20.05.2026
Fan-Kolumne
Der NFL Draft ist vorbei und die Hoffnungsträger tragen ihre neuen Jerseys. Darunter auch die Draftklasse der Chicago Bears. Ryan Poles und Ben Johnson haben keinen spektakulären Splash-Draft hingelegt. Stattdessen entschieden sich die Bears für etwas deutlich Nachhaltigeres: Sie drafteten gezielt Spieler, die klare Rollen erfüllen und das Fundament dieses Teams stabilisieren sollen.

Jedoch wirft die Klasse angesichts der Needs, die außerhalb des Front Offices von nahezu jedem erkannt wurden, einige Fragen auf. Genau deshalb lohnt es sich, einmal genau auf die gesamte Klasse zu schauen.
Der Name, der dabei über allem steht, ist Safety Dillon Thieneman. Der First Round Pick aus Oregon verkörpert nahezu perfekt das, was den Bears nach dem Abgang von Kevin Byard III gefehlt hat und bedient zugleich einen absoluten Need auf der zweiten Safety-Position. Instinkte, Reichweite, Spielintelligenz und Geschwindigkeit. Thieneman ist kein klassischer Box-Safety, der primär über Härte kommt. Seine größte Stärke ist vielmehr die Art, wie schnell er Spielzüge diagnostiziert. Er liest Quarterbacks hervorragend, antizipiert Routen und spielt mit enormer Übersicht. Genau deshalb passt er ideal neben Coby Bryant.
Besonders interessant ist dabei, dass Thieneman der Defense sofort eine neue Flexibilität geben könnte. Defensive Coordinator Dennis Allen liebt variable Coverages und Safeties, die unterschiedliche Rollen übernehmen können. Thieneman bringt genau diese Vielseitigkeit mit. Single-High, Split-Safety, Nickel-Rotationen - all das dürfte früh Teil seines Einsatzgebietes werden. Die Bears haben mit ihm keinen reinen Need gepickt. Sie haben sich einen potenziellen neuen Leader für ihre Secondary geholt.
Mindestens genauso wichtig könnte allerdings Logan Jones werden. Der ehemalige Iowa-Center passt dabei nahezu prototypisch in das Profil, das Ben Johnson für seine Offensive Line sucht. Intelligent, beweglich und technisch sauber. Jones ist kein dominanter Power-Blocker, der Defensive Tackle physisch zerstört. Seine Stärke liegt vielmehr in seiner Athletik im Run-Game und seiner Fähigkeit, Blocks auf dem zweiten Level zu setzen. Gerade in Outside-Zone-Konzepten dürfte er früh eine Rolle spielen.
Nach dem überraschenden Karriereende von Drew Dalman mussten die Bears dringend eine langfristige Lösung auf der Center-Posiiton finden. Der in der Offseason frisch getradete Garrett Bradbury mag kurzfristig Stabilität bringen, doch Jones wirkt wie der eigentliche Plan für die Zukunft.
Deshalb ist die Frage spannend, wie schnell die Bears ihm vertrauen. Sollte Jones mental schneller bereit sein als erwartet, könnte er bereits im Laufe seiner Rookie-Saison Druck auf Bradbury ausüben.
Sam Roush, Tight End aus Stanford, ist kein glamouröser Receiver, aber ein kompletter Footballspieler. Roush bringt Physis als Blocker mit, bewegt sich sauber durch die Mitte des Feldes und dürfte sofort als TE3 Snaps sehen. Besonders im Play-Action-Game und für 13-Personnel-Formationen könnte er enorm wertvoll werden. Viele Experten hatten erwartet, dass Chicago aggressiver nach einem Defensive Lineman sucht. Stattdessen entschieden sie sich für einen Tight End, der das gesamte offensive Konstrukt stabilisieren kann. Das sagt viel über die Prioritäten des Coaching Staffs aus.
Direkt danach adressierte Chicago die Wide-Receiver-Position mit Zavion Thomas von LSU. Dieser Pick dürfte bei den meisten Bears-Fans für Kopfschütteln gesorgt haben.
Thomas lebt von Explosivität, Tempo und Big Plays. Nach dem Abgang von D.J. Moore fehlte der Offense genau dieser Spielertyp. Kalif Raymond bringt zwar Speed mit, ist jedoch eher Ergänzungsspieler als eine echte offensive Waffe. Thomas könnte langfristig mehr sein.
Sein größtes Problem am College war allerdings die Konstanz. Auf spektakuläre Catches folgten zu häufig unsaubere Routen oder Konzentrationsfehler. Deshalb darf besonders dieser Pick für die Wide Receiver in der dritten Runde in Frage gestellt werden.
Für das Front Office dürften insbesondere seine Fähigkeiten als Returner ausschlaggebend gewesen sein. Für viele galt Thomas als der beste Kick bzw. Punt Returner. Genau hier wird man hoffen, dass er einschlagen und eine Position besetzen kann, die man seit Cordarelle Patterson nicht mit einem Game Changer besetzen konnte.

Der Cornerback aus Texas passt perfekt in das Profil moderner NFL-Cornerbacks. Schnell, aggressiv und extrem konkurrenzfähig am Catch Point. Gerade weil Cornerback im Vorfeld als "stiller Need" galt, wirkt dieser Pick besonders clever.
Muhammad wird vermutlich nicht sofort als Starter eingeplant sein, könnte jedoch sehr schnell Snaps in Nickel-Paketen erhalten. Seine Physis und sein Selbstvertrauen springen sofort ins Auge. Gleichzeitig ist er noch roh in seiner Technik, insbesondere gegen komplexere Route Concepts.
Mit Elliott holten sich die Bears anschließend einen Linebacker, der wie eine exakte Kopie von T.J. Edwards wirkt. Athletisch, unglaubliche Instikte, explosiv und enorm aktiv gegen den Lauf - allerdings noch mit deutlichen Schwächen in Coverage und Play Recognition. Elliott dürfte zunächst vor allem über die Special Teams kommen. Dort könnte er mit seiner Geschwindigkeit schnell auffallen.
Den wohl spannendsten Pick dürfte Ryan Poles in der sechsten Runde getätigt haben. Man hat extra für ihn hochgetradet und im Team ist man sehr aufgeregt über das Potenzial dieses Defensive Tackles mit rohen Tools und hoher Motor-Mentalität. Van Den Berg ist kein fertiger Spieler, aber er könnte direkt als Rotationsspieler mit guter Physis gegen den Lauf einsteigen. Besonders in einer Defensive Line, die dringend mehr Tiefe benötigt, könnte er überraschend früh eine Rolle finden.
Zwar kann man verblüfft sein, dass das Team aus Chicago nicht stärker in die Defensive Line investiert hat - dies war schließlich vor dem Draft eine klare Baustelle. Nachdem aber etwas Zeit ins Land gegangen ist und man die Möglichkeit hatte sich mit dem Draft der Bears tiefer zu beschäftigen, kann man klar sehen: Die Draftklasse ist gespickt mit Footballspielern, die neben ihrer hohen Athletik auch großes Potenzial mitbringen und in klare Rollen passen.
Nachdem früh viele Defensive Lineman gefallen waren, sind die Chicago Bears nicht darauf eingegangen aus Panik einen Defensive Lineman zu hoch zu draften. Sie haben mit kühlem Blick Spieler an Stellen gedraftet, wo sie entsprechendes Value gesehen haben. Das mag man sehen, wie man will.
Insofern können wir wirklich gespannt sein, ob sich die Vorgehensweise von Ryan Poles und Ben Johnson bewahrheiten wird. Am Ende des Tages gilt doch immer noch: In Ben we trust!
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Arne Kehr