21.04.2026
"Coach" Esume im Gespräch
In Deutschland ist Patrick Esume eines der bekanntesten Gesichter des Footballs. Im kommenden Draft wird er gemeinsam mit Kasim Edebali und Björn Werner bei RTL/Nitro das Event moderieren. Im exklusiven Interview mit football-world.news spricht er über den Football in Europa, die größten Talente im Draft und die deutsche Draft-Hoffnung Marlin Klein.

Sie sind, abgesehen von Spielern, das Gesicht des deutschen Footballs. Was hätte der junge Football-Spieler Patrick Esume dazu gesagt, wenn er gewusst hätte, dass sich sein Leben so entwickelt?
Das ich noch erlebe, dass die NFL reguläre Saisonspiele hier spielt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Aber das ist auch schon 32 Jahre her. In der Zwischenzeit ist viel Wasser die Elbe runtergeflossen. Und heute ist das schon Normalität.
Wie würden Sie die Entwicklung des deutschen Footballs seit Ihrer aktiven Zeit beschreiben?
Da hat sich natürlich super viel getan. In meiner aktiven Zeit als Spieler und Trainer gab es noch die NFL Europe. Das war für den europäischen Spieler das Nonplusultra, in der kleinen NFL zu spielen. Nach dem Ende der NFL Europe sind viele wirklich gute Spieler und Trainer im Amateurfootball unterwegs gewesen.
Und dann kam die Live-Übertragung der NFL jeden Sonntag dazu. So hat der Sport immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. Seit 2015 läuft die Regular Season jetzt schon im TV. Wenn du Zuschauer der ersten Stunde bist und als Teenager angefangen hast, Football zu schauen, dann bist du jetzt im besten Football-Alter. Viele sind mit dem Sport aufgewachsen. Die Übertragungen bei RTL haben dem Ganzen zuletzt noch einmal zusätzliche Reichweite gegeben - genauso wie die NFL-Spiele in Deutschland selbst. Das hat die Entwicklung massiv beschleunigt.
Was muss sich noch verändern, damit sich American Football in Deutschland weiter etabliert?
Die NFL geht da sehr strategisch vor und setzt stark auf Flag Football. Dass Flag Football olympisch wird, hilft natürlich enorm. Entscheidend ist jetzt, dass die Sportart stärker in die Schulen kommt. Wenn Kinder früh damit in Kontakt kommen, wächst automatisch auch die Basis in den Vereinen.
Das Hauptprodukt bleibt trotzdem NFL-Tackle-Football - das übt einfach eine besondere Faszination aus. Aber Flag Football ist einfach leichter zugänglich. Du kannst Kindern einfach einen Ball geben und sie legen los - ähnlich wie beim Fußball auf dem Schulhof.
Das sehe ich auch, wenn ich in Hamburg oder am Strand unterwegs bin - überall fliegt ein Football durch die Luft. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber da ist noch Luft nach oben.
Obwohl die Sportart immer weiter wächst in Deutschland, gibt es auch immer mal wieder Rückschläge. Gerade in den unteren Ligen lösen sich immer mehr Vereine auf, oder können nicht antreten. Dieses Jahr sind es die Bonn Gamecocks und auch die Assindia Cardinals, die sich schon aus dem Ligabetrieb zurückgezogen haben. Haben Sie eine Einschätzung, woher das kommt?
Die Assindia Cardinals sind schon lange dabei und waren früher ein Team mit sehr guten Spielern. Sie haben eine Zeit lang auch in der zweiten Liga eine starke Rolle gespielt. Als ich noch Coach bei den Hamburg Huskies war, haben wir selbst einmal gegen sie gespielt.
Grundsätzlich ist es im Amateurbereich aber oft so, dass Programme stark von einzelnen Schlüsselpersonen abhängen. Wenn solche Persönlichkeiten wegfallen - etwa engagierte Trainer oder Volunteers, die einen Verein über viele Jahre getragen haben -, entsteht schnell ein Vakuum. Dann verschlechtert sich das Coaching, Partner springen ab und Spieler wechseln zu anderen Teams mit stabileren Strukturen. Solche Entwicklungen führen häufig dazu, dass Vereine sportlich zurückfallen oder sich ganz zurückziehen müssen.
