vor 12 Stunden
Black and Gold aus Überzeugung
Als Big Ben im Februar 2022 seinen Rücktritt erklärte, hätte Pittsburgh eine klare Entscheidung treffen können: Neuaufbau. Echter Schnitt. Ein Plan. Stattdessen begann eine chaotische Quarterback-Suche - Trubisky, Pickett, Rudolph, Fields, Wilson. Vier Jahre, fünf Starter, kein Fundament.

Als Mike Tomlin nach fast zwei Jahrzehnten den Hut nahm, dachten viele Fans, dass jetzt endlich der Moment der großen Veränderung gekommen sei. Stattdessen bekamen wir mit Mike McCarthy und Aaron Rodgers den nächsten Akt in einem seit Jahren nicht endenden Drama. Immer einen Schritt vor der eigentlichen Entscheidung. Immer die Lösung, die kein Problem löst, sondern es nur vertagt. Willkommen in Pittsburgh, Saison 2026.
Ich sage es direkt: Ich bin kein Aaron-Rodgers-Fan. Nicht wegen seiner Leistungen - Hall-of-Famer, klar. Aber was dieses Franchise in den letzten zwei Jahren mit ihm durchgemacht hat, ist symptomatisch für alles, was mich an der aktuellen Führung frustriert. Monatelanger Vertragspoker, ein Quarterback, der sich bis in den Juni Zeit lässt, während die gesamte Planung in der Schwebe hängt. Das ist keine Stärke, das ist Abhängigkeit. Die Steelers haben sich von einem 42-jährigen Quarterback in Geiselhaft nehmen lassen, weil sie schlicht keine Alternative hatten. Und das nach Jahren, in denen man dieses Problem hätte angehen können.
Ja, 2025 waren die Zahlen solide: 24 Touchdowns, sieben Interceptions, AFC-North-Sieger. Aber wer die Spiele gesehen hat, weiß, was dahinter steckt: ein nachlassender Arm, eine Offense auf kurze Pässe und YAC angewiesen, ein inkonstantes Deep Passing Game. Der Playoff-Auftritt gegen Houston hat das schmerzhaft unterstrichen. Das Ziel ist offiziell nie der Divisionstitel - das Ziel ist immer der Super Bowl. Und für dieses Ziel bin ich nicht optimistisch.
Tomlins Abgang war die Chance auf einen philosophischen Neustart. Jüngere Trainer, innovative Konzepte, moderner Football. Es gab Kandidaten. Es gab Optionen.
Was haben wir bekommen? Mike McCarthy. Einen Coach der alten Schule, dessen Offense weder in Green Bay noch in Dallas für Feuerwerke bekannt war, und der vor allem deshalb hier ist, weil er Rodgers kennt. Das ist keine Philosophie, das ist eine Taktik. Natürlich hat er einen Super-Bowl-Ring. Natürlich weiß er, wie man ein Team führt. Aber frischer Wind sieht anders aus.
Patrick Graham als Defensive Coordinator verdient zumindest einen neutralen Blick: anpassungsfähig, spielerorientiert. Das ist auf der Defensive Seite immerhin etwas.
In der Offense verlor man Kenneth Gainwell, 2025 Receiving Leader, nach Tampa. Wer nun diese 73 Targets fängt, ist offen. Michael Pittman Jr. bringt als Neuzugang Stabilität neben DK Metcalf - sichere Hände, Verlässlichkeit, ein echter Komplementärspieler. Rico Dowdle übernimmt im Backfield - wie er sich die Arbeit mit Jaylen Warren teilt, ist allerdings ungewiss.
Im Draft verstärkte man die Offensive Line: Iheanachor und Dunker sind genau das, was diese Line langfristig braucht. Wenn die OL endlich stabil wird, profitiert die gesamte Offense davon. Wide Receiver Germie Bernard hat in den OTAs bereits gezeigt wozu er fähig ist - starke Routen, erstes Vertrauen und bereit für den nächsten Schritt in seiner Karriere. Das kann etwas werden.
