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Amon-Ra St. Brown und Co.
In der NFL begeistert besonders die Offense viele Fans und das Passspiel zählt zu den spektakulärsten Möglichkeiten, Punkte zu erzielen. Neben den Quarterbacks spielen dabei die Receiver die wichtigste Rolle, die mit ihrer puren Athletik beeindruckende Catches machen und Gegner wie Amateure aussehen lassen.

Ein Pass fliegt 40 Yards durch die Luft, ein Receiver springt zwischen zwei Verteidigern hoch und pflückt den Ball scheinbar schwerelos aus der Luft - kaum eine Szene steht so sehr für die Faszination der NFL wie ein spektakulärer Catch.
Amon-Ra St. Brown, Justin Jefferson oder Ja’Marr Chase: Jeder Receiver begeistert uns auf seine eigene Art. Egal ob mit spektakulären Catches, unglaublicher Geschwindigkeit oder einem perfekten Gefühl für den freien Raum - jeder Receiver hat seine persönlichen Stärken, die ihn für sein Team so besonders machen und NFL-Fans Woche für Woche staunen lassen.
Receiver gibt es auf unterschiedlichen Positionen. Zum einen gibt es die Receiver, die weit außen an der Sideline starten - die Wide Receiver. Zum anderen stellen sich die Slot Receiver zwischen dem Passempfänger außen und der Offensive Line auf. Doch beide Receiver-Gruppen haben nahezu identische Aufgaben.
Die Hauptaufgabe eines Receivers besteht natürlich darin, den vom Quarterback geworfenen Ball zu fangen und möglichst viele Yards dabei zu erzielen oder einen Touchdown zu machen. Doch zum Fangen des Balles gehört deutlich mehr als nur eine gute Fangsicherheit. Receiver kommen nur durch ihre Athletik, jahrelange Erfahrung und ihr Footballverständnis in die Situation einen Ball zu fangen. Vor dem Catch ist es die Aufgabe des Receivers, sich freizulaufen und eine Anspielstation für den Quarterback zu bieten. Dabei müssen Receiver auf ihre Instinkte und ihren Football-IQ vertrauen. Während bei Mann-zu-Mann-Verteidigung meist die Athletik, die Schnelligkeit und weitere kleine Nuancen den Unterschied machen, kommt es gegen eine Zonenverteidigung besonders auf die Intelligenz und das Spielverständnis der Passempfänger an.
Neben dem Bällefangen haben Receiver noch weitere wichtige Aufgaben. Denn ein Receiver kann einen herausragenden Job machen, ohne einen einzigen Ball zu fangen. Während alle auf den Spieler schauen, der den Ball am Ende fängt und die Yards erzielt, sind die restlichen Receiver von enormer Wichtigkeit für den Erfolg des Einzelnen. Die übrigen Passempfänger sind oftmals der Grund, warum der Spieler den Ball bekommen konnte. Häufig haben einige Receiver die Aufgabe, in einem Spielzug nur auf dem Platz zu stehen und eine Route zu laufen, um den Fokus der Verteidiger auf sich zu lenken und dem eigenen Teamkollegen Raum zu schaffen, damit dieser den Ball fangen kann.
Auch das Blocken gehört zum Alltag eines jeden Receivers. Während in der NFL besonders bei der Offensive Line und Tight Ends über das Blocken geredet wird, sind die Receiver bei jedem Spielzug genauso wichtig, wenn es darum geht, den Gegner vom Ballträger fernzuhalten. Gerade bei Laufspielzügen oder Screen-Konzepten müssen die Receiver alles daran setzen, ihren Gegenspieler aus dem Weg zu räumen, damit der Mitspieler mit Ball genug Platz hat, um an ihnen vorbeizulaufen, am besten bis in die Endzone. In einigen Fällen werden Receiver sogar als Extra-Blocker in die Mitte des Feldes zur O-Line gezogen, um dort aus einem für die Defense ungewohnten Winkel einen Defensive Lineman zu blocken. Ohne das gute Freimachen des Raumes durch die Receiver wären Big Plays und lange Touchdowns undenkbar. Jeder Spielzug würde spätestens nach einigen Yards, wenn Cornerbacks und Safeties auf den Ballträger zukommen, gestoppt werden. Gut blockende Receiver machen solche Highlights in der NFL erst möglich.

