vor 14 Stunden
Müde beim Saisonstart?
Während sich die San Francisco 49ers eine Woche lang in Melbourne akklimatisierten, landeten die L.A. Rams erst rund 28 Stunden vor dem Kickoff. Nach der deutlichen Niederlage wird nun über Sean McVays riskante Reisestrategie diskutiert.

Die Szene wirkte im Nachhinein beinahe prophetisch: Nach Quentin Lakes Interception gegen Brock Purdy im zweiten Viertel legten sich mehrere Rams-Verteidiger in der Endzone schlafen. Eine kleine Spitze gegen alle, die vor dem Spiel vor Jetlag und müden Spielern gewarnt hatten.
Einige Stunden später war den Rams die Lust auf diesen Scherz vergangen. San Francisco erzielte 24 Punkte in Serie, gewann mit 27:7 und ließ Los Angeles spätestens in der zweiten Hälfte tatsächlich wie das müde Team aussehen. Fred Warner verabschiedete den Divisionsrivalen schließlich mit seiner "Night Night"-Geste.
Die 49ers waren bereits eine Woche vor dem Spiel in Melbourne angekommen. Nach einer lockeren Einheit am ersten Wochenende stieg San Francisco ab Montag in die reguläre Trainingswoche ein und stellte seine innere Uhr so schrittweise auf die australische Zeit um.
Die Rams wählten den entgegengesetzten Ansatz. Sie trainierten bis kurz vor dem Spiel zuhause in L.A., absolvierten anschließend einen mehr als 16-stündigen Flug und landeten erst am Donnerstagmorgen in Melbourne. Zwischen der Ankunft und dem Kickoff am Freitag lagen so lediglich rund 28 Stunden.
Die Rams wollten ihren gewohnten Rhythmus möglichst lange beibehalten. Der Kickoff um 10.35 Uhr australischer Zeit entsprach 17.35 Uhr in Kalifornien - also einem Zeitfenster, in dem die Körper der Spieler normalerweise besonders leistungsfähig sind.
So riskant der Plan auch klingt: Die Rams hatten ihn monatelang vorbereitet. Kevin Dotson, Kyren Williams, Tyler Davis und Xavier Smith waren bereits im Frühjahr testweise nach Australien gereist. Das Team sammelte Daten über Schlaf, körperliche Verfassung und die Auswirkungen des Rückflugs.
Auch aus sportwissenschaftlicher Sicht war der Gedanke nicht völlig abwegig. Schlafexpertin Cheri Mah erklärte vor der Partie, dass die kalifornische Körperzeit den Rams während des Spiels sogar helfen könne. Gleichzeitig warnte sie aber auch vor den Folgen der kurzen Erholung nach dem Langstreckenflug: Schlafmangel, Dehydrierung und allgemeine Reisemüdigkeit.
McVay hatte mit einer ähnlichen Strategie zudem bereits Erfolg. In der vergangenen Saison reisten die Rams erst rund 30 Stunden vor ihrem London-Spiel an und schlugen Jacksonville mit 35:7. Damals lagen allerdings nur ein siebenstündiger Flug von Baltimore nach London und eine deutlich geringere Zeitverschiebung hinter ihnen.
Ob die Reise beim Debakel gegen die Niners am Ende tatsächlich den Ausschlag gab, lässt sich anhand eines einzelnen Spiels nicht beweisen. Der Spielverlauf lieferte den Kritikern jedoch reichlich Material.
Denn San Francisco erlief insgesamt 174 Yards. Christian McCaffrey, Purdy, Deebo Samuel und Kaelon Black gelangen jeweils Läufe über mindestens zwölf Yards. Besonders deutlich wurde der körperliche Unterschied nach dem Goal-Line-Stand der 49ers im dritten Viertel: San Francisco marschierte über elf Plays und 99 Yards zum nächsten Touchdown, während die Rams-Defense immer weniger Widerstand leistete.
Allerdings wäre es zu einfach, das Fiasko ausschließlich auf müde Beine zu schieben. Die Rams-Offense verwandelte lediglich zwei von neun Third Downs und eines von drei Fourth Downs. Matthew Stafford warf für nur 155 Yards, leistete sich eine Interception und blieb ohne Touchdownpass. Dadurch bekam die eigene Defense kaum Verschnaufpausen.
Myles Garrett stand zudem wegen seiner Knieprobleme nicht bei hundert Prozent und blieb ohne Tackle, Sack oder Quarterback Hit. Auch Abstimmungsfehler und San Franciscos starke Spielplanung hatten mit der Anreise zunächst wenig zu tun.
Selbst die früh angereisten 49ers blieben von den Belastungen nicht verschont. McCaffrey und Trent Williams kämpften mit Krämpfen, auch die Rückkehrer George Kittle und Nick Bosa fühlten sich nach eigener Aussage etwas langsamer als gewohnt. Die zusätzliche Woche beseitigte also nicht sämtliche körperlichen Folgen - San Francisco ging lediglich besser mit ihnen um.
Rams-Head-Coach Sean McVay wollte die ungewöhnliche Anreise nach der Niederlage nicht verantwortlich machen. Seine Spieler hätten allesamt ausreichend geschlafen und sich vor dem Kickoff bereit gefühlt.
"Ich suche keine Ausreden. Ob ihr die Reise verantwortlich machen wollt oder was auch immer - wir waren einfach nicht gut genug", sagte der 40-Jährige. Er sei darüber hinaus auch weiterhin überzeugt, die Entscheidung im besten Interesse seiner Mannschaft getroffen zu haben. Auch Stafford erklärte, dass das Team beim Kickoff bereit gewesen sei und anschließend schlicht nicht gut genug gespielt habe.
Auf der Gegenseite zog Mike Evans ein eindeutiges Fazit. Die frühere Anreise habe sich ausgezahlt, die Mannschaft habe sich an die Bedingungen gewöhnen können und die gemeinsame Zeit in Melbourne genossen.
Als alleinige Erklärung taugt sie nicht. Dafür beging L.A. zu viele technische, taktische und individuelle Fehler. Doch die kurze Zeit zwischen einem 16-stündigen Flug und einem NFL-Spiel ließ keinerlei Spielraum, um auf schlechten Schlaf oder körperliche Probleme zu reagieren.
Die 49ers kamen früher, wirkten besser vorbereitet und hatten in der entscheidenden Phase deutlich mehr Energie. Damit ging zumindest der erste Teil dieses ungewöhnlichen Reiseexperiments klar an San Francisco.
Die endgültige Bewertung steht dennoch aus. Das Team von McVay wollte mit der späten Anreise schließlich auch verhindern, nach der Rückkehr erneut mehrere Tage zur Anpassung zu benötigen. Wie frisch die Rams in Week 2 gegen die New York Giants auftreten, gehört deshalb ebenfalls zum Experiment.
Am Debakel von Melbourne ändert das allerdings nichts: Was auch immer sich die Rams von ihrer Reiseplanung versprochen hatten - in Australien ging der Plan nicht auf.
mhh