22.04.2026
NFL-Kolumne von Adrian Franke
Morgen ist es endlich so weit! In der Nacht von Donnerstag auf Freitag beginnt der NFL Draft 2026, und spätestens seit dieser Woche kocht die Gerüchteküche. In seiner Kolumne nimmt Adrian Franke euch mit zu den aktuellsten Themen - und erklärt, wie die den Draft beeinflussen könnten.

Es ist die erste faszinierende Diskussion in diesem Draft. Nachdem die Raiders das Spektakel mit Fernando Mendoza an Nummer 1 eröffnet haben, beginnt das große Abwarten und Diskutieren: Ist es Arvell Reese mit dem Nummer-2-Pick für die Jets? Oder ist es David Bailey?
Diese Diskussion zieht sich nun bereits über mehrere Wochen. Lange schien die Tendenz Richtung Reese zu gehen, plötzlich hörte man von einem großen NFL-Insider nach dem anderen, dass die Jets Pass-Rush-Spezialist David Bailey picken werden.
Doch das hat mitnichten dieses Drama beendet. Viele Team-nahe Quellen, also nicht die nationalen, sondern die lokalen Insider, blieben auch über die letzten Wochen bei Reese in ihrer Prognose. Nach wie vor gibt es Insider-Berichte in beide Richtungen.
Und ebenfalls erwähnenswert: Als die große Bailey-an-2-Welle anfing, kam das immer mit der gleichen Begründung. Teilweise im gleichen Wortlaut: Bailey ist die sichere Wahl, weil seine Rolle klar ist. Ein Speed-Pass-Rusher mit Defiziten gegen den Run, aber einem sofortigen Impact im Pass-Rush. Reese ist ein Linebacker-Edge-Hybrid, den man deutlich mehr noch ausbilden und für den man die ideale Rolle finden muss. Dafür, so die Argumentation, hat das unter Druck stehende Jets-Regime vermutlich nicht die Zeit.
Das ist die Sichtweise anderer Teams auf das, was sie denken, was die Jets machen werden. Noch am Dienstag erklärte Insider Peter Schrager, dass es nach wie vor keine Infos von innerhalb der Franchise gibt. Ungewöhnlich für die Jets, aber damit ist eure Prognose zwischen Reese und Bailey so gut wie meine und so gut wie die der Insider.

Meine Tendenz für den Moment ist Reese, weil er das bessere Prospect ist. Nur weil andere Teams denken, dass die Jets auf einer strikten Timeline arbeiten, muss das nicht unbedingt stimmen. Oder vielleicht stimmt es für den Head Coach, aber nicht für den GM.
Diese 50:50-Entscheidung wird in jedem Fall viele Mock Drafts bereits an Position 2 kaputt machen. Und das nicht nur, weil man hier potenziell den falschen Spieler auswählt, sondern weil es auch Auswirkungen darauf haben wird, was Arizona mit dem Nummer-3-Pick macht.
Hier ist, was wir wissen: Es ist ein offenes Geheimnis, dass Arizona runter traden will. So sehr, dass ein solcher Trade zu einem günstigeren Preis passieren könnte.
Die Cardinals haben zahlreiche Baustellen, vor allem aber scheinen sie einen Right Tackle mit ihrem ersten Pick anzupeilen; eine Position, die in dieser Klasse in der Spitze kein Top-3-Pick-Prospect zu bieten hat. Mit einem Trade runter etwa auf Position 7, 8 oder 9 könnte Arizona dort den gleichen Offensive Lineman - dem Vernehmen nach Francis Mauigoa - auf dem Board haben, den die Cardinals mit Pick Nummer 3 auswählen würden.
Die logische Folgefrage lautet: Will jemand hoch traden? Das wiederum könnte direkt davon abhängen, wen die Jets draften. Reese hat mehr Potenzial, aber reicht dieses Potenzial, dass ein Team einen derart aggressiven Move macht? Teams, die sich mehr in einem Win-Now-Fenster sehen wie etwa die Chiefs könnten dagegen gewillt sein, für einen sofortigen Impact-Pass-Rusher wie Bailey hoch zu gehen.
So viel zum Trade-Szenario. Das akuteste Gerücht der letzten 72 Stunden aber lautet: Arizona erwägt ernsthaft, Running Back Jeremiyah Love mit dem Nummer-3-Pick auszuwählen.
Love ist ein toller Spieler, aber für ein Team wie Arizona, ohne Quarterback, mit mehreren Fragezeichen in der Offensive Line und einer nach wie vor schlechten Defense wäre das eine katastrophale Roster-Building-Entscheidung. Und wir haben diesen Film oft genug gesehen, jüngst mit Ashton Jeanty, der bei den Raiders auf keinen grünen Zweig kam.

