20.05.2025
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Die Cleveland Browns stehen vor einem gravierenden Umbruch. Kader und Salary Cap für 2026 bieten viel mehr Löcher als Lösungen, und die Quarterback-Frage ist einmal mehr offen. Die Browns erwarten dabei auch von ihren Fans viel - weil sie erst jetzt so richtig die Folgen des Horror-Trades zu spüren bekommen.

Der englische Philosoph Sir Francis Bacon nutzte die folgende Geschichte, um eine seiner Lebenslektionen mundgerecht zu verpacken:
Als er eines Tages in London an einigen Fischern vorbeikam, die sich gerade an die Arbeit machten, sagte er, dass er ihren heutigen - noch ungewissen - Fang gerne im Vorhinein kaufen würde. Bacon fragte die Fischer nach dem Preis, woraufhin er die Summe von 30 Schilling genannt bekam. Bacon bot zehn Schilling, was die Fischer ablehnten und sich stattdessen ihrer Arbeit zuwandten.
Die etwas später eingeholten Angeln waren jedoch leer. Woraufhin Bacon sie abermals ansprach und fragte, ob sie jetzt nicht sauer seien, dass sie das Angebot nicht angenommen haben. Sie hätten immerhin zehn Schilling haben können - jetzt hatten sie nichts. "Ay", antwortete ein Fischer, "aber wir hatten da noch gehofft, dass wir mehr fangen würden."
Bacons Antwort: "Die Hoffnung ist ein gutes Frühstück, aber sie ist ein schlechtes Abendbrot."
Dabei handelt es sich um eine erfundene Geschichte. Ein Mittel, um ein Bild zu zeichnen und um eine Lektion möglichst anschaulich zu vermitteln. Und das gelingt, denn der Kern der Botschaft lässt sich sehr einfach übertragen: Es ist viel leichter, Hoffnung zum Start als Motivation und Antrieb zu nutzen. Ungleich schwieriger ist es, wenn am Ende nichts als die Hoffnung übrig ist. Wenn man nichts Zählbares daraus gemacht hat.
Das Hauptgeschäft der NFL in der Offseason ist es gewissermaßen, das Gefühl zu verkaufen, das der Fischer in Bacons Geschichte anfangs noch reichlich hatte.
Denn in der Free Agency und im Draft kann sich Jahr für Jahr fast jede Fanbase einreden, dass dieses Jahr die richtigen Moves geklappt haben, dass es dieses Jahr endlich reichen wird. Für die Playoffs, für den Playoff-Run, für den Titel, je nach Ausgangslage. "Why not us" als geflügeltes Wort für die Monate März bis August.
Keine Fanbase hat mehr Erfahrung in diesem Thema als die der Cleveland Browns. Es ist noch keine zehn Jahre her, als die Browns eine Saison mit einem Sieg beendeten - nur um im Jahr darauf sieglos zu bleiben. Ein Sieg über zwei Jahre, das strapaziert auch die geduldigste Fan-Seele.
Aber das Prinzip Hoffnung war in jenen Jahren umso elementarer. Mit zwei aufeinanderfolgenden Nummer-1-Picks wählte Cleveland erst Myles Garrett, dann Baker Mayfield aus. Auch Denzel Ward, Nick Chubb und David Njoku waren in den beiden Draft-Klassen nach jener 2016er und 2017er Saison. Das waren die Drafts, durch die aus der Hoffnung am Morgen ein reichhaltiges Abendessen werden sollte.
Und zum Teil klappte das auch. Die Browns kamen 2020 in die Playoffs und schalteten dort sogar die Steelers aus, sie waren in den Jahren nach 2016 und 2017 ein Team im Aufwind, das mit Moves wie dem Trade für Odell Beckham die Hoffnung in ungekannte Höhen trieb.
Doch als der nächste Schritt ausblieb und der Fortschritt stagnierte, setzte man in Cleveland alles auf eine Karte: Die Browns trennten sich von Baker Mayfield, sie holten Deshaun Watson via Trade. Ein äußerst umstrittener Move, angesichts der genauso zahlreichen wie schweren Off-the-Field-Vorwürfe, die bereits damals gegen Watson im Raum standen.
Cleveland gab Watson im Zuge dieses Trades nicht nur einen historischen, vollständig garantierten 230-Millionen-Dollar-Vertrag, sondern tradete auch drei Erstrunden-Picks nach Houston. Die Entscheidung, Watson zu holen, entpuppte sich nicht nur als sportliches Desaster - der mittlerweile 29-Jährige kam nie wieder an sein Texans-Leistungsniveau heran, während, zu allem Überfluss, Mayfield in Tampa Bay einen zweiten Karriere-Frühling erlebt -, sondern durch das Gesamt-Investment auch zu einem Desaster in puncto Roster Building.
