19.02.2026
Rückschritt statt Aufbruch?
Die Saison der Minnesota Vikings war rückblickend ein Übergangsjahr, aber auch ein klarer Rückschritt. Nach einer 14-3-Bilanz in der Vorsaison ging man mit hohen Ansprüchen und einem bewussten Kurswechsel auf der Quarterback-Position in die neue Spielzeit. Am Ende stand zwar eine Winning Season, aber ohne Playoffs - und viele offene Fragen, die sich auch in der Bewertung der Saison 2025 widerspiegeln.

Vor der Saison war die Richtung eigentlich klar. J.J. McCarthy ging in sein zweites NFL-Jahr, erstmals mit dem klaren Status als Starter. Dafür musste Sam Darnold weichen, dem man die starke Vorsaison zu verdanken hatte, auch wenn er hintenraus klare Schwächen zeigte.
Um McCarthy herum verfügten die Vikings über eines der talentiertesten Skill-Position-Ensembles der Liga: Justin Jefferson, Jordan Addison und T.J. Hockenson boten beste Voraussetzungen. Dazu kam Brian Flores’ Defense, die bereits 2024 als stabiles Fundament gedient hatte.
Die Erwartungshaltung war entsprechend: eine Winning Season, ernsthafte Playoff-Chancen und vor allem ein sichtbarer Beleg dafür, dass man auf der Quarterback-Position richtig gehandelt hat. Niemand verlangte einen tiefen Postseason-Run, aber eine klare Vision sollte erkennbar sein.
Stattdessen wirkte die Offense über weite Strecken unrund, McCarthys Entwicklung blieb fragmentarisch und strukturelle Kaderprobleme traten deutlicher zutage als erhofft. Rein bilanziell ist 9-8 respektabel, vor allem angesichts der Turbulenzen. Doch der Weg dorthin war alles andere als stabil.
Ein frühes Highlight lieferte Week 1 gegen die Bears. Beim 27:24-Comeback zeigte McCarthy genau jene Eigenschaften, die ihn intern so spannend machen: Ruhe unter Druck, Mobilität, Mut zu schwierigen Würfen. Minnesota lag im dritten Viertel zweistellig zurück - und kämpfte sich dennoch zurück. Ein Vorgeschmack auf eine Saison, in der der 23-Jährige oft kämpfen musste und das auch tat.
Auch gegen den Divisionsrivalen aus Detroit gelangen zwei hart erkämpfte Siege. Dennoch war die gesamte Spielzeit eher von negativen Schlagzeilen geprägt. Erst kürzlich sorgte Jefferson mit pikanten Worten in Richtung seines jungen Quarterbacks für erneute Diskussionen.
Der Tiefpunkt folgte in Week 13 bei den Seahawks: Ein 0:26, die vierte Niederlage in Serie, eine Offense ohne jeden Rhythmus. McCarthy und Backup Carson Wentz waren verletzt, Undrafted-Free-Agent Max Brosmer wurde ins kalte Wasser geworfen und warf vier Interceptions gegen eine der besten Defenses der Liga. Ein Abend, der die offensive Krise schonungslos offenlegte.
Immerhin: Die Vikings zerfielen nicht komplett. Mit fünf Siegen in Serie zum Abschluss rettete sich das Team von 4-8 auf 9-8 und hielt sich bis zuletzt im Wildcard-Rennen.
Dass sich die Offense selten wie eine funktionierende Einheit anfühlte, lag nicht allein an McCarthy. Der junge Quarterback verpasste acht Spiele - nach einem kompletten Ausfall 2024 ein weiteres Jahr mit Knie- und anderen Blessuren. Seine Saisonstatistik (57,6 Prozent Completions, 11 Touchdowns, 12 Interceptions) spiegelt diese Unruhe wider. Dazu kamen 181 Rushing Yards und vier Touchdowns am Boden, die zumindest sein athletisches Profil unterstrichen.
