04.03.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
In der kommenden Woche startet die Free Agency, dann werden schnell die großen Verträge über die Bühne gehen - und auch dieses Jahr wird die NFL uns auch mit dem einen oder anderen Trade überraschen. Aber wer steht dabei besonders im Fokus? Wer muss den großen Move landen? Vor dem Start des Wechselfensters in der NFL schaut Adrian Franke auf die Teams, Verantwortlichen und Spieler, die jetzt am meisten unter Druck stehen.

Zwar schafften es die Chargers in den vergangenen beiden Jahren in die Playoffs, dort aber war jeweils schnell Endstation: Eine 12:32-Niederlage gegen die Texans in der Wildcard-Runde 2024 sowie ein 3:16 gegen die Patriots in der ersten Runde der Playoffs in der vergangenen Saison. Die Chargers waren ein Playoff-Team, sie waren aber sehr deutlich kein Team mit einer echten Titelchance.
Das hatte insbesondere letztes Jahr auch mit den Verletzungen der beiden herausragenden Offensive Tackles Rashawn Slater und Joe Alt zu tun. Doch auch die Interior Line, welche die Chargers sich selbst so zusammengebaut hatten, war eine konstante Schwachstelle. Die Receiver-Position mit Quentin Johnston und einem 33-jährigen Keenan Allen war eher notdürftig zusammengebastelt. Und in der Defense holte Defensive Coordinator Jesse Minter aus durchschnittlicher Spielerqualität sehr viel raus.
Minter ist jetzt weg, er hat als neuer Ravens-Head-Coach in Baltimore übernommen, was unterstreicht, wie volatil mögliche Fenster in der NFL sein können. Der Abgang eines sehr guten Coordinators, ein bis zwei kritische Verletzungen und schon gerät vieles ins Wanken. In der vergangenen Offseason wählten die Chargers einen gezielt geduldigen Ansatz, um zuerst Kader und Cap in Ordnung zu bringen. Aber allzu viele solcher Jahre will man nicht haben, während Justin Herbert in seiner Prime ist.
Minter hat man gerade verloren, im Gegenzug gelang mit Mike McDaniel als neuem Offensive Coordinator eine hochspannende Verpflichtung. Aber auch McDaniel könnte eher früher als später wieder Head-Coach-Angebote haben.
Jetzt ist die Zeit für die Chargers, um anzugreifen. Los Angeles ist in der Top-5 in puncto Cap Space und 2026 sollte das Jahr sein, in dem die reine Teilnahme in den Playoffs nicht ausreicht. Die kommende Woche mit dem Start der Free Agency wird uns zeigen, ob die Verantwortlichen bei den Chargers diese Timeline verstanden haben und wie ein potenzieller All-In-Plan dieses Regimes aussieht.
Sind die Chargers vielleicht das Team für Trey Hendrickson? Könnte ein aggressiver Trade für einen Spieler A.J. Brown oder George Pickens eingefädelt werden? Ist Tyler Linderbaum bald ein Charger? Bei vielleicht keinem anderen Team bin ich spezifisch auf die kommende Woche, wenn die großen Free-Agency-Moves über die Bühne gehen, so gespannt, wie bei den Chargers.
Seit Dienstag wissen wir, dass Arizona Murray am kommenden Mittwoch zum Start des neuen Liga-Jahres entlassen wird, sollte es bis dahin nicht doch noch einen Trade geben.

Für Murray wäre die Entlassung natürlich der bevorzugte Weg. Denn dann könnte sich Murray sein neues Team aussuchen und - angesichts des Gehalts, das er noch von den Cardinals bekommt - für das Minimum irgendwo unterschreiben, um sich eine bessere Situation zu suchen.
Sollte ein derzeit sportlich weniger attraktives Team - die Jets, die Browns oder die Dolphins etwa - Interesse haben, wäre das am ehesten das Szenario, in dem Arizona noch Trade-Gegenwert bekommen könnte. Denn diese Teams können nicht darauf setzen, dass sich Murray als Free Agent für sie entscheiden würde.
Ansonsten wird Arizona Murray entlassen und gut 50 Millionen Dollar Dead Cap in Kauf nehmen. Dann wäre der Markt ein gänzlich anderer. Dann könnte Minnesota die Fühler ausstrecken. Die Falcons. Pittsburgh vielleicht.
Das wären Teams, bei denen Murray in eine bessere sportliche Situation kommen würde, bei denen aber entsprechend auch der Druck von Anfang an da wäre. Die Vikings werden J.J. McCarthy zunächst noch die Chance geben, sich den Startplatz zu verdienen. Die Falcons haben, wenn er von seiner Verletzung zurückkommt, Michael Penix in der Hinterhand. Bei den Steelers sind die Playoffs das Mindestziel.
