12.02.2026
Rückblick mit Schulnote
Die Saison der Detroit Lions lässt sich nicht mit einem simplen Ergebnis erklären. Neun Siege, keine Playoffs - und doch ein Team, das über weite Strecken konkurrenzfähig blieb. Nach zwei erfolgreichen Jahren und einer historischen 15-2-Bilanz im Vorjahr endete eine Spielzeit, deren Einordnung - auch in Schulnoten - schwieriger ist, als es die Tabelle vermuten lässt.

Vor dem Saisonstart galten die Lions als einer der heißesten Super-Bowl-Kandidaten der Liga. Die Preseason-Odds (+1200) waren die besten seit fast 50 Jahren, Prognosen bewegten sich zwischen zehn und zwölf Siegen. Der personelle Kern war nahezu unverändert: Jared Goff, Amon-Ra St. Brown, Jahmyr Gibbs, ein genesener Aidan Hutchinson - dazu eine Mannschaft, die zuletzt gelernt hatte, enge Spiele zu gewinnen.
Gleichzeitig gab es berechtigte Fragezeichen. Die Offensive Line, über Jahre eine der besten der NFL, wurde bereits vor der Saison kritisch beäugt. Der Abgang von Kevin Zeitler und vor allem das späte Karriereende von Frank Ragnow, das erst nach Draft und Free Agency feststand, hinterließen eine strukturelle Lücke, auf die nicht mehr reagiert werden konnte. Gerade für einen Quarterback wie Goff, der stark vom Schutz aus der Pocket abhängt, war das ein zentrales Risiko.
Hinzu kam ein kompletter Umbruch auf Coordinator-Ebene. Mit Ben Johnson (Chicago) und Aaron Glenn (New York Jets) verlor Detroit zwei zentrale Architekten der Erfolgsjahre. John Morton übernahm die Offense, Kelvin Sheppard erstmals eine Defense - ohne lange Anlaufzeit, in einem Jahr mit Super-Bowl-Erwartungen.
Der Auftakt verlief stabil. Nach fünf Wochen standen die Lions bei 4-1, mit überzeugenden Siegen gegen Chicago (52:21), Baltimore (38:30) und Cincinnati (37:24). Früh zeigte sich jedoch, dass Detroit nicht mehr dieselbe Dominanz ausstrahlte. Niederlagen gegen Kansas City und Philadelphia legten strukturelle Schwächen in engen Spielphasen offen.
Das erste Duell mit den Minnesota Vikings (Woche 9) markierte einen Wendepunkt. Die Niederlage offenbarte offensive Stagnation und fehlende Anpassungen - mit unmittelbaren Konsequenzen: John Morton verlor das Playcalling, Head Coach Dan Campbell übernahm selbst. Der Effekt war zunächst sichtbar, die Offense explodierte direkt danach mit 44 Punkten und 546 Yards. Auch das Rams-Spiel später in der Saison passte in dieses Muster: offensiv produktiv, defensiv jedoch anfällig, zu viele Schlüsselmomente kippten gegen Detroit.
Der eigentliche Knackpunkt folgte aber innerhalb der Division. Die Thanksgiving-Niederlage gegen Green Bay leitete eine Phase ein, in der sich die Probleme verdichteten. Den Tiefpunkt bildete schließlich das zweite Duell mit den Vikings an Weihnachten.
In diesem Spiel kulminierte nahezu alles Negative, was sich über Wochen angestaut hatte: Die O-Line zerfiel vollständig, Goff stand dauerhaft unter Druck, während Minnesota offensiv kaum Risiko eingehen musste. Backup-Quarterback Max Brosmer musste praktisch nicht mitspielen. Mit dieser Niederlage zerplatzten die letzten Playoff-Hoffnungen.
Dazwischen lag das Heartbreak-Spiel gegen die Steelers im Ford Field. Detroit wurde nahezu ausschließlich durch das Run Game geschlagen, defensiv schlecht angepasst, zwei potenziell siegbringende Touchdowns wurden durch Offensive-Pass-Interference-Strafen annulliert - sinnbildlich für eine Saison, in der Details zu oft gegen die Lions liefen.