Auch die Offensive Line blieb eine Dauerbaustelle. Wechselnde Starter, angeschlagene Schlüsselspieler und fehlende Konstanz wirkten sich direkt auf Protection und Run Game aus. In der Defense fehlten phasenweise Andrew Van Ginkel und Jonathan Greenard, was die Tiefe im Pass Rush sichtbar reduzierte.
Genau hier rächte sich die mangelnde Kadertiefe. Die zweite Reihe konnte Ausfälle kaum kompensieren. Ein direktes Ergebnis mehrerer Draft-Jahrgänge mit zu wenig verwertbaren Treffern.
McCarthy zeigte immer wieder Ansätze, die Hoffnung machen. Toughness, Comeback-Mentalität, die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen - all das war sichtbar. Gleichzeitig blieben Effizienz und Ball-Security deutlich unter Starter-Niveau. Analysen zeigen vor allem im Early-Down-Passing klare Defizite, die Drives früh in schwierige Situationen brachten.
Der entscheidende Punkt für die Offseason: McCarthy hat genug gezeigt, um weiter Teil der Planung zu sein. Aber nicht genug, um 2026 konkurrenzlos gesetzt zu sein.

Die Konsequenzen auf Management-Ebene folgten. Die Vikings trennten sich nach der Saison von General Manager Kwesi Adofo-Mensah. Zu wenig Draft-Erfolg, fragwürdige Entscheidungen und unterschiedliche Vorstellungen mit dem Ownership führten letztlich zur Trennung.
Auch Head Coach Kevin O’Connell geriet stärker in den Fokus. Die Offense fand selten konstanten Rhythmus, das Clock Management blieb anfällig und O’Connell zählte 2025 zu den konservativsten Coaches bei vierten Versuchen. Punts und Field Goals in klaren "Go"-Situationen kosteten Spiele. Sein Ruf als Quarterback-Entwickler ist nicht zerstört, aber sichtbar angekratzt.
Trotz aller Probleme ragte einer erneut heraus: Justin Jefferson. Was für ihn selbst eine eher "ruhige" Saison war, blieb auf Elite-Niveau. Mit 84 Receptions für 1048 Yards gehört er nun neben Randy Moss und Mike Evans zu den wenigen Spielern mit mindestens 1000 Receiving Yards in jedem der ersten sechs NFL-Jahre. In einer wackeligen Offense war Jefferson der konstante Fixpunkt.
Auch Brian Flores’ Defense blieb eine tragende Säule. Trotz Verletzungen agierte die Unit aggressiv, variabel und hielt Minnesota in vielen Spielen überhaupt erst konkurrenzfähig. Dass Flores ligaweit als Head-Coach-Kandidat galt, ist kein Zufall.
Der späte Fünf-Spiele-Lauf zum Saisonende zeigte zudem, welches Potenzial grundsätzlich vorhanden ist. Mit etwas mehr Stabilität auf Quarterback und in der Line wirkten die Vikings phasenweise wie genau das Team, das man vor der Saison erwartet hatte: unangenehm, physisch, Playoff-tauglich.
Die Spielzeit in Minnesota war durchwachsen, aber kein Absturz. Im Quarterback-Raum sollte dennoch klar kommuniziert werden, dass McCarthy sich seinen Status neu verdienen muss. Nach dem Abgang von Sam Darnold und Daniel Jones wird echte Konkurrenz erwartet. Mit einem neuen General Manager soll zudem der Fokus stärker auf Kadertiefe gelegt werden, insbesondere in der Offensive Line und der Defense.
Negativ bleiben das verpasste Playoff-Ticket, die ungelöste Quarterback-Frage, die GM-Entlassung und ein Kader, der in der Breite zu anfällig war. Positiv stehen eine Winning Season, ein starker Schlussspurt, ein weiterhin dominanter Justin Jefferson und eine Defense, auf die man bauen kann.
Für 2026 gilt jedoch: Noch ein Jahr dieses Zwischenzustands können sich die Vikings kaum leisten. Entweder McCarthy macht den nächsten Schritt und O’Connell findet wieder offensive Klarheit - oder diese Saison wird rückblickend als Beginn einer deutlich größeren Neuorientierung gelten.
mhh