vor 12 Stunden
Dembélé, Bell und Co.
Eine Situation vor der sich jeder Sportfan fürchtet: Der eigene Lieblingsspieler möchte den Verein verlassen und erscheint nicht mehr zu Trainingseinheiten oder sogar zu Spielen. Was im Fußball eher zur Seltenheit gehört, wird in der NFL häufiger als Druckmittel gegen die Verantwortlichen genutzt.

Ein ganz normaler Trainingstag und alle Spieler sind bereit für eine schweißtreibende Einheit. Doch ein Spieler fehlt. Er hat sich bewusst gegen das Training entschieden, um ein Zeichen zu setzen. Die Gründe für einen im amerikanischen Sport genannten "Holdout" können vielfältig sein, sind aber in fast allen Sportarten meist die gleichen: Der Spieler fordert einen Transfer oder mehr Gehalt.
Transfers verlaufen in der NFL ganz anders als beispielsweise im europäischen Fußball. Während in der NFL Trades, also Tauschdeals, abgeschlossen werden müssen, ist die Währung im Fußball fast immer eine Ablösesumme. Eines der bekanntesten Beispiele im deutschen Fußball war Ousmane Dembélé von Borussia Dortmund. Der junge Franzose hatte erst eine Saison beim Erstligisten gespielt - seine Leistung in dieser einen Saison war allerdings phänomenal. Daraufhin drängte der junge Starspieler auf einen Transfer im Sommer 2017.
Als der BVB jedoch keine großen Anstalten machte, ihn zu verkaufen und sogar ein zu geringes Angebot des FC Barcelona ablehnte, erschien Dembélé unentschuldigt nicht mehr beim Training. Nach circa zwei Wochen nervöser Anspannung bei allen Beteiligten nahm der BVB ein verbessertes Angebot der Katalanen an und ebnete Dembélé den Weg für einen Wechsel.
Neben dem verbesserten Angebot durch Barcelona wird auch der steigende Druck aufgrund von Dembélés Fehlen eine große Rolle gespielt haben. Denn einen unzufriedenen Spieler zu halten, gefährdet das gesamte Mannschaftsklima und die Stimmung im Verein. Von den Fans sowie den Verantwortlichen des BVB wurde Dembélés Verhalten allerdings äußerst kritisch betrachtet.

In der NFL sind Trades zwar nicht selten, kommen aber bei weitem nicht in einer Häufigkeit vor wie im Fußball. Da Transfers keine Rolle spielen, bleibt Spielern keine andere Möglichkeit, als einen Trade zu fordern, wenn sie das Franchise verlassen möchten. Um ähnlich wie Dembélé beim BVB einen Trade zu erzwingen, bleiben Spieler häufig vom Training fern. Dabei gibt es besonders in der Offseason einige Unterschiede.
In der NFL wird zwischen verpflichtenden und freiwilligen Trainingseinheiten unterschieden. Bei den freiwilligen wird zwar erwartet, dass die meisten Spieler an diesen Übungen teilnehmen, vertraglich dazu verpflichtet sind sie allerdings nicht. Im Gegensatz dazu müssen Athleten, die den verpflichtenden Trainingseinheiten fernbleiben, eine vertraglich festgesetzte Strafe zahlen. Besonders Starspieler nehmen diese Strafzahlungen jedoch häufig in Kauf.
Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist Dexter Lawrence. Der Star-Verteidiger der New York Giants hatte einen Trade von seinem Team gefordert und angekündigt an den verschiedenen Trainingseinheiten nicht teilnehmen zu wollen. Das New Yorker Franchise kam dem Wunsch des Spielers nach und transferierte ihn zu den Cincinnati Bengals, die im Gegenzug einen Erstrundenpick an die Giants abgeben mussten.
Während es im Fußball eher unüblich ist, dass Spieler aufgrund von höheren Gehaltsforderungen Trainingseinheiten aussetzen, ist diese Vorgehensweise in der NFL gang und gäbe. Viele NFL-Spieler, die einen neuen Vertrag fordern, oder mehr verdienen möchten, nehmen an den Trainingseinheiten der Offseason nicht teil, bis die Verhandlungen mit dem Franchise für sie zufriedenstellend abgeschlossen sind. Dabei schrecken einige Spieler nicht davor zurück, bis kurz vor Saisonstart an keinem einzigen Training teilzunehmen und große Summen an Strafzahlungen für die Abwesend bei verpflichtenden Einheiten zu zahlen.
Im Normalfall bleiben NFL-Spieler nur dem Training in der Offseason und der Preseason fern und einigen sich vor Saisonstart mit ihrem Team auf einen neuen Vertrag. Doch es gab in der Vergangenheit auch immer wieder Extremfälle, die zu drastischen Maßnahmen führten. Matthew Judon beispielsweise verhandelte in der Offseason 2024 mit den Patriots über eine Vertragsverlängerung. Da es zu keiner Einigung kam, tradeten ihn die Patriots kurzerhand zu den Atlanta Falcons. Das Starspieler ihren Drohungen auch Taten folgen lassen, zeigt die Situation um Chris Jones. Das Herzstück der Chiefs-Defense forderte eine Gehaltserhöhung und spielte weder in der Preseason noch in Woche 1 der Regular Season, bis ihm die Chiefs entgegenkamen und eine Gehaltserhöhung anboten. Nach der Unterzeichnung des verbesserten Vertrages spielte Jones den Rest der Saison normal im Team.

Das bekannteste Beispiel für einen Spieler, der mit einem Holdout seine Karriere schädigte, ist Le’Veon Bell. Der dreimalige All-Pro-Running-Back weigerte sich, den Franchise Tag zu unterschreiben, den ihm die Steelers angeboten hatten, und versuchte, einen langfristigen Vertrag zu erzwingen. Der angebotene Fünfjahresvertrag der Steelers war Bell allerdings zu wenig und so spielte er in der Saison 2018 kein einziges Spiel für das Franchise. Die Steelers ersetzten Bell durch James Conner und für Bells Karriere begann eine steile Talfahrt. Er konnte nie wieder an seine erfolgreiche Saison anknüpfen und betrat 2021 zum letzten Mal ein NFL-Feld. Was eine der besten Running-Back-Karrieren der NFL-Geschichte hätte werden können, wurde zu einer der tragischsten Downfalls im professionellen Sport.
nhu