Doch egal, ob es eines dieser Teams wird, oder eine der Rebuild-Situationen in New York, Miami oder Cleveland: Murrays Zeit in Arizona bleibt wechselhaft in Erinnerung. Die Aufschwünge der ersten Jahre inklusive der 2021er Saison, Murrays spektakulärster Saison in der NFL, in welcher er lange ein legitimer MVP-Kandidat war. Dann der Zusammenbruch der Kingsbury-Ära, der Kreuzbandriss Ende 2022, die Rückkehr unter einem neuen Head Coach 2023 und dann eine enttäuschende 2025er Saison, in welcher er aufgrund einer Fußverletzung nur fünf Spiele machen konnte.
Murray ist ein dynamischer Playmaker, er hat aber noch nicht gezeigt, dass er ein verlässlich konstanter Franchise Quarterback sein kann. 2024 kam dem noch am nächsten, was die verkorkste 2025er Saison umso bitterer macht.
Wo er auch hingeht, es könnte seine vorerst letzte Chance sein, als klarer Starter zu einem Team zu kommen, ehe ihm eine Zukunft als Bridge-Lösung droht. Für Murray stellen die nächsten Tage eine potenziell Karriere-definierende Weichenstellung dar.
Mougey und Glenn sind als GM und Head Coach der New York Jets mit dem vielleicht interessantesten Rebuild in der NFL aktuell betraut. Die Jets sind in dieser Offseason in der Top-5 in Cap Space und haben zwei Picks in der ersten Runde des Drafts, bevor sie dann in der kommenden Offseason - Stand heute - die Liga in prognostiziertem Cap Space anführen und gleich drei Mal in Runde eins picken dürfen. New York hat sich mit den Trades der vergangenen Saison positioniert, um jetzt eine neue Ära einzuleiten. Um ein neues Fundament für das Team zu gießen.
Doch Picks und Cap Space sind schön und gut. So richtig interessant wird es erst, wenn aus diesem theoretischen Kapital ganz praktisch Entscheidungen und Spieler werden. Dafür müssen die richtigen Leute in den richtigen Positionen im Amt sein, und die richtige Vision für den Rebuild haben.
Ist das bei den Jets der Fall? Darüber lässt sich nach der vergangenen Saison zumindest streiten. Glenn hat keine gute Figur in seinem ersten Jahr als Head Coach gemacht, und Mougey muss erst zeigen, dass er eine wirkliche Vision für das Team hat, und die auch umsetzen kann.
Welche Spieler peilen sie mit all dem Cap Space in dieser Free Agency an? Und wie lösen sie die Quarterback-Frage? Justin Fields für 40 Millionen Dollar war ein teurer Fehlgriff aus dem Vorjahr, es braucht jetzt eine bessere Option, um in der kommenden Saison mehr Spiele zu gewinnen. Andernfalls wird die Luft noch enger.
Es ist eine kritische Offseason für die Führungsriege der Jets, die jetzt zeigen muss, dass sie die richtige Besetzung für den Neustart der Jets sind. Andernfalls dürfte das Kapital in der 2027er Offseason von jemand anderem ausgegeben werden.
Drei Jahre in Folge haben die Bengals jetzt die Playoffs verpasst. Sie haben dabei einige Prime-Jahre von Joe Burrow, Ja’Marr Chase und Tee Higgins vergeudet, sie haben eine MVP-würdige Saison von Burrow ohne Playoff-Teilnahme vorübergehen sehen. Sie haben den Defensive Coordinator ausgetauscht, nach Expected Points Added pro Play belegte die Bengals-Defense in der vergangenen Saison dennoch nur Platz 29. Das war im Liga-Vergleich sogar schwächer als im Vorjahr (Platz 27).
Schon jetzt sind wir an dem Punkt, an dem sich andere Fan-Bases Hoffnungen dahingehend machen, dass man vielleicht für einen in Cincinnati unzufriedenen Joe Burrow traden könnte. Das halte ich - noch - für Träumereien. Aber es war bereits letztes Jahr offensichtlich, dass die Stimmung bei den Bengals angespannt ist.
Und das ist nachvollziehbar. Immer wieder neue Verletzungen von Burrow selbst, das regelmäßige Verpassen der Postseason, und das immer gleiche Thema einer viel zu anfälligen Defense zehrt mehr und mehr am Nervenkostüm. Sollte Cincinnati ein viertes Jahr in Folge die Playoffs nur vor dem Fernseher verfolgen könnte die Stimmung tatsächlich endgültig kippen.
Dieses Jahr haben die Bengals Cap Space. Und sie haben einen klaren Auftrag. Das ist die Offseason, in der die Defense repariert werden muss.
Zu viel verlorenes Draft-Kapital steckt in dieser Seite des Balls. Cincinnati muss seinen Cap Space nutzen, um für einige "Sicherheiten" zu bezahlen. Und alles beginnt mit der prominentesten Nicht-Quarterback-Personalie dieser Free Agency: Gibt es noch irgendwelche Gespräche mit Trey Hendrickson, nachdem jetzt klar ist, dass er nicht den Franchise Tag bekommt?