Wenn man heute auf den Browns-Kader schaut, dann fallen zwei Dinge auf, die in Kombination unterstreichen, an was für einem katastrophalen Punkt sich das Team nicht nur für 2025, sondern auch perspektivisch befindet: Cleveland fehlen die jungen, kostengünstigen Spieler. Ohne Picks in den ersten Runden des 2022er, 2023er und 2024er Drafts fehlen auch weitestgehend die Impact-Spieler aus diesen Klassen. Gleichzeitig wollte Cleveland in das vermeintliche Fenster mit Watson investieren und schob Cap-Hits in die Zukunft, um ein möglichst starkes Team aufzubauen.
Und die Browns haben dabei ihre Salary-Cap-Kreditkarte bis ans Limit ausgereizt.
Nach der kommenden Saison enden Stand heute die Verträge von unter anderem Wyatt Teller, David Njoku, Ethan Pocic, Joel Bitonio, Jordan Hicks, Shelby Harris, Teven Jenkins, Joe Tryon-Shoyinka und - sollte er nicht vorher noch getradet werden - Greg Newsome. Newsome ist unter anderem deshalb ein Trade-Kandidat, weil er 2025 auf seiner Fifth-Year-Option spielt, die im Zuge eines Trades komplett aus den Büchern verschwinden würde. Und vielleicht brauchen die Browns diesen finanziellen Spielraum.
Denn all die anderen gerade aufgelisteten angehenden Free Agents haben nicht einfach nur auslaufende Verträge nach der kommenden Saison. Bei allen haben die Browns Void-Jahre an das Ende der Vertragslaufzeit gebaut, um über die letzten zwei Jahre Cap-Spielraum zu bekommen.
Sprich: Diese Spieler werden Free Agents, sie stehen aber noch mit gehörigen Summen für 2026 in den Büchern.
Um es mal mit einer Zahl auf den Punkt zu bringen: Rund 97 Millionen Dollar des 2026er Browns-Caps werden von Void Years aufgefressen. Der 2026er Cap wird in der Prognose auf etwa 295 bis 300 Millionen Dollar geschätzt, wenn wir aus Browns-freundlicher Perspektive mal die runde Zahl von 300 Millionen Dollar nehmen, ist in Cleveland ziemlich genau ein Drittel des Salary Caps 2026 allein nur durch Void Years belegt.
Dazu kommen Dead Cap Hits von Dalvin Tomlinson (12,1 Mio. Dollar) und Juan Thornhill (5,6 Mio. Dollar) und schon sprechen wir über 115,2 Millionen Dollar Cap Space für Spieler, die 2026 nicht mehr unter Vertrag stehen.
Mit dem einen oder anderen Spieler aus dieser Liste werden die Browns vermutlich verlängern, was Void Years nach hinten schieben und den Cap Hit für 2026 senken wird. David Njoku (24,3 Mio. Dollar Cap Hit via Void Years) und Joel Bitonio (23,5 Mio.) stehen finanziell gesehen an der Spitze, zumindest mit einem der beiden nochmals zu verlängern würde schon weiterhelfen.
Aber das geht auch über in die größere sportliche Thematik von alledem: Die Browns haben kein Geld, und sie haben keine Spieler.
Das ist natürlich etwas überspitzt, aber wenn man den 2026er Kader anschaut, wie er Stand heute aussehen würde, dann stehen folgende Leistungsträger noch unter Vertrag: Myles Garrett, Denzel Ward, Jerry Jeudy, Grant Delpit. Das wars. 32 Spieler stehen für nächstes Jahr unter Vertrag, dennoch befindet sich Cleveland rund sechs Millionen Dollar über dem prognostizierten Cap. Und einen Quarterback haben die Browns immer noch nicht.
Die gesamte Starting Offensive Line abgesehen von Dawand Jones wird Free Agent, in der Front sind es die Linebacker Jordan Hicks und Jerome Baker, Defensive Tackle Shelby Harris sowie die Edge-Rotationsspieler Ogbo Okoronkwo, Joe Tryon-Shoyinka und Julian Okwara. In der Secondary zwei der drei Starting-Cornerbacks, mit Greg Newsome und Martin Emerson.
Mit fünf Top-100- sowie insgesamt sieben Top-150-Picks aus dem diesjährigen Draft kommt eine große Draft-Klasse jetzt neu dazu. Die Hoffnung ist natürlich, dass hier drei, vielleicht vier kostengünstige Starter dabei sind, die schon ab 2026 dann Teil des neuen Kerns sind.
Das gilt definitiv für Defensive Tackle Mason Graham, Linebacker Carson Schwesinger und Running Back Quinshon Judkins, die ersten drei Picks. Es macht aber auch die Strategie im Draft, zwei Running Backs auszuwählen und generell mit den ersten Picks wenig Fokus auf Positional Value zu legen, umso kurioser: Kein Team braucht dringender Leistungsträger auf Premium-Positionen, die auf einem Rookie-Vertrag spielen.