Ein gutes Beispiel ist der Jugendbereich hier in Hamburg. Die Familie Schulz engagiert sich seit Jahrzehnten im Nachwuchsprogramm der Hamburg Huskies. Das ist eine enorme Konstante. Sollte dieses Engagement irgendwann wegfallen, würde auch dort ein größerer Umbruch bevorstehen.
Welchem Team drücken Sie für 2026 in Deutschland oder in Europa die Daumen? Sind das die Huskies, oder haben Sie noch einen anderen Favoriten?
Ich drücke natürlich erst einmal allen Hamburger Jugendteams die Daumen. Es wäre schön, wenn ein deutscher Jugendmeister irgendwann auch mal aus Hamburg kommen würde. Ich glaube, das Talent ist auf jeden Fall da - wir bekommen nur noch nicht immer die PS auf die Straße.
Ich habe 2007 selbst die Hamburger Jugendauswahl gecoacht, damals noch zu Zeiten der NFL Europe. Deshalb weiß ich, welches Potenzial hier vorhanden ist. Als meine Heimatstadt liegt mir Hamburg natürlich besonders am Herzen.
Ansonsten gibt es kein konkretes Team, bei dem ich sagen würde: Davon bin ich ein großer Fan. Ich verfolge aber sehr genau, was sich bei den Hamburg Pioneers entwickelt - vor allem im Nachwuchsbereich und bei den Flag-Football-Programmen. Mich interessiert dabei vor allem die Zukunftsperspektive und weniger der Status quo.
Welche Teams sind für Sie vor dem Draft die stärksten in der NFL?
Ich mag die Los Angeles Rams sehr - vor allem das, was sie in der Free Agency auf der Cornerback-Position gemacht haben. Das war richtig stark. Allerdings gibt es rund um Davante Adams noch offene Fragen, und auch Puka Nacua befindet sich aktuell in der Rehabilitation. Deshalb könnte es gut sein, dass die Rams im Draft noch einmal auf der Receiver-Position nachlegen. Auch die Seattle Seahawks werden wieder stark sein - selbst nach dem Abgang von Kenneth Walker III. Und wenn der Draft gut läuft, sollte man auch mit den Chicago Bears rechnen. Meinen Las Vegas Raiders traue ich zwar eine bessere Saison zu als letztes Jahr, aber aktuell würde ich sie noch nicht in eine Reihe mit diesen Teams stellen.
Wer glauben Sie wird die Überraschung in diesem Draft?
Es gibt ja immer einen Pick, auch häufig in den Top 10, wo man sich denkt: Das hätte ich jetzt nicht gedacht. In meinem Mock Draft habe ich beispielsweise ein Trade-Szenario: Die Dallas Cowboys holen sich den dritten Pick der Arizona Cardinals. Die Cardinals brauchen zwar Hilfe in der Offensive Line, aber an Position drei würde ich dieses Jahr keinen Tackle holen. Sie haben mit Paris Johnson Jr. bereits eine wichtige Baustelle besetzt. Deshalb wäre ein Trade sinnvoll - etwa in den Bereich um Pick elf oder zwölf. Dort bekommst du immer noch sehr gute Tackles wie Spencer Fano, Francis Mauigoa oder Monroe Freeling. Auch Max Iheanachor ist ein extrem spannendes Project mit großem Potenzial.
Meine eigentliche Überraschung wäre deshalb ein Trade nach oben durch die Cowboys. Ich könnte mir vorstellen, dass Cowboys-Owner Jerry Jones unbedingt einen hochtalentierten Pass-Rusher wie Arvell Reese oder Rueben Bain holen möchte.
Eine weitere Überraschung wäre für mich, wenn Kenyon Sadiq bereits in den Top 10 vom Board geht - oder wenn Jeremiyah Love überraschend aus den Top 10 herausfällt.

Haben Sie einen Sleeper im Draft?
