25.01.2026
Als ein Backup den GOAT schlug
Die NFL ist eine Liga der Chancengleichheit - und genau deshalb manchmal vollkommen irrational. Vor acht Jahren passierte etwas, das eigentlich nicht passieren dürfte: Ein Backup-Quarterback besiegte den größten Spieler aller Zeiten im Super Bowl. Nick Foles gegen Tom Brady. Eine Geschichte, die jeder Logik widerspricht. Und genau deshalb heute, im AFC Championship Game der Denver Broncos, wieder erstaunlich aktuell ist.

Die NFL ist bewusst so gebaut, dass Dominanz eigentlich nicht existieren sollte. Salary Cap, Draft-Reihenfolge, Spielplan - alles zielt darauf ab, jedes Jahr möglichst vielen Teams eine faire Chance auf den Super Bowl zu geben. Und doch entstehen immer wieder Dynastien, die diese Mechanismen aushebeln. Über Jahre waren es die New England Patriots, später die Kansas City Chiefs.
Ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt die Dimension dieser Dominanz: Seit 2011 stand in jedem AFC Championship Game entweder ein Patriots- oder ein Chiefs-Team. Der Hauptgrund dafür trägt einen Namen: Tom Brady. Sieben Super-Bowl-Titel, zwei Jahrzehnte Konstanz, zahllose Playoff-Siege gegen die besten Quarterbacks seiner Generation. Brady nahm Aaron Rodgers, Drew Brees, Ben Roethlisberger und Peyton Manning immer wieder die Chance auf weitere Titel.
Und dann kam Nick Foles.
Nick Foles ist eigentlich das Gegenteil eines NFL-Superstars. Elf Jahre Karriere, 58 Spiele als Starter, aber nie mehr als elf Starts in einer einzigen Saison. Er war fast seine gesamte Laufbahn Backup oder Bridge Quarterback. Ein Spieler, der hier und da gute Spiele zeigte, aber nie gut genug war, um dauerhaft als Franchise-Quarterback zu gelten.
Seine Karriere führte ihn mehrfach zu den Philadelphia Eagles, zwischendurch zu den St. Louis Rams, den Kansas City Chiefs, später nach Chicago und Indianapolis. Seine Gesamtzahlen zeichnen ein klares Bild: 93 Touchdowns, 52 Interceptions, knapp 63 Prozent Completion Rate. Würde man diese Zahlen auf eine durchschnittliche Regular Season hochrechnen, käme man auf rund 3400 Yards, 20 Touchdowns und 11 Interceptions - solide, aber austauschbar. Vergleichbar mit dem, was Jacoby Brissett in einer guten Backup-Saison dieses Jahr geliefert hat.
Nichts an dieser Vita schreit nach Legende. Und doch wurde er eine.
Die Philadelphia Eagles gingen 2017 mit Carson Wentz als Starter in die Saison. Wentz spielte in seinem zweiten NFL-Jahr auf MVP-Niveau, Philadelphia war eines der besten Teams der Liga. Doch dann kam Woche 14 gegen die Rams der Schock: Kreuzbandriss vom Franchise-QB, Saisonende. Nick Foles übernahm.

Die ersten Wochen gaben wenig Anlass zur Hoffnung. Zwar glänzte er gegen die Giants mit vier Touchdowns, doch in den letzten beiden Regular-Season-Spielen brachte er es zusammen gerade einmal auf knapp 200 Yards, einen Touchdown und zwei Interceptions. Die Eagles gingen mit 13-3 in die Playoffs - doch aufgrund des Backup-Quarterbacks wurde das Team deutlich weniger gefürchtet, als es der Record vermuten ließ.
In der Divisional Round gegen Atlanta spielte Foles unauffällig, doch seine Fehler wurden nicht bestraft. Endstand 15:10, Sieg und eine Runde weiter. Und dann geschah das Unfassbare - beginnend im NFC Championship Game.
Foles zerlegte die Minnesota Vikings im Halbfinale. 352 Yards, drei Touchdowns, keine Interception. 38:7. Plötzlich stand ein Team mit Backup-Quarterback im Super Bowl.
Und dort wartete niemand Geringeres als die Patriots. Brady. Die Dynastie. Und Foles spielte noch besser. 373 Yards, drei Passing-Touchdowns, dazu ein selbst gefangener Touchdown beim legendären "Philly Special" bei einem vierten Versuch kurz vor der Halbzeit. Die Eagles gewannen 41:33 und schlugen damit nicht nur den größten Quarterback aller Zeiten, sondern holten auch den ersten Super-Bowl-Titel der Franchise-Geschichte. Nick Foles wurde zur Legende - und später völlig zurecht Super-Bowl-MVP.
Ein Backup-Quarterback hatte den GOAT Tom Brady in einem Shootout auf der größten Bühne der Welt geschlagen. Eine Geschichte, die der Logik der NFL komplett widerspricht - und sie gleichzeitig perfekt erklärt.

Acht Jahre später steht die NFL erneut vor einem ähnlichen Szenario. Die Denver Broncos spielen im AFC Championship Game - ohne ihren Starting-Quarterback Bo Nix. Stattdessen startet Jarrett Stidham. Ein weiterer Backup. Ein weiterer "Average Joe".
Die Parallelen sind offensichtlich: ein verletzter Starter, ein erfahrener Head Coach, eine starke Defense - und ein Quarterback, von dem niemand erwartet, dass er Geschichte schreibt. Genau das macht die Nick-Foles-Story heute so relevant. Sie erinnert daran, dass diese Liga trotz aller Dominanzphasen Raum für das Unmögliche - und immer wieder auch für das Unerklärliche - lässt.
Die Nick-Foles-Geschichte ist nicht deshalb so besonders, weil sie wahrscheinlich ist - sondern weil sie eigentlich unmöglich war. Und doch ist sie passiert. Genau das macht die NFL einzigartig. Sie schafft Strukturen für Chancengleichheit, wird aber immer wieder von Ausnahmemomenten überrollt.
Das System der Liga will Dominanz verhindern - und doch geben Elite-Quarterbacks Jahr für Jahr ihren Teams einen extrem stabilen Floor. Dass Tom Brady und heute auch Patrick Mahomes dieses System über Jahre hinweg ausgehebelt und Dynastien aufgebaut haben, ist nichts weniger als außergewöhnlich. Dass dann ausgerechnet ein Backup-Quarterback an dieser Legacy kratzt, macht die Geschichte noch absurder.
Und um dem Ganzen die Krönung aufzusetzen: Nick Foles wurde nach diesem Spiel zwar zur NFL-Legende, doch das änderte wenig an seiner restlichen Karriere. Er wurde danach wieder das, was er im Kern immer war - Nick Foles, der Backup-Quarterback, der nie gut genug für den Status eines Franchise-QBs war. Er wurde wieder "Average Joe".
Ob Jarrett Stidham tatsächlich seinen inneren Nick Foles findet, bleibt offen. Wahrscheinlich ist es nicht. Aber die NFL hat oft genug bewiesen, dass "wahrscheinlich" manchmal keine Rolle spielt. Und allein diese Möglichkeit reicht aus, um die vielleicht kurioseste Geschichte der Ligageschichte noch einmal lebendig werden zu lassen.
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val