Die Gerüchte aus Arizona legen dementsprechend auch wenig überraschend nahe, dass dieser Pick nicht vom GM getrieben ist - sondern dass der Owner hier seine Finger im Spiel hat. Love wäre das funkelnde neue Spielzeug, und in einem Draft mit vielen Ungewissheiten soll das die Richtung sein, die Teambesitzer Michael Bidwill gefallen würde.
Das ist auf keinen Fall auszuschließen. Und mehrere große Insider sind bereits voll auf diesen Zug aufgesprungen. Unter anderem Peter Schrager, Albert Breer, Adam Schefter und Lance Zierlein haben über die letzten 48 Stunden in diese Richtung berichtet und argumentiert.
So, wie sich die Gerüchtelage hier spezifisch in der Draft-Woche verändert hat, wird es viele finale Mock Drafts geben, die Love an Position 3 sehen. Meine Tendenz ist für den Moment, dass das ein gezielt gestreutes Gerücht ist, um zu schauen, ob man damit den Trade-Markt ankurbeln kann, was Arizona seit Wochen versucht. Sollte sich hier aber wirklich der Teambesitzer aktiv einschalten, ist Love mit Pick 3 eine reelle Möglichkeit.
Das Draft-Prospect, das über die letzten zwei Wochen die größte Achterbahnfahrt in den Draft-Prognosen hingelegt hat, ist Receiver Jordyn Tyson. Noch vor drei Wochen fand man ihn in Mock Drafts meist bei den Jets an 16, oder eher noch tiefer irgendwo in der zweiten Hälfte der ersten Runde.
Seitdem hatte er sein Workout für NFL-Teams - Tyson konnte aufgrund von Oberschenkelproblemen bei der Combine und auch dem Pro Day von Arizona State keine Übungen machen - und der Hype ist komplett eskaliert.
Diverse Insider berichten mittlerweile, dass die Giants große Fans sind. Vielleicht so sehr, dass sie bereit sind, den Nummer-5-Pick in Tyson zu investieren. Alternativ sollen die Saints (Pick 8) und Chiefs (Pick 9) Tyson sehr mögen. Und die Rams könnten gewillt sein, von Pick 13 in die Top 10 zu klettern.
Ein sehr anderes Bild also von einem Spieler, der vor einigen Wochen meist noch außerhalb der Top 15 zu haben war.
Sportlich wird es von mir nicht viel argumentativen Gegenwind geben. Rein anhand der Tape-Analyse ist Tyson für mich der beste Receiver der Klasse. Die Zweifel sind bei ihm anderer Natur, und daran sollte sich eigentlich nichts geändert haben. Zumindest nichts, was diesen kometenhaften Anstieg erklärt.
Denn Verletzungen sind das große Fragezeichen in Tysons Profil. Über seine College-Karriere hatte er mit mehreren Verletzungen zu kämpfen und insbesondere muskuläre Probleme prägen die Sorgen von NFL-Verantwortlichen. Teams müssen hier, genau wie vor drei Wochen, abwägen, ob sie medizinisch zu große Fragezeichen haben. Daran hat sich nichts geändert.
Vielleicht ist die Risikobereitschaft für ein solches Talent aber in einer Draft-Klasse wie dieser auch schlicht höher. Weil Teams wenige echte Impact-Spieler sehen. Tyson kann das sein. Wenn er fit bleibt.
Diese Gerüchte kaufe ich. Ich denke, dass Tyson eine sehr reelle Chance darauf hat, ein Top-10-Pick zu werden und dass er spätestens an den Rams nicht vorbeikommen wird.

Die Mini-Version der "Reese-oder-Bailey?"-Frage bei den Jets. Wird der erste Pick der John-Harbaugh-Giants-Ära ein physisches und athletisches Freak-Prospect auf der Linebacker-Position in Sonny Styles? Oder wird es der spielintelligente, seit Jahren als Elite-Prospect gehandelte Safety in Caleb Downs, der vielleicht den sichersten Floor im gesamten Draft mitbringt?
Beides sind keine Premium-Positionen. Gerade bei Safeties haben wir über die Jahre immer wieder gesehen, dass auch sehr gute Prospects hier abrutschen können. Und Downs hat nicht die absurde Athletik oder Größe, die andere Top-Safety-Talente mitbrachten.
Dennoch hat sich der Tenor hier innerhalb der letzten Tage gewandelt. Mehr und mehr Berichte legen jetzt nahe, dass New York Downs gegenüber Styles bevorzugt, sollten beide noch auf dem Board sein.
Und um das alles noch ein wenig komplizierter zu machen: Nicht auszuschließen ist hier nach wie vor Jeremiyah Love. Früh im Draft-Prozess wurden die Giants stärker als jedes andere Team mit Love in Verbindung gebracht, und während das zwar etwas abgekühlt ist, hört man nach wie vor Berichte, wonach die Giants Love an 5 noch vor Downs und Styles nehmen würden, sollte er noch da sein.

