11.02.2026
Er soll die Raiders retten
Klint Kubiak kommt mit einem Super-Bowl-Ring nach Las Vegas - und mit einem kompletten Football-Stammbaum im Gepäck. Vom Offensive Coordinator des besten Teams der Liga zum Chef eines Franchises mit First-Overall-Pick: Der 38-Jährige steht sinnbildlich für den Spagat zwischen Titelglanz und Total-Neuaufbau. Und er hat sich entschieden, ohne Pause vom einen Extrem ins andere zu springen.

Bei den Kubiaks ist Football kein Beruf, sondern Familienerbe. Vater Gary Kubiak war über ein Jahrzehnt Head Coach in der NFL, führte die Houston Texans zu zwei Divisionstiteln und gewann mit den Denver Broncos Super Bowl 50. Er gilt als einer der zentralen Architekten der modernen Shanahan/Kubiak-Offense und als Mentor einer ganzen Generation von Top-Coaches: Kyle Shanahan, Matt LaFleur, Mike McDaniel, Robert Saleh oder Vance Joseph.
Nun reiht sich auch sein Sohn in diese Linie ein. Mit Klints Verpflichtung schreiben die Raiders sogar ein Stück NFL-Geschichte: Gary und Klint Kubiak sind das zehnte Vater-Sohn-Gespann, das es bis zum Head-Coach-Posten schafft - und das erste, bei dem beide einen Super Bowl gewonnen haben.
Und die Football-Prägung der Familie reicht sogar noch weiter. Bruder Klay Kubiak arbeitet als Offensive Coordinator der San Francisco 49ers, Bruder Klein ist National Scout bei den Dallas Cowboys. Las Vegas bekommt also nicht nur einen Trainer mit Football in den Adern, sondern mit ihm die gebündelte Erfahrung mehrerer Generationen.
Bemerkenswert: Kubiaks Ursprung liegt - trotz seiner großen Erfolge als Offensive Coordinator - nicht in der Offense. In der Highschool in Denver spielte er sowohl Wide Receiver als auch Defensive Back, am College an der Colorado State University lief er als Safety auf. In 34 Spielen sammelte er 111 Solo Tackles, sieben Tackles for Loss und drei Interceptions, wurde im Senior Year sogar Teamkapitän.
Erst nach dem College wechselte er endgültig auf die andere Seite des Balls. Sein erster Trainerjob führte ihn als Offensive Quality Control Coach zu Texas A&M - der Beginn einer Laufbahn, die ihn heute zu einem der spannendsten jungen Offense-Minds der Liga macht.
Kubiak war allerdings einmal kurz davor, dem Coaching komplett den Rücken zu kehren. Nach seiner ersten Station bei Texas A&M stieg er aus dem Trainerjob aus und nahm in Texas eine Stelle bei einem Ölfeld-Dienstleister an. Ein finanziell durchaus lukrativer Weg, noch dazu in einem Umfeld, das viele im Bundesstaat als "sichere Karriere" betrachten.
Zwei Wochen später bekam er jedoch einen Anruf, der alles veränderte: Ein ehemaliger Wide Receiver aus seiner Zeit bei A&M meldete sich. Jemand, von dem Kubiak sicher war, dass er ihn eher verflucht als vermisst. Stattdessen bedankte sich der Spieler: Danke für die harte Arbeit - dafür, dass du mich besser gemacht hast.
In diesem Moment, so erzählte Kubiak später, wurde ihm klar, was er aufgegeben hatte: Beziehungen, Entwicklung, die Möglichkeit, Menschen zu prägen. Am nächsten Tag kündigte er seinen Job im Öl-Business und nahm wenig später eine Stelle als Offensive Quality Control Coach bei den Minnesota Vikings an.

"Du baust echte Beziehungen auf und darfst Football unterrichten - nicht irgendein Schulfach", sagte Kubiak rückblickend. "Ich wollte nicht mehr im Ölfeld-Geschäft herumprobieren." Es war der entscheidende Schritt zurück dorthin, wo er wirklich hingehört.
