26.06.2026
IFAF-Präsident im Gespräch
Der Flag Football steht vor den wohl wichtigsten Jahren seiner Geschichte. Mit der Weltmeisterschaft in Düsseldorf und dem olympischen Debüt 2028 wächst die Sportart rasant. Einer, der diesen Weg maßgeblich mitgestaltet, ist IFAF-Präsident Pierre Trochet. Im exklusiven Interview mit football-world spricht der Franzose über die WM, die Chancen Deutschlands, die olympische Zukunft und seine Vision für den weltweiten Ausbau des Sports.

"Football und ich - wir haben eine besondere Beziehung", erzählt Trochet. Und das ist keineswegs untertrieben. Bereits im Alter von sechs Jahren kam er erstmals mit dem Sport in Berührung. Sein Vater war Präsident eines lokalen Football Teams in seinem Heimatort Châteauroux - ein Ort, der durch seinen Luftwaffenstützpunkt des US-Militärs stark durch die amerikanische Kultur geprägt wurde. Damit hielt auch American Football früh Einzug in die Region.
Als Trochet älter wurde, spielte er in der Folge selbst als Offensive Lineman in Frankreich und ganz Europa - obwohl seine eigentliche Leidenschaft zunächst der Basketball war.
Die Erfahrungen aus der Arbeit seines Vaters sowie seine eigene Spielerkarriere prägen ihn bis heute. Seit 2021 steht der 40-Jährige als Präsident an der Spitze der IFAF, 2024 bestätigten ihn die Mitgliedsverbände für eine zweite Amtszeit.
"Nun kann man einen lokalen Verein zwar nicht wirklich mit einem internationalen Sportverband vergleichen", erklärt Trochet, "Die Grundsätze sind aber dieselben: Wir setzen uns für die Athleten ein. Wir versuchen, die Faszination des American Footballs zu verstehen. Es ist eine strategische Sportart. Deshalb überlegen wir genau, wohin wir wollen und wie wir dorthin gelangen. Und solange sich der Ball nach vorne bewegt, kommt man dem Touchdown näher."
In 48 Tagen beginnt in Düsseldorf die Flag-Football-Weltmeisterschaft. Vom 13. bis 16. August kämpfen die besten Nationen der Welt dann in einem Flag-Football-Komplex, der in Zusammenarbeit mit den New England Patriots erbaut wurde, um den WM-Titel. Organisiert wird das Turnier von der IFAF - bereits seit 2002 ist der Weltverband für die Austragung der Weltmeisterschaften verantwortlich.
Laut Trochet habe man mittlerweile schon über 10.000 Tickets verkauft - das bislang größte Turnier der Verbandsgeschichte. Einer von vielen Gründen zur Freude für den Franzosen: "Ich will nicht so tun, als wäre ich aufgeregter als die Sportler, denn das ist ja schließlich ihr Moment auf dem Spielfeld. Aber ich bin da", scherzt er.
Der moderne Komplex, die Fans und die besondere Atmosphäre seien Gründe gewesen, weshalb sich die IFAF für Düsseldorf als Austragungsort entschieden habe: "Es ist die Football-Hauptstadt Deutschlands. Und dort herrscht eine echte Sportbegeisterung."
16 Männer- und 16 Frauenteams werden aus aller Welt nach Düsseldorf reisen, um sich die Teilnahme für Olympia 2028 in Los Angeles zu sichern. Denn die besten zwei Teams des Turniers bekommen das Direktticket. Die USA gelten dabei einmal mehr als Favorit.

Dennoch ist Trochet überzeugt, dass die internationale Konkurrenz immer näher heranrückt: "Die Intensität im Spiel nimmt überall zu. Also ja, die USA blicken zwar auf eine lange Tradition in dieser Sportart zurück, aber der Wettbewerb wird auf allen Ebenen immer härter."
Auch den Heimvorteil der deutschen Mannschaft dürfe man nicht unterschätzen: "Deutschland spielt zuhause. Dieser Heimvorteil ist sehr wichtig (...), und hat die Karten ein wenig neu gemischt", so Trochet über die deutschen Chancen.
Der Franzose ist mit 40 Jahren übrigens der jüngste Präsident eines olympischen Weltverbandes. Bereits vor seiner ersten Wahl bei der IFAF kündigte er an, Flag Football auf die olympische Bühne bringen zu wollen. Dass dieses Ziel inzwischen Realität geworden ist, erfüllt ihn mit Stolz: "Wir haben das zweifellos mit Ehrgeiz erreicht. Aber wir bleiben bescheiden in dem ganzen Prozess."
Für Trochet funktioniert auch die IFAF wie eine gute Offensive Line: Sie schafft die Voraussetzungen, damit andere glänzen können. Der Verband "müsse im Hintergrund die Arbeit erledigen, damit die Athleten auf dem Feld für die Highlights sorgen." Genau darin sieht der 40-Jährige seine wichtigste Aufgabe als Präsident.
Die Weltmeisterschaft in Düsseldorf sei deshalb weit mehr als nur ein Turnier. Sie markiere den nächsten großen Schritt auf dem Weg zu Olympia 2028 und biete die Gelegenheit, Flag Football als spektakuläre Zuschauersportart weiter zu etablieren. "Flag Football ist eine Highlight-Maschine", sagt Trochet. Entsprechend groß seien die Hoffnungen, dass das Turnier dem Sport weltweit zusätzlichen Rückenwind verleiht.

Mit der olympischen Premiere könnte der Flag Football endgültig den Sprung in den internationalen Spitzensport schaffen. Für Trochet ist das jedoch erst der Anfang. Die IFAF wolle das weltweite Wachstum der Sportart gezielt vorantreiben und die neuen Möglichkeiten nutzen, die sich durch die olympische Bühne ergeben. "Das ist eine weltweite Bewegung. Unsere Aufgabe besteht also darin, dieses Wachstum mitzuerleben, die Kraft dieses Wachstums zu nutzen und neue Chancen in der Welt des Flag Footballs zu schaffen", sagt der 40-Jährige.
Für ihn soll Los Angeles 2028 dabei erst der Anfang sein. Das große Ziel sei, sich dauerhaft in den olympischen Spielen zu etablieren. Innerhalb des Verbands richtet sich der Blick deshalb bereits auf die Spiele 2032 in Brisbane. Zugleich soll das Programm weltweit ausgebaut werden. Mittlerweile zählt die IFAF mehr als 80 Mitgliedsverbände und startet immer neue Entwicklungsprogramme - unter anderem in Afrika.
Auch die Anerkennung der NCAA und die Möglichkeit für Athleten und Athletinnen en Sport auf College-Ebene auszuüben, sei ein riesiger Schritt in die richtige Richtung, ordnet Trochet die Entwicklungen ein: "Wir bauen hier ein ganzes Ökosystem auf."
Mit Blick auf die Weltmeisterschaft in Düsseldorf hofft Trochet, dass vor allem eines in Erinnerung bleibt: "Ich möchte lesen: 'Wow, das war toll.' Dass die Leute sagen: Flag Football ist die spannendste Sportart überhaupt und wird uns noch lange begleiten."
Lea Graepler