Am Ende reichte der späte Eingriff auf der Offensivseite nicht mehr. Detroit schloss die Saison mit 9-8 ab, wurde Letzter in der starken NFC North und verpasste die Playoffs.
So stark der Kader in der Theorie besetzt war, so ernüchternd fiel die Umsetzung in entscheidenden Momenten aus. Besonders auffällig: das ineffiziente und ideenlose Run Game. Mit David Montgomery und Jahmyr Gibbs verfügten die Lions über eines der talentiertesten Running-Back-Duos der Liga. Dennoch blieb der Ertrag überraschend oft hinter den Möglichkeiten zurück. Abseits einzelner Big Plays fehlte es an Struktur, Variation und Konstanz. Gerade in engen Spielen wirkte das Rushing vorhersehbar und leicht zu verteidigen, auch wenn Gibbs am Ende eine statistisch rekordverdächtige Saison spielte.
Noch gravierender waren jedoch die klar erkennbaren Defizite im Game Management, vor allem gegen stärkere Gegner. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um die vielzitierte, zunehmend stumpfe "Wir gehen gritty aufs vierte Down"-Mentalität. Vielmehr schlugen sich die Lions in entscheidenden Phasen durch unnötige Risiken selbst. Statt sichere drei Punkte mitzunehmen, produzierten sie Turnover on Downs - häufig mit einer ohnehin bereits stark dezimierten Defense auf dem Feld. Das Resultat: verschenkte Führungen, kippselige Spiele und vermeidbare Niederlagen.

Diese Muster zeigten sich besonders deutlich in engen Partien gegen harte Gegner wie Pittsburgh, Rams oder Green Bay. Gerade dort, wo Kontrolle, Uhrmanagement und situative Disziplin gefragt gewesen wären, ließ Detroit zu viele Details außer Acht. Man muss es so klar sagen: Die Lions haben sich in mehreren Spielen selbst geschlagen.
Defensiv kamen strukturelle Probleme hinzu. Kelvin Sheppards Unit zeigte sich gegen das Run Game wiederholt schlecht eingestellt, Anpassungen griffen spät oder gar nicht. In Kombination mit den massiven Verletzungen in der Secondary war das Fundament in kritischen Momenten zu brüchig, um Spiele über die Ziellinie zu bringen.
Trotz all dieser Probleme blieb Detroit bis zum Schluss im Rennen - und war näher an den Playoffs, als es der Tabellenplatz vermuten lässt. Ein einziger zusätzlicher Sieg hätte gereicht, um sich das Wild-Card-Ticket zu sichern. In diesem Szenario wären die Lions anstelle der Packers in der ersten Playoff-Runde auf die Bears getroffen - gegen die Detroit in der Regular Season beide Duelle gewonnen hatte.
Auch Goff spielte trotz einer durchgehend wechselnden Offensive Line womöglich die beste Saison seiner Karriere: über 4500 Passing Yards, 34 Touchdowns (beides Platz 2 ligaweit), hohe Effizienz und bemerkenswerte Ruhe aus der Pocket.
Aidan Hutchinson feierte nach seinem Comeback eine dominante Saison mit 14,5 Sacks und etablierte sich endgültig als defensiver Franchise-Spieler. Dan Campbell bewies Führungsstärke, indem er Verantwortung übernahm und intern korrigierte.

Offensiv entwickelte sich Jameson Williams weiter zum festen Bestandteil der Identität der Lions. Als Wide Receiver "Nummer Eins B" neben St. Brown brachte er Explosivität und Tiefe ins Spiel. Gibbs knackte erneut die 1000-Yard-Marke, der junge Jack Campbell avancierte derweil zu einem der besten Linebacker der NFL.
Coach Campbell selbst ging nach Saisonende am härtesten mit sich ins Gericht. "Das war nicht gut genug. Wir sind nicht in die Playoffs gekommen. Wir haben unsere Ziele verfehlt. Ich würde mir selbst eine verdammte Sechs geben", sagte der Head Coach auf der abschließenden Lions-Pressekonferenz.
football-world bewertet die Saison differenzierter.
Die Lions haben ihre eigenen Erwartungen verfehlt - ohne Frage. Doch sie taten es unter schwierigen Umständen: einer bereits vor der Saison kritisch gesehenen Offensive Line, zwei neuen Koordinatoren, massiven Verletzungen und dennoch einer der produktivsten Offenses der Liga. Die Lions waren kein Team im freien Fall, sondern eines, das sich in entscheidenden Momenten einmal zu oft auf der falschen Seite wiederfand.
Es war keine gute Saison gemessen am Anspruch.
Aber es war eine Saison, die das Fundament nicht infrage stellt.
Detroit bleibt ein Contender. Die Lehren aus 2025 werden darüber entscheiden, wie schnell der nächste Angriff folgt. Mit der Verpflichtung von Offensive Coordinator Drew Petzing ist bereits ein wichtiger Grundsteine dafür gelegt.
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Maximilian von Hoyningen-Huene