Max Iheanachor ist ein spannender Kandidat. Streng genommen ist er kein klassischer Sleeper mehr, weil er als Top-50-Spieler gilt. Trotzdem kann ich mir gut vorstellen, dass er früher vom Board geht als einige andere Tackles. Sein Potenzial ist enorm - auch wenn er noch an einzelnen Details arbeiten muss, bringt er körperlich und athletisch fast alles mit. Ein weiterer Name auf meiner Liste ist Akheem Mesidor von Miami. Aufgrund seiner Erfahrung traue ich ihm zu, schon in seinem ersten NFL-Jahr überraschend produktiv zu sein.
Welcher Receiver ist nach Carnell Tate für Sie der beste? Makai Lemon, Jordyn Tyson oder doch K.C. Concepcion, Omar Cooper Jr. oder Denzel Boston?
Mir gefällt Boston sehr gut - sein Tape überzeugt mich. Am Ende hängt es aber stark davon ab, welchen Receiver-Typ ein Team sucht. Wenn ein Team einen F- oder H-Receiver für den Slot braucht, würde ich Makai Lemon nehmen. Er ist auf der Slot-Position extrem stark und kann auch als Z-Receiver außen eingesetzt werden.
Sucht ein Team dagegen einen klassischen X-Receiver, ist Jordyn Tyson für mich die bessere Wahl. Allerdings muss man seine Verletzungshistorie im Blick behalten - mit Kreuzband-, Meniskus- und Schlüsselbeinverletzung bringt er ein gewisses Risiko mit.
Wir haben es bei Jermod McCoy gesehen, dass er die gesamte Saison wegen einer schweren Verletzung pausieren musste. Avieon Terrell konnte beim Pro Day gar nicht viel machen. Er hat sich bei seinem privaten Pro Day auch direkt noch einmal am Hamstring verletzt. Was für eine Rolle spielen solche Verletzungen beim Draft?
Wenn ein Spieler bereits als verletzungsanfällig gilt und sich dann ausgerechnet beim Pro Day noch einmal verletzt, schrillen bei den Teams definitiv die Alarmglocken. Gerade an solchen Tagen willst du deine beste Leistung zeigen. Wenn das nicht gelingt, wirft das automatisch Fragen zur Belastbarkeit auf. Man darf nicht vergessen: Ein Top-20-Pick bedeutet ein Investment von 30 bis 40 Millionen Dollar im Rookie-Vertrag - da schauen die Teams ganz genau hin.
Ich persönlich sehe zum Beispiel einen deutlichen Unterschied zwischen Mansoor Delane und Avieon Terrell. Delane spielt mit enormem Selbstvertrauen. Und genau das brauchst du als Cornerback in der NFL.
Als Cornerback wirst du regelmäßig von deinem Gegenspieler geschlagen und dann entscheidet dein Selbstvertrauen, ob du noch ein Play machen kannst oder völlig die Nerven verlierst. Und Delane hat die Nerven, die du brauchst, um Cornerback in der NFL zu spielen. Athletisch sind viele Spieler auf diesem Niveau ähnlich stark, aber auf NFL-Level entscheidet oft der Kopf. Du spielst plötzlich gegen erfahrene Veteranen, die Trash Talken und extrem präzise Routen laufen. Wenn dir dort das Selbstvertrauen fehlt, wird es sehr schwer, sich durchzusetzen.
Als GM eines Cornerback-Needy-Teams würden Sie sich auch für Delane entscheiden?
Ja!
Marlin Klein ist einer der meistdiskutiertesten deutschen Namen im Draft. In welcher Runde sehen Sie ihn vom Board gehen? Und bei welchem Team würden Sie ihn gerne sehen?
Ich sehe ihn irgendwo zwischen Runde drei und sechs. Es gibt einige Teams, die Bedarf auf der Tight-End-Position haben und mit seinem Auftritt beim NFL Combine hat er sich auf jeden Fall einen großen Gefallen getan. Das war richtig stark.
Rein körperlich bringt Klein alles mit, was du von einem Tight End erwartest - Größe, Länge und Athletik. Wenn man ihn zum Beispiel mit Kenyon Sadiq vergleicht: Sadiq ist sehr explosiv und stark, aber nicht ganz so prototypisch gebaut. Klein erfüllt diese physischen Anforderungen nahezu ideal.
