Draft die Verpflichtung von Dante Fowler Jr. verkündet wurde.
Fowler ist 31 Jahre alt und geht in seine zwölfte NFL-Saison. Seine Produktion schwankte zuletzt deutlich: 2024 gelangen ihm noch 10,5 Sacks, 2025 waren es lediglich drei. Insgesamt kommt der ehemalige Third-Overall-Pick auf 58,5 Karriere-Sacks - eine beachtliche Zahl, die zeigt, welches Leistungsniveau er zumindest in der Vergangenheit erreichen konnte. Zudem hat Fowler bei den Falcons und Cowboys bereits mit Aden Durde, dem heutigen Defensive Coordinator der Seahawks, zusammengearbeitet. Die Eingewöhnungszeit sollte sich deshalb in Grenzen halten.
Fowler kommt als erfahrener Ersatz für Mafe. Ob er dessen Rolle auch sportlich vollständig ausfüllen kann, ist allerdings offen. Mit Connor O’Toole, Jared Ivey und Jamie Sheriff stehen außerdem mehrere jüngere Konkurrenten im Kader, die bislang noch keine nennenswerte Rolle in der Defense eingenommen haben. Dass Fowler den Sprung in den endgültigen Kader schafft, erscheint ziemlich sicher. Im Training Camp geht es für ihn daher um eine andere Frage: Kann er in dieser tief besetzten Rotation noch einmal zu einem produktiven Pass-Rusher werden oder bleibt er vor allem eine erfahrene Absicherung? Und schafft es vielleicht einer der jungen Spieler, so viel Druck aufzubauen, dass Fowlers Rolle kleiner ausfällt als zunächst erwartet?
Eine weitere offene Frage stellt sich zu Beginn der Offseason auf der Runningback-Position: Ken Walker, gerade gekrönter Super Bowl MVP und mit hervorragenden Playoffs als Rückenwind, unterschrieb einen Vertrag bei den Kansas City Chiefs und sein Vertreter Zach Charbonnet verletzte sich zum Ende der Saison schwer. Auch hier war klar, dass die Seahawks etwas machen mussten - und sie schlugen direkt in der ersten Runde des Drafts bei Jadarian Price zu. Price war zwar nur Backup bei seinem College, doch wird ihm enormes Potenzial zugesprochen. Wer sich näher mit ihm auseinandersetzen möchte, findet ein Post-Draft-Porträt auf der Homepage der German Sea Hawkers (https://www.germanseahawkers.com/see-a-hawk-2026-jadarian-price/).
Charbonnet wurde zu Beginn des Training Camp auf die Physically Unable to Perform (PUP)-Liste gesetzt und kann aktuell noch nicht trainieren. Berichte sehen eine Rückkehr allerfrühestens in der ersten Woche der regulären Saison, es scheint allerdings so zu sein, dass die Seahawks bei ihm konservativ vorgehen und ihn nicht zu schnell verheizen wollen. Das erscheint nach einem Kreuzbandriss auch eine vernünftige Entscheidung zu sein, immerhin hätte die Heilungszeit im günstigsten Fall dann nur acht Monate gedauert. Zu Beginn des Camp wurde zudem der ebenfalls verletzte Kenny McIntosh entlassen, dessen Chancen auf eine Rückkehr in die Rotation allerdings ohnehin gering erschienen.

Die über allem schwebende Frage wird sein: Wie schnell kann Price aus seinem offensichtlichen Potenzial verlässliche NFL-Produktion machen? Und was können die weiteren jungen Spieler wie George Holani und Emmanuel Wilson in der Rotation beitragen? Wann ist Charbonnet wieder so fit, dass er die Leadback-Rolle übernehmen kann? Jadarian Price kommt als Erstrundenpick natürlich mit einem entsprechenden Erwartungsdruck, seine Vielseitigkeit als Läufer, Receiver und Returner machen ihn besonders interessant. Die klassischen Rookie-Fehler dürften dabei nicht ausbleiben. Gerade in der Pass Protection, bei der Ball Security und bei seinen Entscheidungen hinter der Line muss Price zeigen, wie schnell er sich an das NFL-Niveau anpassen kann. Bis Charbonnet zurückkehrt, bleibt Seattle allerdings kaum Zeit für eine behutsame Eingewöhnung. Price muss nicht sofort Ken Walker ersetzen, aber vermutlich früher Verantwortung übernehmen, als es für einen Rookie ideal wäre.