Der alles auffressende Elefant im Raum ist dabei noch gar nicht erwähnt: Deshaun Watsons Cap Hit für 2026 beträgt 80,7 Millionen Dollar. Diese Zahl könnte jedoch erheblich geringer ausfallen, da die Browns eine Versicherung für den Fall einer langwierigen Verletzung abgeschlossen haben. Und da Watson sich gerade von einem erneuten Eingriff an der Achillessehne erholt, ist es nicht unrealistisch, dass der Quarterback in der kommenden Saison überhaupt nicht spielen wird.
In Summe könnten die Browns im Höchstfall Berichten zufolge knapp 60 Millionen Dollar für den 2026er Cap dadurch "zurück bekommen", womit Cleveland die Trennung von Watson endlich in die Wege leiten könnte. Eine Post-June 1 Entlassung wäre in dem Szenario selbst für die Cap-klammen Browns problemlos durchführbar und Cleveland hätte für die kommende Offseason einen gewissen finanziellen Spielraum. Zwar keinen Quarterback und vermutlich mehr prominente Baustellen als jedes andere Team, aber immerhin neue Möglichkeiten. Oder auch: Hoffnung.
Es wäre der Schlussstrich unter dem übelsten Trade zumindest mal der jüngeren NFL-Geschichte. Aber eben auch nur der Schlussstrich konkret was die Personalie Deshaun Watson angeht. Denn all die diesen Trade begleitenden Konsequenzen fallen dieses und dann vor allem nächstes Jahr erst so richtig ins Gewicht: Die Cap-Problematik, der ausgedünnte Kader, der Mangel an Impact-Spielern auf dem Rookie-Vertrag.
Aus einem Team, das, wenn wir uns exakt drei Jahre in die Vergangenheit versetzen, 2023 und 2024 um den Super Bowl mitspielen sollte, ist stattdessen ein Team geworden, das in der vergangenen Saison endgültig einbrach. Und das jetzt einen Rebuild angehen muss. Mal wieder.
Zwei Dinge aus der aktuellen Offseason stehen dabei sinnbildlich für die Browns. Denn Cleveland versucht einmal mehr, den eigenen Fans das Prinzip Hoffnung zu verkaufen. Mit dem Trade zu Beginn des Drafts sicherten sich die Browns zwar einen Erstrunden-Pick nächstes Jahr, was vielleicht die notwendige Munition sein könnte, um dann endlich den Quarterback zu finden, nach dem diese Stadt seit Jahrzehnten sucht.
Dafür aber verzichteten sie auf Travis Hunter, der sich durchaus als größter Superstar dieses Drafts entpuppen könnte. Als die Browns einen solchen Move zuletzt machten, waren es die Atlanta Falcons, die für Julio Jones hoch gingen. Cleveland verzichtete auf den künftigen Superstar-Receiver, sammelte Munition und viel Hoffnung für den kommenden Draft ein - und machte aus diesen Picks nichts.
Der andere sinnbildliche Punkt ist die Art und Weise, wie Clevelands Quarterback Room jetzt aussieht. Watson angesichts der Verletzung mal ausgeklammert bleiben: Joe Flacco, Kenny Pickett, Shedeur Sanders und Dillon Gabriel.

Vermutlich würde keiner dieser Quarterbacks für ein anderes Team starten, wenn man ihn heute dorthin traden würde. Ein fitter Deshaun Watson inklusive. In Cleveland hofft man darauf, dass vielleicht einer der beiden Rookies einschlägt und sich als Starter für die nächsten Jahre entpuppt. Genau wie man hofft, dass die Entscheidung, Travis Hunter für Mason Graham und den Erstrunden-Pick nächstes Jahr aufzugeben, sich nicht als Fehler entpuppt. Weil man eben hofft, dass mit dem Draft nächstes Jahr wirklich alles anders werden könnte.
Um zur Geschichte von Sir Francis Bacon zurückzukehren: Die Browns verlangen von ihren Fans schon viel zu lange, auf dem Prinzip Hoffnung zu überleben. Und was in der Offseason - gewissermaßen das Frühstück des NFL-Kalenders - funktioniert, stößt auf harte Realität, wenn man im Dezember zum Abendessen mal wieder vor einem leeren Teller steht.
Vielleicht ist der Ausgang dieses Mal besser. Doch die Realität, sowohl was die Erfahrung angeht, als auch mit Blick auf den Kader und die Cap-Situation 2026, legt nahe, dass selbst eine Besserung mit mehreren Draft-Treffern mindestens zwei Jahre Zeit brauchen wird.
2025 ist ein Übergangsjahr, das steht außer Frage. Ausgerichtet war die Strategie der diesjährigen Offseason auf die Offseason 2026. Doch damit hangeln sich die Browns schon von vornherein von Frühstück zu Frühstück. Und der Magen knurrt.
Adrian Franke