08.09.2026
Superteam, Comebacks, Trainerbeben
Die Seahawks sind Champion, die Rams haben ein Superteam gebaut, zehn Franchises starten mit einem neuen Head Coach und zahlreiche Stars tragen plötzlich andere Trikots. Ein kompakter Überblick zum Start der NFL-Saison 2026.

Hand aufs Herz: Wer nach dem Super Bowl LX in den Football-Winterschlaf gegangen ist, dürfte beim Blick auf manche Kader ein wenig verwirrt sein. Aaron Donald spielt plötzlich wieder, A.J. Brown fängt künftig Pässe von Drake Maye und der Nummer-eins-Pick des Drafts sitzt zunächst auf der Bank.
Höchste Zeit also für ein Update. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag beginnt die NFL-Saison 2026 - und mit diesen zehn Punkten ist man rechtzeitig zum Kickoff wieder auf dem neuesten Stand.
Mehr Brisanz geht kaum: Zum Auftakt in die neue Spielzeit empfangen die Seattle Seahawks die New England Patriots - also genau jene beiden Mannschaften, die sich im Februar im Super Bowl gegenüberstanden. Kickoff ist in der Nacht auf Donnerstag um 2.20 Uhr deutscher Zeit.
Seattle gewann das Endspiel damals mit 29:13 und holte damit den zweiten Super-Bowl-Titel der Franchise-Geschichte. Die dominante Defense ließ New Englands Quarterback Drake Maye kaum zur Entfaltung kommen, Running Back Kenneth Walker III wurde zum Super Bowl MVP gewählt.
Das Kuriose: Beim Rematch trägt Walker nicht mehr das Trikot der Seahawks. Dazu später mehr. Auch die Patriots haben ihre Offensive kräftig aufgerüstet. Unter anderem kamen die beiden Wide Receiver A.J. Brown und Romeo Doubs nach Foxborough. Der Titelverteidiger bekommt also schon in der ersten Nacht eine etwas veränderte Version seines letzten Gegners serviert.
Wenn es in der NFL einen Franchise-Modus mit ausgeschalteter Gehaltsobergrenze gäbe, sähe das Ergebnis vermutlich ungefähr so aus wie der aktuelle Kader der L.A. Rams.
Die ohnehin hochkarätige Offense um den amtierenden MVP Matthew Stafford kehrt vollständig zurück. Der 38-jährige, aber immer noch überragende Quarterback warf vergangene Saison für 4707 Yards und 46 Touchdowns. In der Defense legten die Rams anschließend gewaltig nach: Myles Garrett kam aus Cleveland, All-Pro-Cornerback Trent McDuffie aus Kansas City.
Und dann verkündete auch noch Aaron Donald sein Comeback. Der dreimalige Defensive Player of the Year kehrt nach zwei kompletten Spielzeiten im Ruhestand zu den Rams zurück. Wie groß seine Rolle direkt zum Saisonstart ausfällt, ist noch offen. Allein die Vorstellung einer Defensive Front mit Garrett und Donald dürfte gegnerischen Quarterbacks jedoch den Schlaf rauben.

Der Preis für das Spektakel war hoch: Für Garrett gaben die Rams unter anderem Pass Rusher Jared Verse und mehrere wertvolle Draftpicks ab. L.A. spielt ganz offensichtlich nicht auf Zukunft - sondern ohne groß drumherumzureden - auf den Titel.
Die vergangene Saison endete für Patrick Mahomes bereits im Dezember. Der Chiefs-Quarterback riss sich gegen die L.A. Chargers das Kreuzband. Kansas City verpasste anschließend erstmals seit 2014 die Playoffs - ein beinahe vergessenes Gefühl für ein Franchise, das zuvor siebenmal nacheinander im AFC Championship Game gestanden hatte.
Mahomes gilt nun als auf Kurs für den Saisonauftakt gegen die Denver Broncos. Ob er sofort wieder wie der alte Mahomes aussieht, dürfte eine der großen Fragen der ersten Wochen werden.
Unterstützung bekommt er von einem prominenten Neuzugang: Super Bowl MVP Kenneth Walker III wechselte aus Seattle nach Kansas City. Zudem ist Eric Bieniemy als Offensive Coordinator zurückgekehrt und Receiver Rashee Rice wieder fit. Die Chiefs wollen unbedingt beweisen, dass 2025 nur ein Ausrutscher war.
Aus deutscher Sicht gehört vor allem ein Rookie auf die Merkliste: Marlin Klein. Die Houston Texans wählten den gebürtigen Kölner im jüngsten NFL Draft bereits an Position 59 und damit in der zweiten Runde aus. Inzwischen hat der Tight End auch den Sprung in den aktiven 53-Mann-Kader geschafft.
Klein begann bei den Cologne Crocodiles mit dem Football, zog anschließend in die USA und gewann 2023 mit Michigan die College-Meisterschaft. In Houston darf der 1,98 Meter große Rookie nun Pässe von C.J. Stroud fangen. Welche Rolle er sofort erhält, bleibt abzuwarten. Mit einem 31-Yard-Catch in seinem ersten Preseason-Spiel deutete Klein sein Potenzial aber bereits an.

