Noch vor wenigen Jahren waren deutsche Spieler im College Football eine Seltenheit - inzwischen stehen 29 in der FBS und 28 in der FCS und gehören zu Division-1-Kadern der größten College Football Programme des Landes. Einige sind Leistungsträger, andere kämpfen um ihren Durchbruch, und manch einer hat sogar Chancen auf den NFL Draft.
Ob in der SEC, Big Ten oder Big 12 - deutsche Footballspieler sind mittlerweile in allen großen Conferences vertreten. Viele kamen über Programme wie Gridiron Imports, PPI Recruits oder die NFL Academy in die USA. In dieser Saison gehen wieder zahlreiche deutsche D1-Spieler an den Start. Für mehrere Seniors ist es zudem die letzte College-Saison, bevor der Schritt in den NFL Draft bevorsteht.
Im Vorjahr lag das Verhältnis zwischen beiden Spielklassen noch bei 30 zu 23 deutlich zugunsten der höheren FBS - inzwischen ist daraus fast Gleichstand geworden. Der Zuwachs in der FCS erklärt sich vor allem dadurch, dass diese Liga für deutsche Nachwuchsspieler oft der realistischere Einstieg ist: kleinere Kader, mehr Spielzeit, weniger Konkurrenz. Wer sich dort beweist, kann später in die FBS wechseln - wie es in dieser Saison unter anderem Punter Markus Meincke vorgemacht hat, der von Mercer zu Toledo transferierte.
Deutsche Spieler dominieren die Trenches
Bei der Positionsverteilung zeigt sich ein eindeutiges Muster: 23 der 57 Spieler sind als Defensive Lineman gemeldet, 19 weitere als Offensive Lineman - zusammen mit Manuel Beigel, der bei Michigan auf beiden Seiten eingesetzt wird, stehen damit im Schnitt drei von vier deutschen Spielern in den Trenches. Dahinter folgen sechs Tight Ends, drei Linebacker, zwei Wide Receiver sowie jeweils ein Kicker, Punter und Running Back - Letzterer ist mit Duncan Brune von Ohio University sogar der einzige deutsche Spieler auf dieser Position überhaupt. Dafür gibt es eine naheliegende Erklärung: Große, kräftige Athleten lassen sich innerhalb weniger Jahre zu soliden Linemen entwickeln, auch ohne jahrelange Football-Sozialisation - bei Skill-Positionen wie Quarterback oder Receiver fehlt dagegen meist die nötige Spielerfahrung aus Kindheit und Jugend.
Eine Schule prägt den Nachwuchs
Auffällig ist zudem die Rolle einer einzigen Prep School: Neun der aktuellen 57 Spieler durchliefen vor ihrem College-Wechsel die Rabun Gap-Nakoochee School im US-Bundesstaat Georgia - darunter auch der im Frühjahr gedraftete Marlin Klein. Die Schule hat sich damit zu einer Art Durchlauferhitzer für deutsche College-Prospects entwickelt: Ein einzelnes Programm mit gutem Draht nach Deutschland kann offenbar über Jahre hinweg eine ganze Spielergeneration hervorbringen. Bei der Herkunft führt Berlin mit sieben Spielern knapp vor München, Köln und Hamburg mit je sechs Athleten. Der Rest verteilt sich auf gut zwei Dutzend kleinere Orte quer durchs Land - vom spanischen Estepona (ein Sonderfall) bis zu Orten wie Merching oder Butzbach, die man im College-Football-Kontext eher nicht erwarten würde.
NFL Academy als weitere Talentschmiede
Die NFL Academy im englischen Loughborough gilt weiterhin als wichtige Talentschmiede für den deutschen Nachwuchs um den Weg ans amerikanische College zu schaffen. Bruno Werner, Moritz Strempel sowie Johannes Mager und Joel Queisser haben die Academy inzwischen verlassen und sind bereits an US-Colleges gewechselt. Aktuell durchlaufen 14 weitere deutsche Talente das Programm und könnten schon in der kommenden Saison an einem D1-College unter Vertrag stehen oder haben bereits commitet: Niko Kampas (Offensive Lineman), Sem Wohlgemuth (Linebacker), Yasir Sani (Linebacker), Adeola Werner (Linebacker/Tight End), Leo Schoske (Defensive Lineman), Jamil Secka (Wide Receiver/Defensive Back), Dawens Albers (Defensive Back), Shaq Cisse (Defensive Back), Arved Mohr (Quarterback), Oluwakemi Adeoshun (Linebacker), Paul Krause (Kicker/Punter), Hannes Schmidt (Linebacker), Obinna Esiogu (Defensive Lineman) und Benny Kubat (Defensive Lineman).
16 Neuzugänge, prominente Abgänge
In dieser College-Saison kamen 16 neue deutsche Spieler hinzu, während zwölf Namen aus der Vorjahresliste nicht mehr auf einem D1-Roster stehen. Unter den Neuzugängen sticht Daniel Ottens heraus, der direkt von den Nürnberg Rams zum Big-12-Programm TCU wechselte - ein Weg, der vor wenigen Jahren noch die absolute Ausnahme gewesen wäre. Auch bei Wagner College gab es gleich einen doppelten deutschen Neuzugang mit Isaac Abraham und Maximilian Dollhopf.
Bei den Abgängen ragt ein Name besonders heraus: Marlin Klein wurde im NFL Draft 2026 in der zweiten Runde an Position 59 von den Houston Texans ausgewählt - der dritthöchste Pick eines deutschen Spielers überhaupt, nur Björn Werner (2013, Pick 24) und Sebastian Vollmer (2009, Pick 58) wurden jemals früher gezogen. Klein steht inzwischen als zweiter Tight End hinter Dalton Schultz im 53-Mann-Kader der Texans.
Auch Paul Rubelt schaffte über das International Player Pathway Program den Sprung in die NFL und befindet sich aktuell auf dem Practice Squad der Tampa Bay Buccaneers. Mark Petry wiederum wurde zwar in der ersten Runde des CFL Global Draft von den Montreal Alouettes ausgewählt, unterschrieb nach einem gescheiterten Vertragsabschluss aber stattdessen bei Frankfurt Galaxy in der European Football Alliance (EFA). Einen ungewöhnlichen Weg schlug zudem Leo Blumentritt ein: Der ehemalige Punter von Northern Colorado wechselte nicht etwa das Programm, sondern die Seite - er ist inzwischen als Assistenzcoach bei genau jenem Team tätig, für das er zuvor noch gespielt hat.
Hero Kanu mit besten Draft-Aussichten
Für den NFL Draft 2027 gilt vor allem Hero Kanu als aussichtsreichster deutscher Kandidat. Der Defensive Lineman der Texas Longhorns wurde von Analyst Phil Steele bereits vorab ins Second-Team All-SEC gewählt und soll laut Expertenmeinung Chancen auf eine Auswahl in den ersten drei Runden haben. Auch Max Stege (Boise State), Bruno Dall (UCF) und weitere Spieler aus dem aktuellen Jahrgang könnten sich in den kommenden Monaten für die NFL empfehlen. Ebenfalls im Gespräch: Tight End Alexander Honig, der sich im vergangenen Jahr bewusst gegen den Draft und für einen Wechsel zu Northwestern in die Big Ten entschied, um sich gegen stärkere Competition zu beweisen - nun könnte er im kommenden Draft eine deutlich größere Rolle spielen als zuvor erwartet.