Der erste Receiver könnte zu den Titans (Pick 4) gehen, gefolgt von den Giants (5), Browns (6) und Commanders (7). Spätestens bei Washington sollten wir den ersten Receiver-Pick sehen. Mittlerweile lassen sehr viele Gerüchte vermuten, dass die Commanders hoffen, dass spezifisch Carnell Tate zu ihnen fällt.
Sollte das tatsächlich der erste Receiver sein, der gepickt wird, ist das vielleicht auch der Beginn eines kleinen Runs: Die Saints und die Chiefs mit den Picks direkt danach werden intensiv mit Jordyn Tyson in Verbindung gebracht und Makai Lemon soll unter anderem bei dem Rams (Pick 13) und Jets (16) im Spiel sein.
Wir haben es dieses Jahr mit einer sehr klar definierbaren Offensive-Tackle-Klasse zu tun: Die absolute Spitze ist schwach, es gibt kein Prospect auf dem Level eines Joe Alt oder Penei Sewell. Francis Mauigoa und Spencer Fano sind im Konsens die beiden Top-Tackles, und bei beiden steht im Raum, dass sie perspektivisch in der NFL vielleicht doch eher Guards sein werden.
Dafür aber haben wir eine ungewöhnlich breite Spitzengruppe. Insgesamt sieben Tackles sollten in Runde 1 gehen: Mauigoa und Fano, dazu Monroe Freeling, Kadyn Proctor, Blake Miller, Max Iheanachor und Caleb Lomu. Das sind sehr unterschiedliche Prospects: Freeling hat vielleicht die größte Upside der Gruppe, Iheanachor und Lomu werden mehr Zeit brauchen als die anderen und Proctor ist ein weiteres Tackle-Prospect, das in der NFL eher innen aufgestellt werden dürfte.
Aber der entscheidende Punkt für alle Erstrunden-Prognosen: Danach ist ein enormer Qualitäts-Dropoff. Während Guard und Center an Tag 2 erst so richtig loslegen, gibt es auf der Tackle-Position nach diesen sieben Spielern eine riesige Lücke zur nächsten Gruppe.
Das werden wir in der zweiten Hälfte der ersten Runde merken. Die Lions (Pick 17), Steelers (21), Eagles (23), Browns (24), Bears (25), Texans (28), Dolphins (30) und Patriots (31) könnten allesamt hier auf einen Tackle schielen. Und auch San Francisco und Kansas City würde ich in diesem Bereich der ersten Runde nicht ausschließen.
Zwei Tackles könnten in der Top 10 gehen (Arizona, Cleveland), Miami (Pick 11) wäre der nächste Tackle-Kandidat. Ab Pick 17 beginnt dann der Run, und hier werden Teams auch bereits jetzt an kleineren Trades arbeiten, um gegebenenfalls über einen Tackle-Rivalen zu springen.
Die Berichte rund um Cornerback Jermod McCoy ähneln dem, was letztes Jahr mit Will Johnson passiert ist: Herausragendes Tape, aber Berichte über langfristige Knieprobleme sorgen dafür, dass ein gutes Prospect deutlich später geht als ursprünglich gedacht.
Bei McCoy kommt erschwerend hinzu, dass er infolge eines Kreuzbandrisses letztes Jahr gar nicht gespielt hat, sodass Teams ihn anhand des 2024er Tapes bewerten müssen. McCoy konnte zwar im Pre-Draft-Prozess ein Workout für Teams absolvieren, war dort aber noch nicht gänzlich bei 100 Prozent, sodass auch hier Zweifel mitschwingen.
Rein vom Tape her ist er neben Mansoor Delane der Top-Corner in dieser Klasse und wäre, wenn er fit ist, ein Top-15-Pick. Die Realität aber wird sein, dass er später geht. Vielleicht sogar erst in der zweiten Runde, die Gerüchte in diese Richtung häufen sich mittlerweile.
Rueben Bain hat keine derartigen Fragezeichen. Hier steht eher das Thema im Raum, ob Bain mit seinen sehr kurzen Armen ein Top-Pass-Rusher werden kann. Und allem Anschein nach ist die Liga dort trotz Bains eindrucksvoller College-Karriere skeptisch.
Bain taucht mittlerweile vermehrt außerhalb der Top 10 in Mock Drafts auf. Schrager berichtete zuletzt, dass er an Pick 12 noch da sein könnte. Baltimore mit Pick Nummer 14 soll sein Floor sein. Das ist ein gänzlich anderer Bereich, als noch vor einem Monat bei Bain gemutmaßt wurde.
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Adrian Franke