Für seine weitere Entwicklung gibt es bereits reichlich Vorschusslorbeeren. "Marlin Klein, der Rookie aus Michigan, hatte ein starkes Camp - und sie lieben ihn", berichtete NFL-Network-Experte Daniel Jeremiah erst vor Kurzem. Auch Texans-Head-Coach DeMeco Ryans zeigte sich nach dem Preseason-Debüt begeistert. Klein habe früh geglänzt, sofort bereit gewirkt und auch als Blocker überzeugt. "Der Moment war nicht zu groß für Marlin. Er wird sich immer weiter verbessern", sagte Ryans.
Zu den weiteren Rookies, die man sich merken sollte, gehören Jets-Pass-Rusher David Bailey, Cardinals-Running-Back Jeremiyah Love, Titans-Receiver Carnell Tate und Cowboys-Safety Caleb Downs. Spätestens nach den ersten spektakulären Highlights werden diese Namen ohnehin regelmäßig in den Timelines auftauchen.
Kaum ein Team wurde in der vergangenen Saison heftiger von Verletzungen getroffen als San Francisco. Zum Start der neuen Spielzeit kehren nun gleich mehrere Leistungsträger zurück.
Nick Bosa, der sich bereits in Woche drei das Kreuzband gerissen hatte, soll beim Auftakt gegen die Rams spielen. Linebacker Fred Warner ist nach seiner schweren Knöchelverletzung ebenfalls wieder einsatzbereit. Selbst George Kittle könnte nach seinem Achillessehnenriss in den Playoffs erstaunlich früh zurückkehren. Der Tight End wurde bereits von der Verletztenliste aktiviert, sein endgültiger Einsatzstatus bleibt aber abzuwarten.
Zusätzlich verpflichteten die 49ers mit Mike Evans einen der konstantesten Receiver der NFL-Geschichte. Angesichts des Auftaktgegners können sie jede Verstärkung gebrauchen: Im ersten NFL-Hauptrundenspiel auf australischem Boden wartet direkt das Rams-Superteam.
Fans der Green Bay Packers müssen sich in der Hinsicht noch etwas länger gedulden: Star-Verteidiger Micah Parsons arbeitet ebenfalls an seinem Comeback nach einem Kreuzbandriss und peilt derzeit eine Rückkehr im Oktober an.
Fast jedes dritte NFL-Team geht mit einem neuen Cheftrainer in die Saison. Insgesamt wurden zehn Stellen neu besetzt - damit stellte die Liga in der vergangenen Offseason ihren bisherigen Rekord ein.
Die prominentesten Veränderungen betreffen drei Traditionsfranchises. Nach 18 Jahren trennten sich die Baltimore Ravens von John Harbaugh, der nun die New York Giants trainiert. In Baltimore übernimmt Jesse Minter. Auch die 19-jährige Ära von Mike Tomlin in Pittsburgh ist beendet. Sein Nachfolger Mike McCarthy arbeitet dort erneut mit Aaron Rodgers zusammen.

