22.04.2026
Fan-Kolumne
Die Ben-Johnson-Ära der Chicago Bears wurde in der vergangenen Saison offiziell eingeläutet. Eine überragende, durch eine Playoff-Teilnahme gekrönte, erste Saison des neuen Head Coaches der Bears ist vorbei. Was bleibt, sind die Erinnerungen an spektakuläre Plays, dramatische 4th-Quarter-Comebacks und die Hoffnung auf einen nachhaltigen Aufwärtstrend.

Die Highlight-Zusammenschnitte sind schön anzusehen und helfen durch die footballfreie Zeit. Jedoch bleibt für den Coaching Staff keine Zeit für Lobhudelei und Schulterklopfer: Die Augen der Verantwortlichen um Head Coach Ben Johnson und General Manager Ryan Poles sind bereits wenige Wochen nach Ende der Saison auf die Umstrukturierung des Kaders gerichtet.
Trotz des Einzugs in die Playoffs war das Roster der Chicago Bears in der letzten Saison weit davon entfernt, zur Ligaspitze zu gehören. Vor allem in der Defensive gab es viele Löcher, die zwar immer wieder durch verrückte Turnover-Statistiken ein Stück weit kaschiert wurden, jedoch das Team in der Gesamtheit immer wieder vor große Herausforderungen stellte. Die Bears führten die Liga mit 33 Takeaways an, trotzdem zählte ihre Defense zu den punkteanfälligsten der Liga.
Die Defensive Line konnte weder genügend Druck auf den gegnerischen Quarterback aufbauen, noch das Laufspiel entsprechend verteidigen. Hinzu kamen hier langwierige Verletzungen von Dayo Odeyingbo und dem Rookie Shemar Turner, sowie die frühe verletzungsbedingte Fehlzeit eines wichtigen Hoffnungsträgers in Austin Booker.
Alte Spieler gehen, neue Spieler ergänzen das Roster. Ein normales Prozedere, welches jedes Jahr wieder in jeder NFL-Franchise stattfindet. Was die Offseason der Chicago Bears in dieser Saison jedoch besonders macht, ist der Abgang vieler Führungsspieler. D.J. Moore, Tremaine Edmunds und Kevin Byard III: Allesamt verlassen die Chicago Bears und schließen sich neuen Teams an.
Auch wenn die Gründe hierfür zumeist nicht primär in deren fehlender Leistung zu verorten sind, sondern schlichtweg monetären Begründungen unterliegen, sind diese für viele Fans emotional behaftet und hinterlassen eine große Lücke. Einerseits im nominellen Roster der Bears, andererseits in den Herzen vieler Fans. Gerade D.J. Moore spielte sich mit seinen beiden Game Winning Touchdowns gegen die Green Bay Packers für immer in die Herzen der Bears-Fanbase. Mit Moore verliert das Team ihre potenzielle Nummer eins auf der Wide-Receiver-Position, mit Edmunds einen Teamkapitän und mit Byard III ihren unangefochtenen Leader im Locker Room und ligaweiten Interception Leader.
Stabilität auf der Center-Position war für die Chicago Bears über Jahre hinweg ein reiner Wunschgedanke. Mit der Verpflichtung von Drew Dalman in der letztjährigen Offseason sollte dieser Schrecken nun ein Ende haben. Man konnte den ehemaligen Center der Falcons in die Windy City locken und hat ihn mit einem Dreijahresvertrag über 42 Millionen Dollar ausgestattet.
Dalman wurde neben Left-Tackle Joe Thuney als zweiter Spieler der Bears Offensive Line in den Pro Bowl gewählt, was seinen Wert für das Team nochmals unterstrich. Kurz vor Start der Free Agency dann der Schock: Der Center verkündet plötzlich aufgrund persönlicher Angelegenheiten sein sofortiges Karriereende. Die Chicago Bears stehen von heute auf morgen ohne Starting Center da - ein weiteres fundamentales Kaderloch öffnet sich.

Neben den Abgängen einiger Rotationsspieler erweisen sich vor allem die Verluste von Starting Safety Jaquan Brisker und Slot Cornerback C.J. Gardner-Johnson als erwähnenswert. Darunter mit Brisker einen eigens gedrafteten Spieler aus dem Jahr 2022. Der ehemalige Zweitrundenpick war ein Fanliebling mit langer Verletzungshistorie und schließt sich für die neue Spielzeit in seiner Heimatstadt Pittsburgh den Steelers an.
Mit Center Garrett Bradburry reagieren die Bears auf das plötzliche Karriereende von Dalman und traden einen Siebtrundenpick im Jahr 2027 nach New England im Tausch für ihren Center. Johnson betont in einer Pressekonferenz seine Zuversichtlichkeit und den Scheme Fit von Bradburry im offensiven System der Bears.
Mit der Neuverpflichtung vom amtierenden Super-Bowl-Sieger Coby Bryant wurde eine der beiden Lücken auf Safety geschlossen. Er erhält in Chicago einen Dreijahresvertrag über 40 Millionen Dollar.
Als Kompensation für den Abgang von Edmunds verpflichten die Bears Linebacker Devin Bush und statten ihn ebenfalls mit einem Dreijahresvertrag über 30 Millionen Dollar aus. Der ehemalige First Round Pick der Steelers konnte seinen Erwartungen dort nie gerecht werden, durchlief daraufhin aber bei den Cleveland Browns eine Renaissance und konnte mit spektakulären Plays und seinen athletischen Fähigkeiten überzeugen.
Neben einigen Spielern für die Tiefe des Kaders können zudem exemplarisch die Verpflichtung von Kalif Raymond als Deep Threat und Return-Experte sowie die Rückkehr von Fanliebling Jack Sanborn erwähnt werden.
Als eindeutiger Need kann hierbei die Safety Position genannt werden. Die zweite Safety Position neben Coby Bryant gilt als klarer Angriffspunkt für den Draft. Des Weiteren erweist sich die Defensive Line, trotz planmäßiger Rückkehr von Odeyingbo und Turner, als eine Einheit, die dringend Unterstützung benötigt. Hierbei zeigen sich vor allem eine Pass-Rush-Unterstützung neben Montez Sweat sowie Hilfe für die Laufverteidigung als wichtige Anhaltspunkte für den Draft.
Daneben gibt es noch weitere Positionen, die ebenfalls durch den Draft adressiert werden könnten: Durch die Verletzung von Ozzy Trapilo zeigt sich die Left-Tackle-Position als Baustelle. Neben der Verpflichtung von Jedrick Wills Jr. wurden zwar Braxton Jones und Theo Benedet verlängert, jedoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass zusätzlich ein junger Tackle gedraftet wird, sollte sich die Möglichkeit ergeben. Cornerback gilt zudem als unterschätzter Bedarf und mit Johnson als offensiv gestricktem Head Coach kann zusätzliche Feuerkraft auf einer offensiven Skill-Position nie ausgeschlossen werden.
In welcher Reihenfolge die Bears die Lücken im Roster schließen, hängt davon ab, "wie das Bord fällt". Damit ist gemeint, welche Spieler bereits von anderen Teams gewählt wurden, bevor die Bears mit ihrem Pick an der Reihe sind. Wir können gespannt sein, welchen Plan die Verantwortlichen um Johnson und General Manager Poles im diesjährigen Draft verfolgen und welche Spieler sich in wenigen Tagen als die neuesten Hoffnungsträger der Chicago Bears herauskristallisieren.
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Mathias Färber