23.08.2026
Hype vs. Realität
Week 2 der NFL Preseason ist so gut wie vorbei - und wie jedes Jahr entstehen bereits die ersten großen Gewinner und Verlierer. Starke Leistungen reichen teilweise aus, um Rookies zum nächsten Superstar zu erklären. Gleichzeitig sorgen wenige schlechte Drives dafür, dass bei anderen Spielern bereits erste Zweifel aufkommen. Doch die Vergangenheit zeigt, warum man bei beiden Extremen vorsichtig sein sollte.

Nach Monaten ohne NFL-Football ist die Versuchung groß. Endlich stehen die Spieler wieder auf dem Feld, endlich können insbesondere die Rookies, über die seit dem Draft monatelang gesprochen wurde, unter NFL-Bedingungen beobachtet werden. Natürlich können und sollten diese Auftritte analysiert werden. Problematisch wird es allerdings, wenn aus wenigen Snaps in der Preseason bereits weitreichende Rückschlüsse auf die Regular Season oder sogar die gesamte Karriere eines Spielers gezogen werden.
Denn gerade bei Rookies gibt es mehrere Faktoren, die eine Bewertung kompliziert machen.
Für einen Rookie sind die ersten Preseason-Spiele gleichzeitig die ersten richtigen NFL-Snaps seiner Karriere. Neben Nervosität und anderen mentalen Faktoren müssen sich die Spieler erstmals unter vollständigen Spielbedingungen an das höhere Tempo und die neuen Abläufe gewöhnen. Dass dabei noch nicht alles funktioniert, sollte deshalb nicht überraschen.
Gleichzeitig gilt diese Vorsicht auch in die andere Richtung. Nur weil ein Rookie in der Preseason sofort überzeugt, bedeutet das nicht automatisch, dass sich diese Leistungen auf die Regular Season übertragen lassen. Eine entscheidende Frage lautet dabei: Gegen wen spielt Spieler X überhaupt?
In der Preseason treten teilweise die Starter von Team A gegen die Backups von Team B an. Spieler treffen auf Gegenspieler, die wenige Wochen später möglicherweise nicht einmal mehr Teil eines 53-Mann-Kaders sind. Selbst wenn die erste Besetzung auf dem Feld steht, ist der Vergleich mit einem Regular-Season-Spiel schwierig.
Teams arbeiten in der Preseason häufig mit vereinfachten taktischen Konzepten. Defenses zeigen nicht zwingend ihre komplexesten Coverages oder Blitz-Packages, während auch Offenses nur einen begrenzten Teil ihres eigentlichen Playbooks offenlegen. Die Anforderungen verändern sich mit Beginn der Regular Season erheblich.
Wie weit Preseason-Eindrücke und die spätere Realität auseinanderliegen können, zeigen zwei prominente Beispiele aus derselben Draft-Klasse.
Heute ist Ja'Marr Chase für viele der beste Wide Receiver der NFL. Im Spätsommer 2021 sah die öffentliche Wahrnehmung allerdings teilweise völlig anders aus. Chase war zuvor im NFL Draft an fünfter Stelle ausgewählt worden, nachdem er die College-Saison 2020 komplett ausgesetzt hatte. Seine erste Preseason verlief anschließend katastrophal.
In drei Spielen bekam Chase insgesamt fünf Targets. Lediglich einen Pass konnte er fangen - für 16 Yards. Bei vier der anderen Targets handelte es sich um Drops. Gegen Washington ließ er alle drei Pässe in seine Richtung fallen, gegen Miami folgte beim einzigen Target ein weiterer fallengelassener Ball.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Noch bevor Chase auch nur einen einzigen Regular-Season-Snap absolviert hatte, wurde bereits darüber diskutiert, ob Cincinnati mit dem fünften Pick einen Fehler gemacht hatte. Teilweise wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob Chase nach seinem Jahr ohne College Football das Footballspielen gänzlich verlernt habe.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugten seine damaligen Aussagen zu den Problemen. "Ich möchte es nicht darauf schieben, dass ich das ganze Jahr nur herumgesessen habe, aber natürlich hat das wahrscheinlich etwas damit zu tun", erklärte Chase damals TheAthletic mit Blick auf seine ausgelassene Saison 2020. Darüber hinaus sprach der Receiver über die Umstellung auf den NFL-Ball. Insbesondere die fehlenden weißen Streifen würden es schwieriger machen, den Ball früh zu erkennen.
"Er hat die weißen Streifen an der Seite nicht. Deshalb kann man den Ball nicht von der Spitze aus erkennen und muss nach den weißen Nähten suchen. Das ist schwierig, weil der gesamte Ball braun ist." Gleichzeitig stellte Chase allerdings klar: "Ich möchte keine Ausreden suchen. Ich muss einfach ein Profi sein und den Ball fangen."
Inmitten der ohnehin vorhandenen Kritik kamen gerade die Aussagen über den NFL-Ball nicht wirklich gut an. Heute ist sich die Medienwelt einig, dass Chase mindestens ein Top-3-Receiver der NFL ist. 2021 um diese Zeit waren die Medien noch damit beschäftigt zu analysieren, ob Chase überhaupt NFL-Football spielen kann.
Die Sorgen aus der Preseason erwiesen sich schnell als unbegründet. Chase gewann in seinem ersten NFL-Jahr nicht nur den Offensive Rookie of the Year Award, sondern beendete die Regular Season mit 1455 Yards und 13 Touchdowns, was ihm direkt auch noch eine Wahl ins Second-Team All-Pro einbrachte. Diese herausragende Rookie-Saison setzte er in den Playoffs fort, fing dort Pässe für weitere 368 Yards und wurde erst im Super Bowl von den Rams gestoppt.