Nach dem Abgang von Riq Woolen zu den Philadelphia Eagles ist auch ein Umbau in der Secondary erforderlich. Die wahrscheinlichste Konstellation auf der Cornerback-Position sieht Devon Witherspoon und Josh Jobe auf den Außenpositionen sowie Nick Emmanwori als Nickelback. In Mike Macdonalds Scheme wird schon bisher häufig mit Emmanwori als Nickel gespielt, allerdings erfordern die gerade auf klaren Pass-Downs genutzten Dime-Packages auch immer wieder einen dritten Cornerback. Um diese Rolle konkurrieren einige Spieler im Training Camp: Nehemiah Pritchett, Noah Igbinoghene, Shemar Jean-Charles sowie Drittrundenpick Julian Neal.
Nach aktuellem Stand dürften Pritchett und Igbinoghene die Nase leicht vorne haben, Pritchett bringt bereits zwei Jahre Erfahrung im System von Mike Macdonald mit und durfte sich als Special Teamer beweisen. Gegen Ende der Saison sah er auch immer mal wieder Snaps als Cornerback auf dem Feld. Igbinoghene kommt mit der Erfahrung von sechs Saisons bei unterschiedlichen Teams und 69 gespielten Spielen (davon 17 als Starter) zu den Seahawks. Die beiden werden wohl in den ersten Spielen den dritten Spot unter sich ausmachen, mit leichtem Vorteil für Pritchett.

Julian Neal scheint der langfristig stärkste Kandidat zu sein, um die aktuelle Ordnung infrage zu stellen. Als Drittrundenpick bringt er Größe, Physis und einiges an Potenzial mit. Er ist erst 23 Jahre alt und wird daher aller Voraussicht nach Eingewöhnungszeit und Special-Teams-Reps bekommen, um sich darüber näher an eine Rolle in der Defense zu bringen. Mein Wunsch wäre, dass Neal den Veteranen den Platz möglichst früh streitig macht. Meine realistischere Erwartung ist jedoch, dass Pritchetts Erfahrung und Special-Teams-Wert ihm zunächst einen Vorsprung geben. Als Folge aus dem Training Camp könnte, bei entsprechend guter Leistung, auch die Position von Josh Jobe noch einmal wackeln. Hier wäre langfristig auch noch ein qualitatives Upgrade aus dem Kader der Seahawks wünschenswert.
Die Seahawks gehen als amtierender Super-Bowl-Sieger mit einem der tiefsten Kader der Liga in die neue Saison. Gerade deshalb sind die wenigen offenen Rollen so interessant. Fowler muss zeigen, dass er mehr als nur eine erfahrene Absicherung für die Pass-Rush-Rotation ist. Price soll früher als geplant Verantwortung übernehmen, während sich in der Secondary gleich mehrere Spieler für zusätzliche Einsatzzeit empfehlen müssen.
Ein weiterer Blick lohnt sich auf das Duell zwischen Ty Okada und Bud Clark um den freien Safety-Posten neben Julian Love. Okada bringt Erfahrung im System und starke Einsätze aus dem Vorjahr mit, Clark dagegen das Potenzial eines Zweitrundenpicks. Auch dieser Konkurrenzkampf dürfte zeigen, wie sehr Macdonald auf Kontinuität setzt und wann Talent wichtiger wird als Erfahrung.
Die vermeintlichen Baustellen der Seahawks sind damit eher Luxusprobleme. Doch wer den Titel verteidigen will, kann es sich nicht leisten, bei den wenigen offenen Entscheidungen danebenzuliegen. Das Training Camp wird zeigen, wer diese Lücken schließen kann und wer im vielleicht tiefsten Kader der NFL am Ende keinen Platz mehr findet.
Simon Kell