Mit nur 38 Jahren bringt Kubiak bereits Big-Game-Erfahrung mit, von der viele ältere Coaches nur träumen. 2023 arbeitete er als Passing Game Coordinator der San Francisco 49ers, führte gemeinsam mit Kyle Shanahan eine 12-5-Offense bis in den Super Bowl LVIII. Unter seiner Mitwirkung spielte Brock Purdy eine Saison auf MVP-Niveau: 4280 Passing Yards, 31 Touchdowns, 69,4 Prozent Completions.
Das Ende war bitter - eine 22:25-Overtime-Niederlage gegen Kansas City. Ausgerechnet im Allegiant Stadium in Las Vegas. Genau dort, wo Kubiak nun seine neue Heimat findet.
Zwei Jahre später kehrte er zurück, diesmal als Offensive Coordinator der Seattle Seahawks. Mit ihm als Playcaller gingen die Seahawks 14-3, holten ihren ersten Divisionstitel seit 2020, führten die Liga im Punktedifferential an und landeten offensiv in den Top Ten bei Yards und Punkten. In den Playoffs erzielte Seattle im Schnitt fast 34 Punkte pro Spiel und krönte den Run mit einem 29:13-Sieg über die Patriots im Super Bowl LX.
Von der schmerzhaften Erfahrung 2023 zur Meister-Offense 2025 - Kubiak hat gezeigt, dass er schnell lernt und auf höchstem Niveau nachjustiert. Und fühlt sich nun bereit für den nächsten Schritt als Head Coach der Raiders. Las Vegas ist damit bereits das sechste Team in sechs Jahren, für das Kubiak arbeitet: Vikings, Broncos, 49ers, Saints, Seahawks - nun Black & Silver. Viele Wechsel lagen dabei außerhalb seiner Kontrolle.
Trotz dieser Turbulenzen ist seine Bilanz konstant. In den vergangenen fünf Jahren erzielten seine Offenses im Schnitt 23,82 Punkte pro Spiel. Ein Wert, der deutlich über dem liegt, was die Raiders zuletzt regelmäßig anbieten konnten. Das spricht für ein stabiles Scheme und eine klare Idee in der Quarterback- und Skill-Player-Entwicklung.
Vielleicht am spannendsten ist die besondere Dynamik dieses Wechsels: Kubiak kommt direkt vom besten Team der Liga - Super-Bowl-Champion, strukturierte Organisation, klarer Plan - zum schlechtesten Team der Vorsaison, das den First Overall Pick besitzt und seit Jahren nach der eigenen Identität sucht.
Statt Seahawks-Party und Pause entschied er sich für den sofortigen Neubeginn. Vollzeit-Präsenz, Aufbau von Grund auf, in einem Franchise, das zuletzt vor allem durch Chaos und Trainerwechsel auffiel.
Kubiaks Philosophie passt dazu: Eine physische Offense, viel Play-Action, klare Reads für den Quarterback, Dominanz an der Line of Scrimmage. Genau dieses Modell funktionierte in Seattle - mit einem unterschätzten Quarterback und einem jungen Kader. Und soll nun auch in Las Vegas greifen -(Höchstwahrscheinlich) mit Rookie-Quarterback Fernando Mendoza, Tight-End-Talent Brock Bowers, Defensiv-Leader Maxx Crosby und einem Ownership-Umfeld um Mitbesitzer Tom Brady, das auf klaren, strukturierten Football setzt.
Kubiaks Weg - vom Safety zum Offense-Designer, vom Ölfeld zurück in den Meeting Room, vom Sohn eines Super-Bowl-Coaches zum eigenen Ringträger - macht ihn jedenfalls zu einer der spannendsten Figuren dieses Coaching-Zyklus. In Las Vegas wird sich zeigen, ob eine Football-Familie, ein Super-Bowl-Ring und ein klares System reichen, um aus dem tiefsten Keller der NFL wieder ein ernstzunehmendes Football-Team zu formen.
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mhh