Im weiteren Verlauf seiner Karriere entwickelte sich Chase zu einem der besten Wide Receiver der NFL, wurde mittlerweile mehrfach zum First-Team All-Pro gewählt und gewann sogar die Receiving Triple Crown. Setzt er seine bisherige Karriere auf diesem Niveau fort, könnte langfristig sogar die Hall of Fame zum Thema werden.
Seine ersten Preseason-Spiele mit vier Drops bei nur fünf Targets waren rückblickend also kaum ein Indikator dafür, welche Karriere folgen würde. Aus den Fragezeichen, ob er überhaupt Football spielen kann, wurde schnell einer der besten Receiver seiner Generation.
Im selben NFL Draft 2021 wurde Quarterback Zach Wilson von den New York Jets mit dem zweiten Pick ausgewählt. Und anders als Chase lieferte Wilson in seiner ersten Preseason zunächst genau das, was sich Fans von einem hoch gedrafteten Rookie-Quarterback wünschen. In insgesamt 44 Snaps über zwei Spiele setzte er zu 20 Passversuchen an und brachte davon 15 an - eine Completion Percentage von 75 Prozent. Wilson warf in der gesamten Preseason 2021 für 191 Yards, erzielte zwei Touchdowns und leistete sich keine einzige Interception.
Auch die Advanced Stats sahen vielversprechend aus. Laut PFF produzierte Wilson eine Big-Time-Throw-Rate von 9,1 Prozent und kein einziges Turnover-Worthy-Play. Zum Vergleich: Mit einer Big-Time-Throw-Rate (BTT) von 9,1 Prozent hätte Wilson 2025 nicht nur die NFL angeführt, er hätte sogar fast zwei Prozentpunkte mehr erreicht als der letztjährige MVP Matthew Stafford, der mit seiner BTT-Rate von 7,4 Prozent die Liga anführte. Während Chase also mit Drops und schlechten Schlagzeilen in seine Rookie-Saison ging, unterstrich Wilson in der Preseason, warum ihn die Jets an Position zwei ausgewählt hatten.
Die Regular Season und seine weitere NFL-Karriere entwickelten sich allerdings völlig anders. Nach drei schwachen Saisons bei den Jets trennte sich das Franchise von ihm. Es folgten Stationen als Backup-Quarterback in Denver und Miami, mittlerweile ist er in New Orleans.

Chase und Wilson sind zwei besonders anschauliche Beispiele dafür, warum Preseason-Leistungen mit Vorsicht bewertet werden sollten. Dabei wäre es allerdings genauso falsch, allein anhand dieser beiden Fälle eine allgemeingültige Regel aufzustellen. Zwei Spieler sind selbst nur eine extrem kleine Sample Size und können nicht beweisen, dass gute Preseason-Leistungen bedeutungslos oder schlechte Leistungen sogar positiv sind.
Genau das ist auch nicht der Punkt. Vielmehr verdeutlichen beide Karrieren, wie groß die mögliche Spannweite zwischen den ersten Eindrücken im August und der späteren Entwicklung eines Spielers sein kann. Denn einer der Beiden entwickelte sich anschließend zu einem der besten Spieler der NFL. Der andere zu einem echten Draft-Bust auf der Quarterback-Position.
Preseason-Performances sind nicht wertlos. Sie können Hinweise darauf geben, welche Fähigkeiten ein Spieler bereits besitzt, wo Probleme liegen und wie weit ein Rookie in seiner Entwicklung möglicherweise ist. Einzelne Plays und wiederkehrende Tendenzen lassen sich durchaus analysieren. Was sie nicht liefern können, ist eine verlässliche Prognose über die gesamte Karriere eines Spielers.
Mit Beginn der Regular Season verändert sich die Qualität der Gegner. Die besten Spieler stehen dauerhaft auf dem Feld, taktische Konzepte werden komplexer und Teams beginnen, ihre Gegner gezielt zu attackieren und ihre Schwächen offen zu legen. Gerade für Rookies verändert sich damit noch einmal enorm viel.
Vor allem bleibt aber das grundlegende statistische Problem: Die Sample Size ist winzig. Aus wenigen Drives oder zwei bis drei Preseason-Spielen auf die Qualität eines Spielers über eine komplette Saison oder sogar seine gesamte NFL-Karriere zu schließen, ist kein sinnvoller Prozess. Genauso wenig beweisen die Beispiele von Ja'Marr Chase und Zach Wilson allein, dass Preseason-Leistungen keine Aussagekraft besitzen.
Sie zeigen vielmehr, warum Kontext entscheidend ist. Nicht jeder Rookie, der im August Probleme hat, ist deshalb ein Bust. Und nicht jeder Rookie, der seine ersten NFL-Snaps dominiert, ist automatisch der nächste Superstar. Die Preseason liefert erste Informationen - aber eben noch lange kein endgültiges Urteil.
val