Bei Cornerback Dylan Everette hingegen bin ich skeptisch. Die Athletik ist da, aber technisches Fundament und Konsistenz gegen Top-Receiver müssen erst bewiesen werden. Drew Allar als Franchise-QB der Zukunft? Da bin ich wohl nicht als einziger skeptisch. Guter Arm, aber unreife Technik. Klingt nach langem Projekt, nicht nach Lösung.
Will Howard, sechste Runde 2025, keine Erwartungen, kein Tamtam. Ein Jahr verloren durch Verletzung, kein einziger NFL-Snap. Und trotzdem: McCarthy lobt ihn, QB-Coach Arth ist angetan von Reife und Führungsqualität, und Howard selbst begegnet dem Allar-Draft mit einer Professionalität, die einen NFL-Starter ausmacht. Ich sage nicht, dass Howard sicher der Starter für 2027 wird.
Ich sage, dass ich es mir wünsche. Er hat das mentale Profil - ruhig, klar, team-first. Ob das Front Office allerdings bereit ist, auf einen Sechstrunden-Pick zu setzen, wenn Allar mit deutlich höherem Draft-Kapital im Raum steht? Das ist die eigentliche Frage. Eine faire Chance hätte er sicherlich verdient, doch wäre er nicht der erste in der NFL, der keine bekommt.
T.J. Watt hatte 2025 ein schwächeres Jahr - nach eigenen Maßstäben. Mit Patrick Grahams System, das auf seine Stärken zugeschnitten ist, erwarte ich die Rückkehr des Watt, der Offensive Coordinatoren nachts wach hält. Dahinter: Harmon und Heyward auf der Defensive Line, Sebastian Joseph-Day als Rotationsspieler.

Nach dem Abgang von Minkah Fitzpatrick wurde investiert: Jaquan Brisker bringt Aggressivität in die Secondary, Jalen Ramsey braucht ein Comeback-Jahr und muss liefern, Jamel Dean kommt als solider Partner von den Bucs. Wenn diese Defense zusammenfindet, gewinnt Pittsburgh Spiele, die es auf dem Papier nicht gewinnen sollte.
Winning Season und Playoffs sind möglich, aber ist man damit zufrieden? In der AFC North wird man nach Baltimores Coaching-Wechsel und der Rückkehr von Joe Burrow bei den Bengals zwar mitspielen können, doch die Playoff-Mauer, an der dieses Franchise seit Jahren scheitert, wird man mit Rodgers und McCarthy nicht einreißen können. Das Ceiling ist das Überstehen der Wildcard-Runde - wenn alles passt, wenn die Defense dominiert, wenn Rodgers keine schwachen Wochen hat. Super Bowl? Ich glaube es nicht.
Das eigentliche Problem ist nicht diese Saison. Diese Saison kann schön werden, emotional, ein würdiger Kampf. Aber danach? Allar, der mechanisch neu aufgebaut wird. Howard, der vielleicht eine Chance bekommt. Kein klarer Plan. Wieder ein Thema, welches auf die lange Bank geschoben wird.
Das ist mein Grundproblem mit dem aktuellen Kurs. Nicht eine einzelne Entscheidung - sondern das Muster. Rodgers statt Neuanfang. McCarthy statt frischer Wind. Allar und Howard als Hoffnungsträger, die man gar nicht unbedingt eingeplant hatte.
Irgendwo in Pittsburgh schlummert der Plan für das nächste große Kapitel. Der Quarterback, der eine Ära prägt wie Ben Roethlisberger. Der Coach, der moderne Offense mit der Pittsburgh-DNA verbindet. Das Receiver-Corps, das einen jungen Quarterback unterstützt. Aber dieser Plan ist nicht 2026. Diese Saiosn ist die Verlängerung des Alten. Eine weitere Dose, weit in die Zukunft getreten.
Ich werde trotzdem jeden Sonntag einschalten. Ich werde das Terrible Towel schwingen - aber ich tue es mit offenen Augen.
Jonas Wedlich