Die größte Herausforderung für ihn ist eher seine Herkunft. Deutschen Spielern wird immer noch nachgesagt, sie hätten weniger Erfahrung oder Sprachbarrieren. Ich halte das für überholt.
Entscheidend wird sein, dass er zu einem Team kommt, das einen klaren Plan mit ihm hat - nicht zu einem Team, das einfach noch einen zusätzlichen Tight End für die Kadertiefe sucht. Dann wird es im Trainingscamp schnell schwierig. Wenn er dagegen in der vierten Runde zu einem Team geht, das wirklich eine Rolle für ihn vorgesehen hat, traue ich ihm absolut zu, sich einen Platz im Kader zu erarbeiten. Seinen Weg in der NFL wird er machen, da bin ich ziemlich sicher.
Es gilt als ziemlich sicher, dass Fernando Mendoza an erster Stelle zu den Las Vegas Raiders geht. Das Team hat aber auch Kirk Cousins verpflichtet. Würden Sie Mendoza sofort starten lassen oder zunächst hinter Cousins aufbauen?
Ich würde es so angehen, wie es vermutlich auch die Raiders machen werden: Zunächst holst du ihn in die Facility und lernst ihn im Alltag kennen. In den Interviews zeigt sich jeder von seiner besten Seite, beim Combine wirfst du ohne Druck. Entscheidend ist, wie er mit Playbook, Mitspielern und Coaching Staff im Trainingsalltag umgeht.
Nach Rookie Camp und Minicamp hast du dann ein deutlich besseres Gefühl dafür, ob er schon bereit ist, zu starten oder noch Zeit braucht. Wenn ich überzeugt bin, dass er so weit ist, dann starte ich mit ihm. Wenn nicht, beginnt Kirk Cousins die Saison - und Mendoza kann von einem extrem professionellen Quarterback lernen: Vorbereitung, Gameplan-Arbeit, Kommunikation mit dem Coordinator.
Müsste ich es heute entscheiden, würde ich mit Cousins starten und Mendoza behutsam aufbauen. Auch als First-Overall-Pick geht es am Ende darum, dass er der Quarterback für die nächsten zehn Jahre wird - nicht nur für die ersten zweieinhalb.
Die Kansas City Chiefs haben diesmal einen ungewöhnlich hohen Draft-Pick. Wen sehen Sie dort - oder auf welche Positionsgruppe sollten sie gehen?
Die Chiefs brauchen aus meiner Sicht dringend Verstärkung auf Right Tackle. Der Schutz für Patrick Mahomes muss Priorität haben.
Jawaan Taylor, der in der Free Agency das Team verlassen hat, hat in vielen Spielen zu viele Strafen verursacht - Alignment-Fehler, Holdings, False Starts. Nach seinem Abgang ist noch mehr Bedarf auf der Position als ohnehin schon.
Offensiv sind die Chiefs ansonsten gut aufgestellt: Sie haben mehrere Receiver, weiterhin Travis Kelce und mit Kenneth Walker III zusätzliche Top-Qualität im Backfield. Unter Eric Bieniemy könnten sie wieder stärker auf das Laufspiel setzen. In den letzten Jahren war häufig Patrick Mahomes der Leading Rusher der Chiefs - das ist kein gutes Zeichen.
Deshalb erwarte ich, dass die Chiefs im Draft gezielt ihre Offensive Line - insbesondere auf Right Tackle - verstärken. Denn im Football gilt nach wie vor: Ein Team kommt nur so weit, wie es seine Offensive Line trägt.
Freitag, 24. April, ab 01:00 Uhr (CET): Draft Tag 1 (Runde 1) im Free-TV bei NITRO und im Livestream auf RTL+
Samstag, 25. April, ab 00:30 Uhr (CET): Draft Tag 2 (Runden 2-3) im kostenfreien Livestream auf RTL+
Samstag, 25. April, ab 18:00 Uhr (CET): Draft Tag 3 (Runden 4-7) im kostenfreien "NFL Network"-Livestream auf RTL+
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Noah Hülsmans