In Buffalo endete trotz acht Playoff-Teilnahmen in neun Jahren die Amtszeit von Sean McDermott. Der bisherige Offensive Coordinator Joe Brady wurde befördert und soll Josh Allen endlich in den Super Bowl führen.
Komplettiert wird die neue Trainerriege von Mike LaFleur in Arizona, Kevin Stefanski in Atlanta, Todd Monken in Cleveland, Klint Kubiak in Las Vegas, Jeff Hafley in Miami und Ex-49ers-Coordinator Robert Saleh in Tennessee.
Doch nicht nur an der Sideline hat sich einiges getan. Auch die Liste prominenter Spielerwechsel ist in diesem Jahr besonders lang. Unter anderem verließ A.J. Brown die Philadelphia Eagles und soll nun gemeinsam mit Drake Maye die Patriots-Offense auf ein neues Niveau heben.
Auch an diese Kombinationen müssen sich NFL-Fans erst gewöhnen: D.J. Moore spielt für die Buffalo Bills, Jaylen Waddle für die Denver Broncos und Mike Evans für die San Francisco 49ers. Defensive Tackle Dexter Lawrence verstärkt die Cincinnati Bengals, während Myles Garrett nun für die Rams auf Quarterback-Jagd geht.
Super Bowl MVP Kenneth Walker III wechselte von Seattle nach Kansas City. Und selbst Odell Beckham Jr. ist wieder da: Der Receiver schaffte es tatsächlich in den Kader der New York Giants und ist damit erstmals seit 2018 wieder für sein altes Franchise aktiv. Die NFL liebt schließlich kaum etwas mehr als ein Comeback mit ordentlich Nostalgie.
Wer in den vergangenen Monaten nur gelegentlich auf die News in der NFL geblickt hat, sollte sich auch bei den Quarterbacks besser kurz festhalten.
Kyler Murray wurde nach sieben Jahren von den Arizona Cardinals entlassen und setzte sich bei den Minnesota Vikings gegen J.J. McCarthy durch. Tua Tagovailoa wiederum startet für die Atlanta Falcons, weil Michael Penix Jr. nach seinem Kreuzbandriss noch nicht vollständig zurück ist.
Malik Willis soll im Zuge dessen die neue Lösung der Miami Dolphins werden. Geno Smith kehrt zu den New York Jets zurück, bei denen seine NFL-Karriere einst begann. In Las Vegas startet Kirk Cousins - und nicht der an Position eins gedraftete Fernando Mendoza. Die Raiders wollen ihren Hoffnungsträger erstmal behutsam entwickeln - und beenden damit eine sechsjährige Serie, in der jeder Nummer-eins-Pick zuvor direkt in Woche eins gestartet war.

Und dann wäre da noch Aaron Rodgers. Der mittlerweile 42-Jährige geht in seine, nach eigener Aussage, letzte NFL-Saison. Dass er diese ausgerechnet unter seinem früheren Packers-Coach Mike McCarthy bestreitet, liefert direkt eine hübsche Portion Drehbuchmaterial.
Auch Deutschland bekommt in dieser Saison wieder ein echtes NFL-Highlight. Am 15. November treffen die Detroit Lions und die New England Patriots in der Münchner Allianz Arena aufeinander. Kickoff ist um 15.30 Uhr deutscher Zeit.
Neben Super-Bowl-Teilnehmer New England dürfen sich die deutschen Fans vor allem auf Amon-Ra St. Brown freuen. Für den deutsch-amerikanischen Lions-Star wird die Partie im Heimatland seiner Mutter zu einem ganz besonderen Auftritt. Auch das musikalische Rahmenprogramm steht bereits fest: Cage the Elephant übernimmt die Halftime Show.
Es wird das insgesamt sechste reguläre NFL-Saisonspiel in Deutschland und bereits das dritte in München sein. Gleichzeitig gehört die Partie zu einem historischen internationalen Spielplan: Erstmals trägt die NFL neun Saisonspiele auf vier Kontinenten, in sieben Ländern und acht verschiedenen Stadien aus.
Die Rams gehen aufgrund ihres spektakulären Kaders als naheliegender Favorit in die Saison. Direkt dahinter folgt jedoch eine breite Gruppe von Teams, die sich ebenfalls realistische Hoffnungen auf den Super Bowl machen darf.
Seattle besitzt weiterhin eine der stärksten Defenses der Liga. Buffalo hat Allen und mit Joe Brady nun einen offensiv geprägten Head Coach. Baltimore startet mit einem gesunden Lamar Jackson und neuer Führung einen weiteren Angriff. Auch die Patriots, Lions, Broncos, 49ers und Texans gehören zum erweiterten Kreis.
Und Kansas City? Solange Mahomes auf dem Feld steht, wird kaum jemand die Chiefs abschreiben. Die vergangene Saison hat allerdings gezeigt, wie schnell sich die Kräfteverhältnisse verschieben können: New England schaffte es nach einer Vier-Siege-Saison bis in den Super Bowl, während Kansas City und Baltimore die Playoffs komplett verpassten.
Die Kurzfassung nach sechs Monaten Football-Pause lautet also: Seattle ist Champion, die Rams haben die Avengers versammelt, Mahomes ist zurück und ungefähr die halbe Liga sieht anders aus. Damit kann die neue Saison beginnen.
Maximilian von Hoyningen-Huene