71 Dropbacks 2024, 47 in der vergangenen Saison. 89 Pässe hat Malik Willis in zwei Jahren insgesamt für die Green Bay Packers geworfen, nachdem er sich als Drittrunden-Pick bei den Titans über zwei Jahre nicht hatte durchsetzen können.

Alle Teams, die in den kommenden Tagen um die Dienste von Malik Willis buhlen, arbeiten also mit einer sehr kleinen Sample Size und müssen basierend darauf sehr viel prognostizieren. Doch wenn die Berichte stimmen, scheint die Upside, das Potenzial mit Willis die Wahrnehmung zu prägen.
Prognostiziert wird, dass Willis’ Free-Agent-Vertrag sich zwischen 20 und 30 Millionen Dollar pro Jahr bewegen wird. Also deutlich mehr als das, was Sam Darnold damals in Minnesota bekommen hat. Oder Daniel Jones bei den Colts. Oder Baker Mayfield initial bei den Buccaneers. Andere Quarterbacks, die einen Neustart woanders gesucht haben.
Das waren gestandene Quarterbacks, die mit deutlich höherem Draft-Standing als Willis in die Liga gekommen waren und die deutlich mehr NFL-Snaps bereits gespielt hatten. Aber eben auch Quarterbacks, bei denen man vermeintlich wusste, was sie sind - und was nicht. Das limitierte ihren Marktwert.
Willis profitiert hier vom Wundertüten-Faktor. Weil er so wenig in der NFL gespielt hat, aber dieses athletische Potenzial mitbringt, könnte er mehr werden - und steckt weniger in einer Schublade als Quarterbacks, die bereits so viel gespielt haben wie Darnold, Jones und Co. Dieser Faktor scheint seinen Markt maßgeblich zu prägen und hoch zu pushen.
Er ist der ultimative High-Risk-High-Reward-Spieler, auf der wichtigsten Position. Doch sollte er dann als Starter in der kommenden Saison scheitern, könnte die Schublade, in die Teams ihn anschließend stecken, umso klarer sein: Ein One-Hit-Wonder, das von guten Umständen in Green Bay und der kleinen Sample Size profitiert hat.
Willis muss jetzt das richtige Team finden. Es könnte seine einzige echte Chance als Starter sein.
Vor einem Jahr sah es so aus, als wäre Colts GM Chris Ballard am Ende seiner Amtszeit angekommen. Seit 2017 ist Ballard in Indianapolis verantwortlich, und seine Zeit bei den Colts war bis dato von zwei Dingen geprägt: Passivem, auf den Floor ausgerichtetem Roster Building - und der unbeantworteten Quarterback-Frage nach dem überraschenden Rücktritt von Andrew Luck.
Anthony Richardson sollte beide Punkte ändern, entwickelte sich jedoch nicht wie erhofft. Daniel Jones erwies sich dann als unerwarteter Volltreffer. So sehr, dass Ballard einen für ihn untypischen All-In-Move wagte und im vergangenen November zwei Erstrunden-Picks für Cornerback Sauce Gardner nach New York schickte.
Danach ging so ziemlich alles schief. Die Niederlagen kamen, dann verletzte sich Jones schwer. Und plötzlich gehen die Colts in eine komplizierte Offseason. Jones arbeitet sich von einem Achillessehnenriss zurück. Wann er wieder fit ist, ist offen. Gut möglich, dass er weite Teile der kommenden Saison braucht, um erst fit zu werden und dann wieder auf 100 Prozent zu kommen.
Kurz vor Ablauf der Franchise-Tag-Deadline belegten die Colts ihn mit dem selten genutzten Transition Tag. Damit bleibt Jones zunächst für die kommende Saison gebunden, gleichzeitig besteht jedoch weiterhin die Möglichkeit, dass ein anderes Team ihm einen langfristigen Vertrag anbietet, den Indianapolis nicht matchen möchte. Unabhängig davon benötigen die Colts eine Übergangslösung für den Saisonstart, bis Jones zurückkehren kann. All das geschieht unter der zusätzlichen Herausforderung eines stark eingeschränkten Draftkapitals.
Und dann gilt es, auch andere kritische Fragen zu klären. Schaffen es die Colts, Alec Pierce zu halten, oder verlieren sie ihren vertikalen Receiver? Right Tackle Braden Smith wird ebenfalls Free Agent, genau wie Kwity Paye, Samson Ebukam, Neville Gallimore und Nick Cross in der Defense. Und noch wissen wir nicht, wie die Töchter von Jim Irsay das Team weiter führen wollen.
Die Art und Weise, wie die Saison mit Daniel Jones lief, sollte Ballard etwas Zeit verschafft haben. Das muss er jetzt in dieser Offseason rechtfertigen.
Adrian Franke