Bei so einem großen und vielfältigen Aufgabenprofil müssen Receiver eine ganz besondere Athletik mitbringen, die im Sport einzigartig ist. Die Passempfänger müssen ein hohes Sprinttempo aufweisen, um sich gegen die schnellen Passverteidiger durchsetzen zu können. Tyreek Hill war jahrelang der größte Speedster in der NFL und lief regelmäßig mehreren Verteidigern einfach davon. Ebenso müssen Receiver eine gute Beschleunigung und eine starke Fähigkeit zum Abstoppen haben, um bei ihrer Route den Gegenspieler durch schnelle Richtungswechsel und plötzliches Abstoppen loszuwerden. Besonders Wide Receiver sollten eine enorme Sprungkraft besitzen, um sich bei umkämpften Catches durchsetzen zu können. Von diesen Receivern wird auch eine bestimmte Größe erwartet - denn selbst der Spieler mit der besten Sprungkraft hat gegen einen deutlich größeren Spieler bei hohen Bällen kaum eine Chance.
Die Kraft eines Receivers wird in anderen Situationen besonders wichtig. Bei Press-Coverage können sich starke Spieler besonders gut gegen ihre Gegenspieler durchsetzen und dadurch sofort in der ersten Sekunde des Spielzugs einen Vorteil gewinnen. Auch zum Blocken müssen Receiver eine gewisse Stärke und Robustheit mitbringen, um ihren Verteidiger aus dem Weg räumen zu können. D.K. Metcalf zeigt in der NFL die perfekte Mischung aus Tempo und Kraft. Beim NFL Combine 2019 lief er die 40 Yards in 4,33 Sekunden und zeigte seine unglaubliche Power mit 27 Wiederholungen beim Bankdrücken. Zudem schützt eine gut trainierte Muskulatur vor vielen Ausfällen und senkt die Verletzungsanfälligkeit.
Neben den ganzen körperlichen Eigenschaften muss ein Receiver aber auch eine große Spielintelligenz mitbringen. Receiver müssen wie alle Spieler der Offense das gesamte Playbook in und auswendig können - zudem gilt es für Passempfänger, vor allem die Coverage des Gegners zu erkennen und zu verstehen. Auf jede einzelne Passverteidigung muss der Receiver seine Route anpassen und die Schwachstellen aller Konzepte im Kopf haben. Die besten Spieler der Liga haben dieses Ausnutzen von Schwachstellen in der Verteidigung so perfektioniert, dass es im TV aussieht, als seien sie einfach immer offen. Dahinter steckt aber eine Menge Arbeit und viel Zeit beim Analysieren des Gegners vor dem Spiel.
Der wichtigste Skill eines Receivers ist allerdings seine Fähigkeit, Bälle zu fangen. Egal wie athletisch, wie stark und wie intelligent ein Receiver ist - wenn er den Ball zu häufig fallen lässt, wird er in der NFL keine Chance haben. Die besten Wideouts zeichnen sich dadurch aus, dass sie in allen Situationen den Ball sicher fangen und kaum mit Drops zu kämpfen haben. Einer der besten und bekanntesten Receiver, Larry Fitzgerald, prägte diese Voraussetzung in der NFL: In seinen 17 Jahren in der NFL ließ der ehemalige Cardinals-Receiver weniger Bälle fallen (29) als er Tackles durchführen musste (41).

Nichts wird in der Welt der Receiver so sehr diskutiert wie das Route Running. Für den Passempfänger muss seine vorgegebene Route perfekt laufen und dabei kleine Anpassungen je nach Gegner und Verteidigungskonzept vornehmen. Vom Release bis zu den letzten Schritten vor dem Catch passieren sehr viele Dinge, die den meisten TV-Zuschauern verborgen bleiben. Zum Start des Plays liegt der Fokus darauf, sich sofort einen Vorteil zu verschaffen. Kaum jemand perfektionierte Releases so gut wie Davante Adams, der mit 33 Jahren immer noch zu den dominantesten Receivern der NFL gehört und seine Gegenspieler regelmäßig schon nach den ersten zwei Metern geschlagen hat.
Bei einer engen Verteidigung versuchen Receiver, schnell an ihrem Gegenspieler vorbeizukommen und sich vor dem Verteidiger zu positionieren - bei einer Verteidigung mit mehr Abstand zwischen den beiden Spielern wollen Wideouts den Passverteidiger so anlaufen, dass sie ihn in Bedrängnis bringen und gleichzeitig die beste Ausgangslage für den Rest der Route haben. Die Mischung aus Fußarbeit, Timing, Täuschungen, Richtungswechseln und Tempo-Variationen macht am Ende eine perfekte Route aus.
Ein Receiver ist immer nur so gut wie sein Quarterback - und umgekehrt. Gleichzeitig kann ein starker Passempfänger den Quarterback besser machen und ein guter Passgeber seine Receiver gut aussehen lassen. Neben den ganzen Eigenschaften, die ein Receiver mitbringen muss, zählt auch seine Chemie mit dem eigenen Quarterback. In der NFL werden Spielzüge genau geplant und jeder Spieler muss sich darauf verlassen, dass die anderen zehn Mitspieler ihre Aufgaben sauber ausführen. Besonders bei Receivern und Quarterbacks ist das blinde Vertrauen extrem wichtig.
Denn das Timing beim Wurf und die Genauigkeit beim Laufen der Route machen den entscheidenden Unterschied zwischen einem Big Play und einem Incomplete Pass. Quarterbacks müssen den Ball häufig in freie Bereiche werfen und darauf setzen, dass ihr Receiver seine Arbeit perfekt gemacht hat und gleichzeitig in diesem freien Bereich eintrifft, um ihn zu fangen. Ebenso werden immer mehr Spielzüge entworfen, bei denen Receiver und Quarterback auf Veränderungen im Verteidigungskonzept reagieren müssen und sich die Route je nach Verhalten der Gegenspieler komplett ändert. Dabei müssen beide Spieler die Indikatoren im selben Moment gleich deuten. Die Königsdisziplin bei diesem blinden Verständnis zwischen Quarterback und Receiver ist es, einen gescheiterten Spielzug - etwa wegen großen Drucks der D-Line auf den Quarterback - durch Improvisation zu retten.
Genau diese Mischung aus Geschwindigkeit, Kraft, Körperkontrolle und Spielintelligenz macht Wide Receiver zu einigen der komplettesten Athleten im Profisport. Was für Zuschauer oft leicht aussieht, ist in Wahrheit das Ergebnis aus jahrelangem Training, perfekter Technik und außergewöhnlichem Talent.
Noah Hülsmans